Regen bringt zwar bekanntlich Segen, doch war es dann gut, dass bei Trettmann, dem Hauptact am Freitagabend, das Nass von oben Ruhe gab und man die bombastische Show trocken genießen konnte. Ab und an umrahmt von Tänzern, gibt Trettmann auf der riesigen Hauptbühne der Hip-Hop Open Cloud-Rap mit Dancehall und Raggae-Beats zum Besten und die Menge tobt, schenkt Lichtermeere und singt mit. Sei es „Zeit steht“, die Grönemeyer-Kollaboration „Stefan Richter“ oder der Song „New York“ – Tretti, der nach drei Jahren Pause wieder auf Tour ist, ist ganz da. Und immer wieder zu hören: der berüchtigte Einspieler „Kitschkrieg“, Name seines Produzententeams.
Die Leinwände werfen weißes und schwarzes Licht aufs Publikum, wie des Rappers Outfit. Der Platz vor der Hauptbühne ist übervoll. Die Bässe wummern über den Wasen und geben einen guten Sound ab, wie auch schon zuvor bei US-Rapstar Jid, der eine gute Stunde über die Bühne wirbelt und seine Meisterschaft im Sprechgesang präsentiert. Er begeistert mit DJ und Visuals in Rot, Grün, Bunt. Ein Hurrikan des Hip-Hop. Schade, dass es bei ihm länger dauerte, bis das ganze Publikum vor die Bühne gelassen wurde. Nach acht Jahren Pause zeigen sich die Hip-Hop Open 2023 im neuen und alten Gewand, haben erneut nationale und internationale Größen geladen, im Line-Up sind nun mehr Frauen vertreten. All die Künstlerinnen und Künstler, die am Freitag zugegen sind, können an dieser Stelle nicht erwähnt sein, auch wenn jede und jeder ganz für sich steht.
Chartstürmer präsentiert Superhit „Friesenjunge“
Bei Jids Song „151 Rum“ läuft im Hintergrund der Text mit, besonders geübte Fans haben die Herausforderung angenommen. Auch „Surround Sound“ und die Imagine Drangons-Kollab „Enemy“, aus dem Soundtrack der Netflix-Serie „Arcane“, hat er dabei. Haupt- und Nebenbühne befinden sich in großem Abstand nebeneinander auf dem Cannstatter Wasen, wo im fliegenden Wechsel die Stars aufwarten und das Publikum die Möglichkeit hat, hin- und herzugehen, was mal mehr, mal weniger funktioniert. Die einzelnen Acts spielen zwischen 40 Minuten und über einer Stunde und wer eine Pause will, kann, aber muss sie nicht machen. Wer sich noch nicht mit dem an den Schlumpfensound erinnernden Hit „Friesenjunge“ auseinandergesetzt hat, konnte das gegen 17 Uhr tun, als Ski Aggu auf die Bühne tritt, mit dem Nirvana-Intro „Smells like Teen Spirit“, und, wenn auch erst ganz am Ende, seinen Chartstürmer präsentiert. Den Scherz-Rap hat der aus Berlin-Wilmersdorf stammende Rapper derzeit für sich gepachtet und macht einmal mehr keinen Hehl daraus, bei den nächsten Wahlen als Bundeskanzler antreten zu wollen. Neben „Party Sahne“ sind auch „Hubba Bubba“ und „Super Wavy“ zu hören. Party, Party, Party heißt es da.
Rap-Queen Badmómzjay zeigt sich von ihrer besten Seite
Am frühen Abend zeigt sich Rap-Queen Badmómzjay von ihrer besten Seite, mal mit mal ohne Tänzer:innen und mal mit Verstärkung von Rapper Takt 32. Sei es „Keine Tränen“ oder „Nie mehr zurück“, Badmómz hat dabei, was Fans wollen, wagt sich auch mal in den Regen und spielt, wie angekündigt, live und ohne Backup. Der Hit „Auf die Party“ gehört mit ins Programm, auch wenn Song-Kollegin Domiziana erst gegen 1 Uhr nachts im Wizemann spielen wird. Überhaupt lässt sich sagen, dass die Künstlerinnen und Künstler durchweg für große Hip-Hop Momente mit starken Auftritten sorgen, die jedes Hip-Hop Herz höherschlagen lassen. Zurecht sind da unentwegt die Hände in der Luft, bilden sich die Moshpits bei jeder Gelegenheit, dem nachmittäglichen Regenschauer und den Pfützen zum Trotz. Da sei man sowieso schon nass und dreckig, und da kommt’s nun auch nicht mehr drauf an.
Für die Überraschung des Tages sorgt Kool Savas
Für die Überraschung des Tages sorgt Kool Savas, der kurzerhand für den aus Großbritannien stammenden Aitch einspringt, der wegen Schwierigkeiten bei der Einreise seinen Auftritt absagen musste. Der „King of Rap“ erweist seinem Namen alle Ehre, kommt mit „Rhythmus meines Lebens“ oder „King“ und erzählt von seinen eineinhalb Jahren, die er einst in Stuttgart lebte. Er wird am Sonntag noch einmal in der Liederhalle im Rahmen des Red Bull Symphonic zu sehen sein, dann mit Hip-Hop meets Classic. Und als wäre ein spontaner Auftritt nicht genug, gesellt sich noch Badmómzjay dazu. Das Gefühl, dass bei solch einem Festival Vieles und Alles möglich ist, entsteht durch solche Initiativen und macht die Verbundenheit, die in diesem Genre entstehen kann und wofür es auch steht, einmal mehr deutlich. Laut Veranstalter besuchen an diesem Wochenende insgesamt 25.000 Menschen die Hip-Hop Open und Tag eins lässt sich mit Sicherheit als Erfolg verbuchen. Und der Regen - der wird auch an Tag Zwei niemanden davon abhalten ordentlich zu bouncen.