Historie aus der Region Stuttgart Ein Anti-Hitler-Flugblatt der Konservativen
In einem jetzt aufgetauchten Pamphlet, das vermutlich aus dem Jahr 1940 ist und aus der Region Stuttgart stammt, wird dem „Führer“ ehrloses Handeln vorgeworfen.
In einem jetzt aufgetauchten Pamphlet, das vermutlich aus dem Jahr 1940 ist und aus der Region Stuttgart stammt, wird dem „Führer“ ehrloses Handeln vorgeworfen.
Ein Flugblatt gegen den „Größten Führer aller Zeiten“, Adolf Hitler, hat ein Homburger Antiquar jüngst in seinem Verkaufsbestand entdeckt. Das Pamphlet, das dem Führer ehrloses Vorgehen in mehreren Fällen vorwirft, kommt gesichert aus der Region Stuttgart. „Das Flugblatt lag in einem Karton mit alten Papieren. Alle anderen Teile in der Schachtel waren aus Stuttgart und der Umgebung“, versichert der Fachmann für historische Dokumente.
In dem Handzettel wirft der Verfasser dem Führer wiederholtes ehrloses Verhalten vor. Zudem wird befürchtet, dass es so weiter gehen werde. Und es waren Propheten, denn die Vorahnung, dass die „Deutsche Ehre in Gefahr ist“, sollte sich, wie der weitere Verlauf der Geschichte des sogenannten Dritten Reiches zeigt, als richtig herausstellen.
Doch das Druckwerk ist kein Flugblatt geprägt von den Idealen der Freiheit, der Demokratie und des Widerstandes gegen die Tyrannei, wie die sechs Schriften der „Weißen Rose“. Der Verfasser oder die Verfasser dieses Pamphlets sprechen nicht wie Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst und ihr Freundeskreis von der „politischen Verantwortung der deutschen Intelligenz“.
Ganz im Gegenteil, der oder die Autoren des nun aufgetauchten Druckwerkes befürworten den Krieg und den Militarismus. Sie haben kein Problem damit, dass andere Länder angegriffen werden, doch es widerstrebt ihrer „Ehre“, dass die Angriffe auf, laut der seinerzeit gepredigten Rassentheorie, „kleine und rassenfremde Staaten“ stattfanden – was die deutsche Politik „entehre.“
Durch den Passus „Hitler hat die deutsche Luftwaffe durch die Angriffe auf Fischkutter entehrt“, lässt sich ungefähr der Zeitpunkt dokumentieren, an dem das Flugblatt erstellt wurde – wahrscheinlich im Sommer 1940. Die angesprochenen Ereignisse fanden vom 1. bis zum 26. Mai. 1940 statt, als die deutsche Luftwaffe gegen den Schiffsverkehr an der norwegischen Küste operierte.
In der Zeit wurden ein norwegisches Lazarettschiff und ein Küstendampfer versenkt, auch zahlreiche für die U-Boot-Jagd umgebaute britische und norwegische Trawler, also Fischkutter, sowie mit Militärgütern, Benzin und Truppen beladene Dampfer wurden versenkt oder schwer beschädigt.
Mit der Anspielung auf das Ende der „Graf Spee“ wird in dem Flugblatt auf das wenig rühmliche und auf keinen Fall ehrenhafte Schicksal des gleichnamigen großen Panzerschiffes hingewiesen. Das Flaggschiff der deutschen Kriegsmarine wurde während des Spanischen Bürgerkrieges und zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eingesetzt. Sein einziger großer Einsatz war eine Kaperfahrt im Südatlantik während des Handelskrieges, wobei neun Handelsschiffe ohne einen Verlust von Menschenleben versenkt wurden.
Vor Uruguay lieferte sich die Spee am 13. Dezember 1939 einen Kampf mit drei britischen Kreuzern und wurde beschädigt. Das Schiff lief Montevideo an, während die Briten die Mündung des Río de la Plata blockierten. Die Regierung von Uruguay bestand auf einer Ausreise innerhalb von 72 Stunden, eine Reparatur war nicht möglich. Da sich der Kommandant in aussichtsloser Lage wähnte, ließ er das Schiff am 17. Dezember von der eigenen Besatzung versenken.
Dass das Flugblatt ein Werk der alliierten Propaganda gewesen ist, ist auch nicht von der Hand zu weisen, doch das ist eher unwahrscheinlich. Im Jahr 1940 hatte die Luftwaffe noch die Lufthoheit über Deutschland und ein Flug der Royal Air Force bis in die Gegend von Stuttgart, um anstatt der Bombenlast Flugblätter abzuwerfen, war ein viel zu riskantes Unterfangen.
Interessant ist, was das von dem Homburger Archivar angebotene Konvolut noch Weiteres an historischen Dokumenten enthält. Es besteht vorwiegend aus Akten, Vorschriften, Erlassen und dem Schriftverkehr der amerikanischen und der französischen Militärregierung in den beiden ersten Nachkriegsjahren mit den Rathäusern in und rund um Stuttgart und den verschiedenen Landratsämtern der Region.
So gibt es von der französischen Militärregierung in Stuttgart, mit Sitz in der Richard-Wagner-Straße 15, eine Kaufgenehmigung vom 6. Juni 1945, die es dem Vorzeiger erlaubt, 40 Hühner zu erwerben. Am 3. Juli 1945 lässt der Landrat des Kreises Vaihingen die Bürgermeister wissen, dass das französische Militärgouvernement beschlossen hat, die nach dem Einmarsch beschlagnahmten Telefonapparate wieder freizugeben. Wieder Fernsprechgeräte haben durften alle öffentlichen Ämter, für das öffentliche Leben unentbehrliche Betriebe wie Elektrizitätswerke, die Krankenhäuser sowie Ärzte und Hebammen, soweit sie nicht Mitglieder der NSDAP gewesen sind.
Ein Jahr nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands wenden sich am 8. Mai 1946 die Landräte von Leonberg bis Ludwigsburg auf Befehl der amerikanischen Militärregierung an die Bürgermeister. Wie aus dem Schreiben des Landrats von Vaihingen/Enz hervorgeht, sei alles zu unternehmen, um Grabstätten amerikanischer und alliierter Soldaten, die während des Krieges gefallen sind, ausfindig zu machen
Ein anderes Dokument aus der Kiste ist die Bekanntgabe des „Chief of Film, Theatre und Music in Stuttgart.“ Er lässt die Herren Bürgermeister des Kreises wissen, „dass alle Theater-, Musik- u. Variete-Veranstaltungen nicht von den lokalen Militärregierungen und auch nicht von den Bürgermeistern oder Landräten genehmigt werden können. Die zuständige amerikanische Stelle für diese Art öffentlicher Veranstaltungen ist die 6871st District Information Services Control Command, die ihren Hauptsitz in Stuttgart, Tagblatt-Turm, 5. Stock hat.“