Historie der Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart Das Stadion im Wandel der Zeit

So sah das Stadion im Jahre 1933 aus. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

Wieder werden an der Mercedes-Benz-Arena die Bagger auffahren. Der ewige Umbau geht weiter. Vor 106 Jahren wurde am Wasen ein Stadion gebaut. Der Beginn einer langen Historie, die mehr ist als nur der VfB.

Stuttgart - Rauchen schadet Ihrer Gesundheit. Das gilt auch für Stadien. Bereits 1913 wird der Vorgänger des Stadions am Wasen gebaut. 7000 Tribünenplätze, 13 000 Stehplätze, aus Holz. Eine glimmende Kippe entfacht am 11. August 1914 einen Brand. Stuttgart hat eine Aschenbahn, aber kein Stadion mehr. Ein Zustand, der einer Großstadt nicht würdig sei, finden etliche Bürger und gründen 1925 den Verein Stadion Stuttgart.

 

1928 tauscht die Stadt ihre Flächen auf dem Burgholzhof gegen das 139 Hektar große Gelände auf dem Wasen, das bis dato dem Staat Württemberg gehört hatte. Solchermaßen vorbereitet, erhält die Stadt den Zuschlag für das Deutsche Turnfest 1933. Der Gemeinderat stellt 2,4 Millionen Reichsmark für den Bau bereit. Architekt Paul Bonatz plante das Stadion für 35 000 Zuschauer. Die Attraktion ist das freitragende Tribünendach.

Am 23. Juli 1933 wird es eingeweiht – und Adolf-Hitler-Kampfbahn getauft. Das Turnfest im Juli 1933 wird zur Propaganda-Schau der neuen Machthaber. Die Akademische Turnerschaft nimmt bereits in SA-Kleidung an neuen Wettbewerben teil: kriechen unter Drahthindernissen, Keulenwerfen und hernach in Deckung gehen. Die Kriegsvorbereitungen haben begonnen.

Max Schmeling boxt im Stadion

Noch aber ist Geld für Brot und Spiele da. 1935 werden Wälle aufgeschüttet, die Kapazität auf 70 000 Zuschauer erhöht. So viele kommen auch, als 1937 die Fußball-Nationalmannschaft Frankreich mit 4:0 schlägt. Kurz vor Kriegsausbruch knockt Max Schmeling im Juli 1939 nach 51 Sekunden seinen Landsmann Adolf Heuser aus. 1940 läuft Weltrekordler Rudolf Harbig mit 1:47,8 Minuten über 800 Meter die zweitbeste Zeit seiner Karriere. Er fällt 1944 in der Ukraine.

Deutschen war der Eintritt verboten

Der Neuanfang geschieht zwischen Bombenkratern, ohne Kiebitze. Im Mai 1945 kicken tunesische Soldaten gegen russische Zwangsarbeiter. Die Amerikaner verwehren Deutschen zunächst den Zutritt ins von ihnen so getaufte Century Stadium. Doch bereits 1946 ist in einem Schreiben des Sportamts die Rede vom Neckarstadion. Drei Jahre später erhält es offiziell diesen Namen. 1951 wird die Gegentribüne fertiggestellt, die Stehwälle in den Kurven werden befestigt. Erster Höhepunkt nach dem Krieg ist 1949 das Finale um die deutsche Meisterschaft zwischen dem VfR Mannheim und Borussia Dortmund (3:2). Mit Stahlrohrtribünen wird die Kapazität auf 90 000 Zuschauer erhöht. Für das Spiel wird das Sonntagsfahrverbot aufgehoben. Englische Zeitungen nörgeln, die Deutschen hätten in Stuttgart Benzin und Strom verschwendet.

Länderspiel-Bilanz: 263 Verletzte und ein 1:0-Sieg

Noch freigiebiger sind sie ein Jahr später. Zum ersten Fußball-Länderspiel nach dem Krieg gegen die Schweiz quetschen sich 115 000 Menschen ins Stadion. Barrieren brechen, Chaos bricht aus, es gibt Prügeleien um die Plätze. Der Sportbericht schreibt: „Gewisse Schwerbeschädigte sollten nicht vergessen, dass man nicht unbedingt von einem Stock oder Krücke Gebrauch machen muss, wenn man einem Ordner eine Stehplatzkarte vorzeigt, die er nicht in einen Sitzplatz verwandeln kann.“ Die Bilanz: 23 Schwer-, 240 Leichtverletzte und ein 1:0-Sieg durch Herbert Burdenski.

Pele zu Gast

Gesitteter geht es beim Gastspiel der Basketballartisten der Harlem Globetrotters, dem Evangelischen Kirchentag 1952 und beim nationalen Feldhandball-Triumph von Frisch Auf Göppingen 1954 zu. 1959 schlägt Real Madrid um Alfredo di Stefano Stade Reims im Landesmeistercup mit 3:1, 1961 läuft Wilma Rudolph in 11,2 Sekunden Weltrekord über 100 Meter. Alles selbstverständlich bei Tageslicht. 1963 wird im Neckarstadion die erste deutsche Flutlichtanlage eingeweiht. Und erleuchtet sogleich den Auftritt von Pelé. Mit dem FC Santos siegt er gegen den VfB mit 3:1. 1969 wird die Aschenbahn durch eine Kunststoffbahn ersetzt. Auf dieser wetteifern die besten Leichtathleten Europas und Amerikas 1969 beim Erdteilkampf, Weitsprung-Weltrekordler Bob Beamon ist der umschwärmteste Gast.

Mick Jagger singt

Als die Fußball-WM 1974 nach Deutschland vergeben wird, wird das Stadion saniert: Für 24 Millionen Mark wird die Haupttribüne neu gebaut, die Gegengerade überdacht, eine Anzeigetafel errichtet. Zwei Jahre später treten die Rolling Stones auf. 1986 wird für die Leichtathletik-EM eine Videotafel eingebaut. 1988 färbt sich Stuttgart grün: Irland schlägt bei der Fußball-EM England mit 1:0. 1989 ist Diego Maradona mit dem SSC Neapel beim Uefa-Cup-Endspiel zu Gast beim VfB.

Ständiger Umbau

Zur Leichtathletik-WM 1993 wird die Arena umgetauft. Mercedes kauft das Namensrecht für 10 Millionen Mark; das Stadion heißt nun Gottlieb-Daimler-Stadion und wird modernisiert. Es wird überdacht, die Haupttribüne umgebaut, eine neue Flutlichtanlage installiert. Bis Juli 2001 wird das Stadion für 51 Millionen Euro weiter modernisiert. Für die Fußball-WM 2006 folgt der Umbau der Gegengerade, neue Kassensysteme und Technik werden eingebaut. Die Kosten betragen 51,253 Millionen Euro. Sechs Spiele der WM finden hier statt, das Sommermärchen der deutschen Nationalmannschaft endet mit dem Sieg im Spiel um Platz drei gegen Portugal im Daimlerstadion.

Laufbahn kommt raus

Dann muss man sich an einen neuen Namen gewöhnen. Daimler hat in einem umstrittenen Handel 2008 das Namensrecht noch einmal gekauft. Von nun an wird in der Mercedes-Benz-Arena Sport getrieben. Beziehungsweise gekickt. Nur noch einmal dürfen die Leichtathleten ins Stadion. Beim Weltfinale im September 2008 müssen sie Abschied feiern. Der VfB und die Stadt lassen erneut die Bagger auffahren. Von 2009 an wird die Laufbahn herausgerissen, das Stadion wird zur reinen Fußballarena, die Platz bietet für knapp 60 000 Menschen. 2011 eröffnet das Länderspiel Deutschland gegen Brasilien offiziell das umgebaute Stadion. Nun wird für die EM 2024 der erste Rang der Haupttribüne neu gebaut.

Das Stadion bleibt eine ewige Baustelle. Noch etwas hat sich in 106 Jahren nicht geändert. Noch immer darf man dort rauchen.

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