Historiker zum Hitlerputsch Hitler war nicht die einzige Gefahr

Historiker Wolfgang Niess. Foto: SWR

Die Weimarer Republik sei durch nationalistische Kräfte im ganzen Reich bedroht gewesen, sagt der Stuttgarter Historiker Wolfgang Niess. Aus seinen Recherchen zieht er den Schluss: Der Putschversuch war nur die Spitze des Eisbergs.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Herr Niess, was hat Sie gereizt, nach 100 Jahren noch einmal ein Buch über den Hitlerputsch zu schreiben?

 

Zum einen die Tatsache, dass das letzte nennenswerten Buch vor nahezu 50 Jahren erschienen ist. Zum anderen hatte ich aufgrund meiner Recherchen zu dem Buch „Der 9. November. Die Deutschen und ihr Schicksalstag“ den Eindruck gewonnen, dass sich hinter dem Hitlerputsch viel mehr verbirgt als das, was üblicherweise zu lesen ist, dass er nur die Spitze des Eisbergs ist.

Wo sehen Sie da blinde Flecken?

Üblicherweise werden im Geschichtsunterricht die Namen Kahr oder gar Lossow und Seißer gar nicht erwähnt. Da wird das ganze Geschehen reduziert auf einen Putschversuch Adolf Hitlers. Im Fokus steht der Marsch zur Feldherrnhalle. Das wird gern ein bisschen ins Lächerliche gezogen. Auch in umfangreicheren Darstellungen wird kaum erwähnt, dass die bayerische Machtelite, insbesondere die Herren Kahr, Lossow und Seißer, seit dem 26. September 1923 darauf hingearbeitet haben, endlich für „Ordnung“ im angeblich jüdisch und marxistisch verseuchten Berlin zu sorgen. Mir ging es darum zu zeigen, dass es bis Anfang November 1923 eine gemeinsame Planung gab, in Berlin eine Diktatur zu errichten und die Demokratie zu beseitigen. Die Pläne waren sehr konkret und wurden nur vorübergehend auf Eis, aber nicht zu den Akten gelegt.

Zeitgenossen nannten den Hitlerputsch eine „Hanswurstiade“. War Hitler eine Hanswurst?

Keineswegs. Der Eindruck entsteht nur durch die Geringschätzung des Anteils der bayrischen Machtelite. Als „Hanswurstiade“ erscheint er allenfalls, wenn man davon ausgeht, dass Hitler mit seinen paar Tausend Mann das ganze Deutsche Reich erobern wollte. Wenn man aber sieht, dass Hitler versucht hat, die in Bayern stationierten Reichswehrtruppen und die Landespolizei hinter sich zu bringen, dann sieht die Geschichte ganz anders aus. Darauf zielt Stresemanns Ausruf, als er von dem Putschversuch erfahren hat: „Finis Germaniae“ – das hat sich nicht auf Hitler bezogen.

Welche Rolle spielte Hitler?

Er war einer von mehreren Befehlshabern paramilitärischer Verbände. Am 8. November 1923 hat er im Bürgerbräukeller den Versuch unternommen, die zögernden Herren Kahr, Lossow und Seißer wieder auf die gemeinsamen Pläne einzuschwören – jetzt unter seiner Führung.

Welche Bedeutung hatte der Coup von 1923 für die Machtergreifung 1933?

Die Weimarer Republik war nicht nur durch Leute wie Hitler bedroht. Weite Teile des konservativen Bayern und nationalistische Kräfte im ganzen Reich haben die Republik bekämpft und waren bereit, sie mit Waffengewalt zu beseitigen.

Welche Lehren lassen sich ziehen?

Ich halte mir immer vor Augen, dass die NSDAP bei der Reichstagswahl 1928 nur 2,6 Prozent erzielt hat. 1930 aber schon 18 Prozent. In extremen Krisen können sich solche Wählerwanderungen rasanter vollziehen, als der eine oder andere Verfassungsrichter glaubt. Somit könnten scheinbar unbedeutende Kräfte sehr schnell zu einem demokratiegefährdenden Machtfaktor werden – bevor das Bundesverfassungsgericht darüber nachgedacht hat, ob ein Verbotsantrag Erfolg hat.

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