Historikerstreit um Adelsfamilie Welche Rolle spielten die Hohenzollern für Hitler?

Auch das Potsdamer Schloss Cecilienhof fordern die Hohenzollern zurück – nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Familie durch die sowjetischen Besatzer enteignet. Foto: dpa/Christoph Soeder

Die Hohenzollern und Adolf Hitler – wie standen sie zueinander? Und hat sich Wilhelm von Preußen mit den Nationalsozialisten solidarisiert? An der Forderung der Adelsfamilie nach Reparationszahlungen hat sich ein Historikerstreit entzündet.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Berlin - Ein legendäres Foto zeigt Wilhelm von Preußen an der Seite Adolf Hitlers. Er lächelt dem NS-Diktator zu. Dessen verzückt erscheinender Augenaufschlag wiederum erweckt den Eindruck, als würde Hitler den Preußenspross geradezu anhimmeln. In Wirklichkeit war es vielleicht umgekehrt. Um diese Frage kreist ein kurioser Historikerstreit.

 

Wilhelm von Preußen, erstgeborener Sohn des letzten deutschen Kaisers, ist die Schlüsselfigur einer langwierigen Auseinandersetzung um Entschädigungsansprüche der Hohenzollern-Familie. Entscheidend ist dabei die Frage nach seiner Rolle beim Aufstieg der Nazis an die Macht. Experten widersprechen sich da vehement.

Seit 1991 reklamieren die Hohenzollern einen Ausgleich für Enteignungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgt waren. 1948 beschlagnahmte die Sowjetische Militäradministration Immobilien der Familie und verstaatlichte sie. Oberhaupt der ehedem kaiserlichen Sippe war seinerzeit der frühere Kronprinz Wilhelm, dessen Titel seit 1918 aber bloß noch eine Anmaßung war. Der hohenzollernsche Forderungskatalog umfasst nach Medienberichten unter anderem Tausende von Kunstobjekten sowie ein Wohnrecht im Potsdamer Schloss Cecilienhof. Das für solche Fälle maßgebliche Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz schließt solche Reparationen jedoch aus, sofern die Anspruchsberechtigten „in schwerwiegendem Maße dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet“ hätten. In den Fokus rückt deshalb das politische Verhalten des abgehalfterten Kronprinzen, der lange gehofft hatte, er könne eines Tages Kaiser Wilhelm II. auf den Thron nachfolgen – womöglich mit Hilfe der Nazis.

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Wolfram Pytas Gutachten entlastet den Preußen-Prinzen

Inzwischen haben vier namhafte Historiker die Rolle Wilhelms von Preußen beleuchtet und bewertet, unter ihnen Wolfram Pyta von der Universität Stuttgart. Sein Urteil in einem 154 Seiten umfassenden Gutachten, das den Preußen-Prinzen weitgehend von dem Verdacht entlastet, ein Steigbügelhalter Hitlers gewesen zu sein, gilt unter Fachkollegen als besonders anstößig. Die Stuttgarter Zeitung hat Pyta um eine Stellungnahme gebeten. Er will sich zu dem Streitfall im Moment aber nicht weiter äußern.

Einige Fakten sind unstrittig: Dazu gehört die Wahlempfehlung Wilhelms von Preußen zu Gunsten Hitlers im zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl 1932. Zudem hat sich der Sohn des Kaisers im gleichen Jahr mit einem Brief an den damaligen Reichsinnenminister Wilhelm Groener für eine Aufhebung des Verbots der nationalsozialistischen Kampfformationen SA und SS eingesetzt. Dokumentiert mit dem eingangs beschriebenen Foto ist seine Teilnahme am „Tag von Potsdam“ im März 1933 – einer Propagandashow, mit der die Nazis das konservativ und monarchistisch eingestellte Publikum umwarben.

Wollte Wilhelm mit Hitlers Hilfe eine Restauration der Monarchie erreichen?

Bei dem Expertenstreit geht es nun um die politische Bewertung dieser geschichtlichen Tatsachen. Alles in allem kommt der Stuttgarter Historiker Pyta dabei zu dem Schluss, dass der Kronprinz versucht habe, „mit der Hitler-Partei ins politische Geschäft zu kommen“, um eine Restauration der Monarchie zu erreichen. Er bewertet dies jedoch nur als „flüchtiges politisches Intermezzo“. Wilhelms Hoffnungen auf eine Rückkehr der Hohenzollern auf den Thron mit Hilfe der Nazis sei „politisch weltfremd“ gewesen. Er habe „dem NS-Regime nicht nur keinen Vorschub geleistet“, sondern „einen überaus aktiven Part bei der Verhinderung einer Kanzlerschaft Hitlers gespielt“.

Zu einem ähnlichen Fazit kommt Christopher Clark, der in Cambridge lehrt. Wilhelm habe „nur gelegentlich oder beiläufig“ die Nazis unterstützt, deren Diktatur aber „keinen erheblichen Vorschub geleistet“.

Wegen seiner „Unfähigkeit“ ordnet Clark den Kronprinzen als „Randfigur“ ein: Unter den aristokratischen Fans der Nazis sei Wilhelm „eine der politisch zurückhaltendsten und am wenigsten kompromittierten Personen“.

Die weiteren Gutachter kommen zu einem völlig anderen Urteil. Wilhelm sei zwar „kein blind gläubiger Nazi“ gewesen, schreibt Peter Brandt, ein Experte für die Geschichte des Staates Preußen. Er habe aber „stetig und in erheblichem Maße zum Übergang der Macht an die NSDAP und zu deren Festigung beigetragen“.

Manches in Pytas Entlastungs-Gutachten lässt sich nicht belegen

Stephan Malinowski, der in Edinburgh lehrt, hatte schon in früheren Publikationen die „öffentliche Solidarisierung des Hohenzollern mit den Schläger- und Mordmethoden der NS-Bewegung“ angeprangert. Der Kronprinz habe sich „im raffiniert austarierten Bühnenbild der NS-Propaganda exponiert positionieren lassen“. Die Behauptung seines Stuttgarter Kollegen Pyta, der Preußen-Stammhalter habe Hitler letztlich sogar verhindern wollen, nennt Malinowski „eine grobe Verzerrung der von Forschung und Quellen dokumentierten Sachlage“. Wilhelm habe mit seinem Vater, dem gestürzten Kaiser, den „Enthusiasmus über die Regierungsübernahme durch Hitler“ geteilt. Er habe letztlich die Rolle eines „nützlichen Idioten“ gespielt.

Pyta und Clark, die den Kronprinzen zu entlasten versuchen, müssen sich aus renommiertem Munde rüffeln lassen. Das Urteil des Stuttgarter Historikers „hat mich einigermaßen erstaunt“, gibt Heinrich August Winkler, Nestor seiner Zunft, in einem Interview mit dem „Spiegel“ zu Protokoll. Der Preußen-Prinz gehörte seiner Meinung nach „zu jenen, die in der Herrschaft Hitlers im Großen und Ganzen einen immensen Fortschritt gegenüber der Weimarer Republik sahen und im Führerstaat eine der Demokratie weit überlegene Staatsform“.

Der britische Historiker Richard Evans, einer der führenden Experten für die Geschichte des Dritten Reiches, ist noch ungnädiger. Pytas Entlastungs-Gutachten beruhe „lediglich auf Annahmen und Vermutungen“ und habe „erhebliche Beweisprobleme“. Sein Fazit klingt giftig: „Man sollte sich hüten, Dinge zu behaupten, die man nicht belegen kann.“

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