„ Wer noch keine Türschwelle gesehen hat von vor 2000 Jahren, der wird hier bedient, das ist noch original.“ Holger Sonnabend steht mit einem Fuß auf einem Steinquader. Der Althistoriker präsentiert in seiner YouTube-Reihe „Geschichte vor Ort“ eines „der schönsten Heiligtümer des persischen Lichtgottes Mithras“. Das „Mithras-Heiligtum von Mundelsheim“, hoch über der Neckarschleife gelegen, sei eine archäologischen Perle des Landes Baden-Württemberg.
„Viele Menschen brausen hier täglich vorbei ohne zu ahnen, welches Juwel sich hier befindet am Industriegebiet.“ Entdeckt wurde der Kultort des Gottes aus Mesopotamien, jenem Land zwischen Euphrat und Tigris, das nun Iran heißt, im Jahr 1989. Im Gewann „Steinmäurich“ sollte eine Wasserleitung gebaut werden. Der Fund wurde sofort archäologisch untersucht, dokumentiert und restauriert, im Jahr 1990 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Das Mithräum steht in Zusammenhang mit dem Vicus, der Siedlung von Mundelsheim, und einer Villa rustica, einem römischen Landgut. Oscar Paret, von 1949 bis 1954 Landeskonservator Baden-Württembergs, ließ dort früh Grabungen durchführen. Die Rettungsgrabungen der Jahre 1988 bis 2004 wiesen ein römisches Siedlungsareal von insgesamt 3,5 Hektar nach, wohl aus der ersten Hälfte zweiten Jahrhunderts nach Christus.
Wie alt ist das Mithras-Heiligtum in Mundelsheim?
Das Heiligtum, so befanden Archäologen, stamme vermutlich aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts und stand bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts. Mithräiken habe es nicht nur am Neckar und im Südwesten zwischen dem römischen Grenzgebiet und dem „Barbarikum“ gegeben, sondern auch in vielen anderen römischen Provinzen bis nach Gallien, so Sonnabend.
„Dieser Mithras war ein Exportschlager.“ Zum Universalgott habe er sich entwickelt, viele Menschen begeistert, als Konkurrenz zum Christentum gegolten. „Er war ein Kämpfer für das Gute gegen das Böse, für das Siegreiche, für das Erfolgreiche“, so Sonnabend über die Weltsicht des Orients damals. So tötete Mithras in der Mythologie einen Stier, das böse Weltentier.
In der Regel waren Mithräen Hypogäen, also unterirdische Grabbauten – auch in Mundelsheim. Menschen, die dem Mithraskult frönten, kamen durch eine Vorhalle und einen Vorraum in den tiefer gelegenen Kultraum. Dort dienten Podien den Teilnehmenden als Sitzplätze. Der gesamte Innenraum war verputzt und wies Spuren einer einfachen Bemalung auf. Das zentrale Kultbild des Mithras, auf dem wohl die Stiertötung dargestellt war, befand sich an der Stirnseite des Mittelgangs. Geringe Reste kamen während der Ausgrabung zum Vorschein. Auch mehr als 200, zum Teil sehr kleine Fragmente verschiedener Götterbilder wurden gefunden, denen die Alamanneneinfälle des dritten Jahrhunderts stark zusetzten, dazu „Kultpartner“, Mithras Fackelträger Cautes und Cautopates. Opfergaben lagen in einem Behälter im Mittelgang, Tierknochen von einem Jungschwein und einem Hahn. Zwei Altäre sollen rechts und links des Kultbildes gestanden haben: Ein Altar mit Darstellung von Luna, also der Personifizierung des Mondes. Als Gegenstück hatte der andere Altar ein Bildnis von Sol, der Sonne. Allerdings hatte Mithras ein Defizit laut Sonnabend: An seinen Kulthandlungen durften nur Männer teilnehmen, vor allem Soldaten. „So kann man keine Weltreligion werden.“