Historisches Volksfest in Stuttgart Im Flohzirkus fließt Menschenblut

Von Frank Rothfuss 

Familie Birk gastiert mit dem einzigen noch existierenden Flohzirkus beim Historischen Volksfest auf dem Schlossplatz. Wer dort arbeitet, muss mit Herzblut dabei sein. Denn die Flöhe trinken nur frisches Menschenblut.

Die kleinen Artisten ziehen Wagen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 5 Bilder
Die kleinen Artisten ziehen Wagen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Roland Birk muss bluten. Immer wieder. Wenn seine Artisten Hunger haben, muss er ran und als Essen dienen. So ein Floh lässt sich nicht austricksen, der mag nur frisches Blut. „Es muss pulsieren“, sagt Diana Haug, die gerade mit dem Flohzirkus auf dem Stuttgarter Schlossplatz steht.

Eigentlich sind Karl, der stärkste Floh der Welt, Bastian Flohsteiger, der Kicker mit dem Wums, die Kutschenzieher Sissi und Rudi und die Ballerinas in München zu Hause. Dort lässt Birk seit Jahren seinen Flohzirkus auftreten. Extra für Stuttgart züchtete und dressierte er eine zweite Schar Flöhe. Während er in München beim Oktoberfest weilt, gastieren nun seine Frau Lydia und Diana Haug beim Historischen Volksfest.

Karl schleppt das 170 000-Fache seines Körpergewichts

Es ist dies eine uralte Unterhaltungskunst. Schon seit 500 Jahren reisen die Dresseure und zeigen die Stärke und das Können ihre Insekten. Karl etwa schleppt das 170 000-Fache seine Körpergewichts. Und könnten Menschen hüpfen wie die Flöhe, könnten sie mit sieben Sprüngen um den Erdball kommen. Roloff Otava zeigte seine Tiere Ende des 19. Jahrhunderts gar Königin Victoria von England, dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und Papst Leo XIII. Er war der Erste, der kleine Wagen aus Kupferblech fertigte, die die Flöhe zogen. Weil die Augen nachließen, vermachte er den Zirkus seinem Großneffen Peter Matthes senior.

Der hatte dann mit der zunehmenden Hygiene seiner Mitmenschen zu kämpfen. Es gab kaum noch Menschenflöhe. Was also tun? Er züchtete seine eigenen Menschenflöhe. Jeden Abend stellte er seinen Fuß in einen Eimer voller Flöhe. Während die Tiere aßen, las er Zeitung. Doch mancher Floh büxte aus. Und weil er den Weg in die Betten der sieben Kinder fand, war seine Frau ziemlich sauer. Sie drohte: Die Flöhe oder ich und die Kinder! Also besorgte Matthes sich fortan Flöhe von Katzen und Hunden. So macht es Roland Birk noch heute. Er kam 1983 zu Matthes junior. Und übernahm vor zwölf Jahren den Zirkus.

Wir wird Wonder Woman gebändigt?

Er arbeitet im Prinzip immer noch wie einst Roloff Otava. Die Flöhe bekommt er von Landwirten. Sie werden von Katzen und Hunden heruntergekämmt. Dann wählt er die Weibchen aus. Sie sind größer und stärker als die Männchen. Der Flohzirkus, er ist ein Amazonenreich. Aber wie werden all die Wonder Women gebändigt? Birk legt den Flöhen ein Halsband um, gebogen aus 0,13 Millimeter dünnem Golddraht. Er schaut durch eine Lupe, wenn er es über die Köpfe streift und biegt es vorsichtig zusammen. Dann beobachtet er die Tiere, schaut, ob sie lieber laufen oder springen. Flöhe können übrigens 35 Zentimeter weit und 20 Zentimeter hoch springen. Das machen sie aber eigentlich nur, um den Wirt zu wechseln.

Dies macht sich Birk bei seiner Fußballerin zunutze. Die hält den Ball fest, springt ab und stößt dabei den Ball ins Tor. So gibt es Jongleurinnen, Wagenzieherinnen, die im Verhältnis zum Körpergewicht von einem Milligramm einen Güterwagen zieht, und Ballerinas. Allen gemein ist, dass sie mittels Wärme und Kälte dressiert werden. Erst wenn es warm und hell ist, bewegen sich die Flöhe. Haben sie ihre Tricks gezeigt, dürfen sie ihn eine dunkle Box und ausruhen.

Die Bisse schmerzen nicht

Ungefähr ein halbes Jahr leben die Flöhe, bei Birks haben sie ständig ein Halsband um in dieser Zeit. Ist das nicht Tierquälerei? Nein, sagt Lydia Birk. Man habe sich vom bayerischen Veterinäramt bestätigen lassen, dass man die Tiere artgerecht halte. Artgerecht, dass heißt frisches Blut. Weil Roland Birk ja in München ist, muss Diana Haug ran. Diese Arbeit muss man wahrlich mit Herzblut machen. Tut das nicht weh? Nein, sagt sie, „wenn man sie fertig saugen lässt, spritzen sie ein Sekret, das betäubt“. Dreimal am Tag essen die Artistinnen, auch jetzt nach der Vorstellung haben sie Hunger. Es ist angerichtet, Diana Haug muss bluten.