Hitler-Tagebuchfälscher Konrad Kujau Der NS-Nostalgiker aus Stuttgart

Ein Fälscher im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: Konrad Kujau (Bildmitte) beim Prozess in Hamburg im Gespräch mit seinem Anwalt Kurt Groenewold (dunkles Sakko). Foto: imago stock&people/imago stock&people

Vor 40 Jahren hat der „Stern“ Tagebücher von Adolf Hitler veröffentlicht, die sich bald darauf als Fälschungen des Stuttgarters Konrad Kujau erwiesen. Kujau machte der Skandal berühmt, in der Öffentlichkeit wurde er als sympathisches Schlitzohr wahrgenommen. Doch wie tickte er wirklich?

Meine Ehe befand sich seit langer Zeit in einer schweren Krise. Schuld daran waren hauptsächlich meine geschäftlichen Misserfolge, vorwiegend auf dem Gebiet des französischen Impressionismus, Surrealismus und Dadaismus.“ Dieses Zitat beschreibt offensichtlich ein Unglücksszenario. Es ist dem Film „Schtonk!“ entnommen, eine vor mehr als 30 Jahren sehr erfolgreiche Komödie – immerhin wurde der Film mit dem Deutschen Filmpreis und einer Oscar-Nominierung belohnt. Er lockte etwa zwei Millionen Besucher in die Kinos.

 

Worum ging es? Als Konsequenz der ausbleibenden Erfolge, wie sie einleitend erläutert werden, begann der sich in einer Beziehungskrise befindende Kunstfälscher Fritz Knobel, dargestellt von Uwe Ochsenknecht, Bilder im Stil der nationalsozialistischen Kunst zu erstellen. Jedoch beließ er es nicht dabei, diese als typische NS-Kunst auszugeben und erfolgreich zu verkaufen – nein, er gab zusätzlich vor, dass Adolf Hitler selbst die Bilder hergestellt habe (bekanntlich wollte der spätere Diktator in jungen Jahren Kunstmaler werden).

Knobel erweiterte sein Repertoire und stellte fortan auch Tagebücher her, die vorgeblich von Hitler stammten, und verkaufte diese an den Reporter eines erfolgreichen Magazins, in dem diese dann auch veröffentlicht wurden. Bald nach der Publikation stellte sich jedoch heraus, dass die Bücher gefälscht waren. Knobel ärgert sich am Ende darüber, dass die Öffentlichkeit die schlechte Qualität seiner Fälschung belächelt.

Der „Stern“ bezahlt mehrere Millionen

Der Regisseur Helmut Dietl hatte für seinen Film ein reales Vorbild: Im April 1983, also heute vor 40 Jahren, war das Hamburger Wochenmagazin „Stern“ auf den Stuttgarter Fälscher Konrad Kujau hereingefallen. Es hatte von ihm für mehrere Millionen Mark 62 Tagebücher gekauft, die angeblich Hitler verfasst hatte. Flugs wurden zwei gedruckte Magazine sowie ein Dokumentarfilm produziert, in denen Auszüge aus den vorgeblichen Tagebüchern veröffentlicht wurden.

Weil die Erstpublikation am 25. April 1983 viel Kritik auf sich gezogen hatte, wurde beschlossen, eine umfassende Prüfung der Tagebücher zuzulassen. Das Bundeskriminalamt und die Bundesanstalt für Materialprüfung untersuchten das Papier, die Tinte sowie weitere verwendete Materialien, während das Bundesarchiv mit der inhaltlichen Textanalyse befasst war. Knapp zwei Wochen später, am 6. Mai 1983, stand das Ergebnis fest: Sämtliche Tagebücher waren gefälscht. Der Fälscher Kujau sowie der „Stern“-Reporter Gerd Heidemann, Kujaus Kontaktmann und maßgeblicher Initiator des Projekts Hitler-Tagebücher beim „Stern“, wurden daraufhin verhaftet.

Sämtliche Schritte ab der ersten Veröffentlichung im „Stern“ unter dem Titel „Hitlers Tagebücher entdeckt“ wurden von großem Interesse der Medien begleitet. Insofern verwundert es nicht, dass „Schtonk!“ knapp zehn Jahre nach dem Skandal ein großer Kinoerfolg war, weil es für viele Zuschauer einen hohen Wiedererkennungswert der damaligen Ereignisse gegeben hatte – am Grundgerüst der Handlung hatte Helmut Dietl nicht gerüttelt.

Ein fiktives Tatmotiv

Um aus den realen Vorgängen von 1983 eine Komödie zu machen, mussten jedoch auch Szenen eingebaut werden, die der Fantasie der Autoren entsprangen. So war das Motiv, das Dietl dem Fälscher unterstellte – warum ist er auf die Idee gekommen, Hitler zu fälschen? –, rein fiktiv: Weil die Kujau-Verfremdung Knobel mit impressionistischen, dadaistischen und surrealistischen Kunstwerken keinen Erfolg hat, fälscht er eben Hitler. Das gelingt ihm vortrefflich, weil er nicht nur einen Markt unter NS-Nostalgikern findet, sondern auch, weil die vorgeblichen Hitler-Experten auf ihn hereinfallen. Der Kujau-Knobel wird also zufällig Hitler-Fälscher, und dass er es wird, kann man ihm nicht verdenken: Wer würde nicht weiter fälschen, wenn noch nicht einmal die Experten die Falsifikate bemerken und man nebenbei noch zum Millionär wird? Eben.

Doch was hat „Schtonk!“ über die Tatmotive des echten Hitler-Tagebücher-Fälschers Konrad Kujau verraten? Herzlich wenig – diese Antwort kann so klar gegeben werden. Der jahrzehntelang in Stuttgart und Umgebung lebende Kujau hatte ein gut gehendes Militaria-Geschäft in der Schreiberstraße, in dem er neben allerlei Gefälschtem auch echte Soldatenhelme, Uniformen und weitere Devotionalien dieser Art verkaufte.

Bereits wenige Tage nachdem er als Betrüger entlarvt worden war, trugen Reporter wesentliche Informationen über das Milieu, aus dem Kujau stammte, zusammen – allen voran Klaus-Ulrich Moeller von den Stuttgarter Nachrichten. Moeller fand in seinen Recherchen heraus, dass der zunächst nur als Lieferant der Tagebücher geltende Kujau auch der Fälscher dieser Schriften war.

Mit „Landser“-Heften in die DDR

Reporter vom „Stern“ nannten Konrad Kujau eine „Halbweltgröße“, die vor lauter Affinität zu den eigenen Verkaufsgegenständen gerne in SS-Uniformen Stuttgarter Kneipen aufsuche, sich „General Kujau“ nenne und das Liebesnest für seine Affären als „Gefechtsstand“ bezeichne.

Kujau, der aus der DDR stammte, hatte einst bereits die Stasi auf sich aufmerksam gemacht: Auf dem Weg in seine alte Heimat fanden die Zöllner bei einer Grenzkontrolle bei ihm mehrere „Landser“-Hefte – dabei handelte es sich um Abenteuergeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, die auf triviale Weise den Krieg aus der Sicht des einfachen Wehrmachtssoldaten („Landser“) schilderten und zur Etablierung der Erzählung von der „sauberen Wehrmacht“ beitrugen.

Doch es blieb nicht bei diesen Beobachtungen. Wie der Historiker Maximilian Kutzner zutage förderte, hielten die Stasi-Mitarbeiter in mehreren Notizen fest, dass Kujau häufig „das Dritte Reich in den Himmel hebt“. Überdies wurde protokolliert, dass er sich selbst als „Neonazi“ bezeichne – womit es nicht verwundert, dass die kommunistische DDR ihren häufigen Besucher mit kritischem Interesse beobachtete.

Kontakte in die Neonazi-Szene

Nach Aufdeckung der Tagebuch-Fälschungen wurden weitere brisante Details zutage gefördert, die Konrad Kujaus enge Bindung an das NS-affine Nostalgikermilieu belegen. Zu seinen Kunden gehörten offenbar auch Polizeibeamte – bereits bei seiner ersten Vernehmung sagte Kujau, dass der ehemalige Stuttgarter Polizeipräsident Paul Rau einer seiner treuesten Abnehmer von Nazi-Devotionalien war. Wie die weiteren Ermittlungen ergaben, wurde der Fotograf Lothar Zaulich, ebenfalls aus Stuttgart, verdächtigt, mit Kujau Fotos gefälscht und dann verkauft zu haben – eine Hausdurchsuchung wurde angeordnet und auch durchgeführt. Zaulich war nicht nur passionierter Fälscher, sondern auch enger Vertrauter und Sprecher von Michael Kühnen, um 1980 der bekannteste Neonazi der Bundesrepublik, unter anderem in einer Organisation namens Aktionsfront Nationaler Sozialisten. Dies war also das politische Milieu, in dem Kujau verkehrte.

Beim Blick auf den Wortlaut der Hitler-Tagebücher verwundern die Einstellung Kujaus sowie sein Gebaren nicht. Der „Stern“ hatte im April 1983 veröffentlicht, dass der vom Fälscher ersonnene Diktator angeblich die antisemitischen Ausschreitungen bei den Novemberpogromen 1938 bedauert habe, weil der Wirtschaft ein großer Schaden entstanden sei und er sich vor den Reaktionen des Auslands fürchte. In Wahrheit hatte Hitler die Aktionen nicht nur gebilligt, sondern war deren Urheber. Der Propagandaminister Joseph Goebbels schrieb in sein – wohlgemerkt echtes! – Tagebuch am 11. November 1938, dass Hitlers Ansichten „ganz radikal und aggressiv“ seien.

Himmler als negative Kontrastfigur zu Hitler

Kujau und der „Stern“ jedoch inszenierten Hitler als eine Art Kümmerer für sein Reich, der zwar das Beste gewollt habe, sich aber nicht immer durchsetzen konnte, weil es zu viele Widersacher gab. Diese wurden personifiziert in der Person Heinrich Himmler, Chef der SS. Der Kujau-Hitler unterstellte diesem, hinter dem Attentat vom 8. November 1939 gestanden zu haben, das in Wirklichkeit vom schwäbischen Kunstschreiner Georg Elser in Eigenregie geplant und durchgeführt worden war. Himmler als negative Kontrastfigur zu Hitler eingeführt zu haben, ist wichtig für die Sympathielenkung, weil so Hitler positiv profiliert werden konnte: Er wurde als ein Opfer des stärkeren, brutaleren Himmler inszeniert. Alle weiteren vom „Stern“ 1983 veröffentlichten Tagebuchpassagen fügen sich in dieses Bild eines verharmlosten Hitler.

Vor diesem Hintergrund verwundert Konrad Kujaus weitere Karriere, nachdem er als Fälscher aufgeflogen war: Er wurde zum allseits beliebten Zeitgenossen. 1985, kurz vor dem Prozess, erschien im „Spiegel“ ein großes Interview, in dem Kujau sich ausführlich erklären konnte. Freilich spielten seine neonazistischen Motive in dem „Spiegel“-Gespräch keine Rolle – im Gegenteil, der Interviewer stellt Kujau die Frage, ob ihm nicht klar gewesen sei, dass aufgrund seiner Fälschung NS-Nostalgiker „Auftrieb erhalten haben konnten“, ohne auf die naheliegende Idee zu kommen, dass Kujau selbst zu dieser Gruppe gehört.

Ein ehemaliger RAF-Anwalt vertritt ihn vor Gericht

Dass Kujau diese Strategie anwandte, ist verständlich – schließlich hätte ihm offenkundige Affinität zum Nationalsozialismus weder Vorteile im Betrugsprozess verschafft noch Sympathien in der Öffentlichkeit eingebracht. Stattdessen nutzte er seine fröhlich-joviale Art, um etwa in gefälschter Schrift mal eben den Staatsanwalt zu „befördern“, was große Erheiterung während des Prozesses in Hamburg auslöste. Vor Gericht ließ er, der Schelm aus Stuttgart, sich bereitwillig mit seinen gefälschten Tagebüchern ablichten. Sein Anwalt Kurt Groenewald – während des Stammheimer RAF-Prozesses einer der drei Wahlverteidiger des Terroristen Andreas Baader – versuchte, die „Stern“-Redaktion als eigentlichen Übeltäter darzustellen.

Am Ende wurde Kujau zu einer vierjährigen Haftstrafe wegen Betrugs und Fälschung verurteilt, wegen seiner angeschlagenen Gesundheit (Kehlkopfkrebs) aber bereits nach knapp drei Jahren entlassen. Nach dem Gefängnis tingelte er durch Talkshows und verkaufte seine Tagebuch-Fälschung als „großen Spaß“. In Stuttgart betrieb er seine „Galerie der Fälschungen“ und die schwäbische Kneipe Alt-Heslach. Im September 2000 starb er an Magenkrebs.

Nur eine Ansammlung von Banalitäten?

Der „Stern“ konnte mit Kujau als Liebling der Öffentlichkeit letztlich gut leben. Die Redaktion des Wochenmagazins übernahm dankbar ein Narrativ, das damals von seriösen Historikern wie dem Präsidenten des Bundesarchivs, Hans Booms, oder von Andreas Hillgruber, Geschichtsprofessor an der Universität Köln, wesentlich geprägt worden ist: Booms charakterisierte die Fälschung als „grotesk-oberflächlich“, Hillgruber nannte sie bereits vor der Fälschungsbekanntgabe eine Ansammlung von „Banalitäten“.

Schon in einer der Folgeausgaben versuchte der „Stern“, sein journalistisches Versagen aufzuarbeiten und illustrierte am Beispiel von Tagebuchauszügen, dass es „hätte auffallen müssen, wie viel Banales der ‚Führer‘ da aufgeschrieben hatte“. Die Journalisten zitieren im Folgenden in der Tat nichtssagende Eintragungen wie „Besprechungen“ oder die Notiz vom Stapellauf eines Schlachtschiffs namens Gneisenau in Kiel. Selbstverständlich zeugen diese beiden Beispiele von Banalität, die es nicht wert sind, in ein Tagebuch geschrieben zu werden.

Neuer Blick auf die Ereignisse

Die erläuterten Tagebucheintragungen aber zur angeblichen inneren Gegnerschaft Hitlers zu den Novemberpogromen oder dessen angebliche Angst vor Himmler sind jedoch in keiner Hinsicht banal, sondern eine Hitler weichzeichnende Geschichtsfälschung. Es sei wiederholt: Diese war 1983 völlig offensichtlich, aber der „Stern“ hatte und hat bis heute kein Interesse daran, dies zu thematisieren – lieber stellt man sich als Opfer des bauernschlauen, aber harmlosen Fälschers Konrad Kujau dar. In Wirklichkeit wurde der „Stern“ Opfer des von großer Sympathie zum Nationalsozialismus und seines Führers Hitler getragenen Fälschers Konrad Kujau. Dass auch „Schtonk!“ darauf verzichtet, den den Nationalsozialismus verharmlosenden Wortlaut der Tagebücher in den Film aufzunehmen, passt ebenfalls in dieses Bild.

Es wird Zeit, dass 40 Jahre nach diesen Ereignissen die Hitler-Verharmlosung und Kujaus Motive für seine Tagebuch-Fälschungen stärker in den Blick genommen werden. Der Zuschauer mag darüber lachen, dass der Fälscher in „Schtonk!“ zur NS-Kunst kommt wie die Jungfrau zum Kind – aber hoffentlich ist es ein bitteres Lachen, im Bewusstsein der NS-Affinität von Konrad Kujau.

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