Schlauer als 99,2 Prozent der Menschen in Deutschland
Moritz S. hat einen Intelligenzquotienten von 138, und er zählt zu den Hochbegabten, wie jeder mit einem IQ von mehr als 130. Der Stuttgarter ist damit schlauer als knapp 99,2 Prozent der Menschen in Deutschland, Durchschnittsdeutsche haben einen IQ von 100. Die meiste Zeit seines Lebens hatte Moritz S. aber keine Ahnung von seiner Hochbegabung. Sie tauchte auf als unkontrollierbare Energie, die in alle Richtungen schoss, aber keinen klaren Fokus hatte. Sie war eher Fluch als Segen. Sein Abi-Schnitt war 3,4.
Menschen mit Hochbegabung werden wahlweise als auf allen Ebenen brillierende Wunderkinder oder als verschrobene Nerds gesehen, entweder so smart, dass sie von allen bewundert werden, oder so klug, dass niemand was mit ihnen zu tun haben will. Die Wahrheit ist, wie so oft, etwas komplizierter. Hochbegabung führe nicht automatisch zu Hochleistung, sagt Corina Rohen, die beim Hochbegabten-Verein Mensa für Wissenschaft und Forschung zuständig ist. Es gibt einige Bildungsexperten, die sagen, Menschen mit überdurchschnittlichem IQ müssten genauso gefördert werden wie jene am andere Ende des Spektrums.
Niemand erkannte, dass er hochbegabt ist
Moritz S. wächst als jüngstes von vier Kindern in Stuttgart auf, die Eltern sind Mediziner, der Junge geht auf eine Privatschule. „Ich hatte eine behütete, absolut schöne Kindheit“, sagt er. Und er ist aufmüpfig, laut, ärgert andere Schüler. Der Klassenlehrer habe über ihn gesagt: „Andere Kinder rangeln, aber Moritz haut immer dem Erstbesten ins Gesicht.“ Es sei wohl eine Mischung gewesen aus Langeweile und dem Wunsch, wahrgenommen zu werden, sagt Moritz S. heute. Auf die Idee, dass er hochbegabt sein könnte, kam damals niemand.
Hochbegabte haben dieses Problem hierzulande häufig. Zwar gibt es für sie spezielle Schulen – etwa das Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd oder das Gymnasium am Birklehof in Hinterzarten. Doch an regulären Schulen fehlt oft das Bewusstsein für das Thema. Und wenn eine Hochbegabung erkannt wird, mangelt es häufig an Unterstützung – wohl auch, weil oft nicht eingesehen wird, weshalb Kinder, die ohnehin schon gut sind, auch noch gefördert werden müssten. Das Ergebnis ist aber oft, dass großes Potenzial ungenutzt bleibt – für die Betroffenen selbst und für die Gesellschaft insgesamt.
Es ist anstrengend, Moritz S. zu sein
Moritz S. investiert kaum etwas in Schule und Studium, aber er kommt immer irgendwie durch. Bei ihm schleicht sich das Gefühl ein, nicht mal die schlechten Noten verdient zu haben. Nach dem Abitur wollte er eigentlich ein Work and Travel machen, durch die Welt reisen und arbeiten. Er lässt es bleiben. Nach dem Abschluss seines BWL-Studiums in Würzburg freuen sich die Studienkollegen, er denkt nur daran, dass er nichts dafür machen musste. „Ich kam mir wie ein Betrüger vor“, sagt Moritz S.
Dazu kommen bohrende Fragen in seinem Kopf. „Warum bin ich so, wie ich bin? Und wann bin ich wirklich ich?“ Die Fragen drehen sich immer weiter, wie ein Karussell: Was bedeutet es überhaupt, dass ich über diese Fragen nachdenke? Und was denken andere über mich? Moritz S. geht viel weg in dieser Zeit. Unter der Woche in Würzburg, wo er studiert, am Wochenende daheim in Stuttgart. Und er geht zum Boxen. Es braucht Sport oder Alkohol, um das ständig drehende Gedankenkarussell abschalten zu können. Small Talk hasst er. Er beendet Sätze für andere oder nimmt aus Prinzip die Gegenposition ein, um Schwachpunkte in der Argumentation aufzuzeigen, er ist ungeduldig und hat generell eine kurze Zündschnur. Seine Freundin, mit der er seit drei Jahren zusammen ist, sagt irgendwann: „Ich glaube, es ist anstrengend, du zu sein.“
Glücklich macht die Hochbegabung nicht
Erst vor zweieinhalb Jahren wird bei Moritz S. die Hochbegabung festgestellt. Zusätzlich bekommt er Strategien und Wege aufgezeigt, wie er damit umgehen kann. Das verändert vieles. Er beendet eine Doktorarbeit, eine Studie über die gesamtgesellschaftlichen Kosten eines Screenings zur Vermeidung von Schlaganfällen. Bei diesem Thema gibt es viele Verästelungen, unzählige Variablen, Kosten an der einen Stelle wirken sich auf Einsparungen an vielen anderen Stellen aus. „Ich hatte erstmals das Gefühl, dass ich mein Gehirn zielgerichtet einsetzen kann.“
Moritz S. neigt zu Extremen. Das zeigt sich bei der Corvette, an der er schraubt, „eine Zuhälterkarre aus den 70ern“, beim Sport, „ich trainiere, bis ich ohnmächtig werde“, und eben auch im Job, mittlerweile bei einer Krankenversicherung. Es geht ihm darum, etwas Sinnvolles zu tun, aber auch um Erfolg. „Ich will nach ganz oben – und ich bin bereit, dafür auch mehr zu geben als andere.“ Wer sich schwer damit tut, seine eigenen Erfolge anzuerkennen, zwingt sich vielleicht einfach zu mehr.
Aber am Ende funktioniere er wie ein normaler Mensch, sagt Moritz S. „Die Hochbegabung bedeutet weder, dass ich Superman bin, noch, dass ich eine Behinderung habe“, sagt der Stuttgarter. Sie mache keinen glücklichen Menschen aus ihm, aber: „Ich würde sie nicht missen wollen.“
Woher kommt die Hochbegabung?
Ursachen
Die richtigen Gene – oder ein förderndes Umfeld, was sind die Voraussetzungen für eine Hochbegabung? Sie entstehe in einem Wechselspiel aus beidem, sagt die Wissenschaftlerin Corina Rohen vom Hochbegabungsverein Mensa. „Wobei es nach derzeitigem Stand der Wissenschaft kein ‚Intelligenzgen’ gibt“, sagt Rohen. Und ohne anregende und förderliche Umwelt, könnten selbst herausragende Begabungen verkümmern, sagt Rohen. Der entscheidende Faktor ist demnach das Umfeld.
Grenzwert
Hochbegabung wird mittels Intelligenztests ermittelt. „Diese werden von erfahrenen Psycholog:innen mit ausgewiesener Expertise durchgeführt“, sagt Rohen. Ab einem IQ von 130 gilt man als hochbegabt – das trifft auf zwei Prozent der Menschen zu. Albert Einstein und der britische Physiker Stephen Hawking hatten nach Schätzungen einen IQ zwischen 160 und 180. Den höchsten gemessenen IQ wies mit 228 die US-Autorin Marilyn vos Savant auf. Das bescherte ihr einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde, mittlerweile wird der Rekord aber nicht mehr geführt.
Psychische Gesundheit
Häufig existiert die Vorstellung einer sogenannten Genie-Verrücktheits-Korrelation – demnach seien Menschen mit besonderer Begabung häufig verrückt oder psychisch instabil. Dieser Mythos sei im Rahmen verschiedener Studien widerlegt worden, sagt Rohen