Das ist Andrea – der Androide mit der androgynen Optik spricht, wenn sein Gegenüber per Mikrofon Fragen stellt. Hier ist Andrea zu Gast im Mercedes-Benz-Museum. Foto: HdM
Seit gut einem Jahr beschäftigt sich das Humanoid Lab an der Hochschule der Medien in Stuttgart mit dem androiden Roboter Andrea und seinen Möglichkeiten – im Praxistest bringt Andrea die Menschen schon mal zum Sprechen.
Christoph Kutzer
31.12.2023 - 11:00 Uhr
„Ich bin C-3PO. Roboter-Mensch-Kontakter.“ So beschreibt die goldene Quasselstrippe aus Star Wars den eigenen Aufgabenbereich. Anders als der Droide aus George Lucas‘ Weltraumsaga sitzt Andrea schweigsam im Humanoid Lab der Hochschule der Medien (HdM). Der Androide mit der androgynen Optik spricht, wenn sein Gegenüber per Mikrofon Fragen stellt. Dann erwacht der Roboter, den HdM-Professor Christian Becker-Asano für Forschung und Lehre nutzt, zum Leben. Könnte man tatsächlich meinen. Das liegt am humanoiden Erscheinungsbild. Kaum ein Nutzer dürfte sich Gedanken machen, ob Alexa schläft, wenn der prominente Sprachdienst schweigt. Alexas Außenhülle ist unverkennbar ein Gerät. Das verändert die Interaktion.
„Andreas Aussehen weckt andere Gefühle und Erwartungen“, erklärt Becker-Asano. Er habe in der ersten Zeit nach der Androiden-Anlieferung aus Japan das Abschalten des Humanoiden anders empfunden, als das Herunterfahren eines Rechners. Dabei wisse er, dass Andrea mittels Druckluft und Programmierung agiere. Der Forschungsschwerpunkt soziale Mensch-Maschine-Kommunikation befasst sich mit solchen Phänomenen. Dass Andrea allein durch ihre Anwesenheit ein hohes Maß an Neugier weckt und die Idee nahelegt, ein Gespräch zu beginnen, hat sich bei einem einwöchigen Gastaufenthalt des Roboters im Mercedes-Benz-Museum gezeigt. Unter Einbindung von Programmen wie ChatGPT konnten Besucher und Besucherinnen in Interaktion treten und erhielten Antworten auf ihre Fragen. 44 Interviews über ihre Eindrücke harren nun der wissenschaftlichen Auswertung.
Andreas Aussehen wecke Gefühle und Erwartungen, sagt der HdM-Professor Christian Becker-Asano /Christoph Kutzer
Fest steht für Becker-Asano, der sich in seiner Dissertation mit Künstlicher Intelligenz und der Erzeugung von Emotionen befasst hat, dass es wenig Berührungsängste gab. Nur selten kam die Rückmeldung, Andrea sei unheimlich. Vielleicht hilft es, dass die Reaktionen der Maschine noch nicht verzögerungsfrei erfolgen, dass Mimik und Gestik etwas maschinell wirken. Der Uncanny-Valley-Hypothese des Japaners Masahiro Mori zufolge finden wir menschenähnliche Roboter spannend, so lange sie uns nicht zu sehr ähneln. Wenn die Grenze zum Menschlichen zu sehr verschwimmt, kippt die Stimmung. Ängste kommen zum Tragen. Die Akzeptanz nimmt ab.
Das heißt nun nicht, dass Andrea auf dem heutigen Stand kommunikativer Fähigkeiten bleiben soll, der immerhin allein 13 Bewegungsmöglichkeiten im Gesicht einschließt. Über Kameras in den Augen soll der Androide künftig Signale des Gesprächspartners erkennen und interpretieren können. Es gehe darum, auf ein Stirnrunzeln hin zu fragen, ob etwas unklar sei, oder auf Handzeichen zu reagieren, wenn der andere signalisiere, sprechen zu wollen, sagt Christian Becker-Asano. „Und stellen Sie sich vor, Sie kommen zum zweiten Mal in das Museum, wo wieder Andrea sitzt, sie wiedererkennt und persönlich anspricht...“
Wie eine Maschine lernt
Andrea soll dazu lernen. Machine Learning ist ein stehender Begriff. Aber lernt die Maschine tatsächlich oder wird sie nur technisch verfeinert? Werden Androiden eines Tages wirklich so etwas wie Intelligenz besitzen oder emotional und emphatisch reagieren können? Christian Becker-Asano, Experte auf dem Gebiet technischer Affekt-Simulation, verweist darauf, dass Logik und Gefühl nicht zwingend ein Gegensatzpaar bilden. „Hoffnung ist eine Emotion“, nennt er ein Beispiel. „Sie lässt sich mit Hilfe der Logik beschreiben. Logik wiederum lässt sich in Mathematik übersetzen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine Maschine lernen kann, wann der richtige Zeitpunkt für Hoffnung gekommen ist.“ Auch arbeiteten Spezialisten bereits an Programmen, die sich selbst optimierten, indem sie ihren eigenen Code modifizierten. Wie nahe das Intelligenz kommt, ist eine Frage der Definition und führt in den Bereich der Philosophie. Oder zu den Kollegen vom Institut für digitale Ethik an der HdM, das ebenfalls ein Auge auf Andrea hat.
Der Androide, der im Oktober 2022 nach Stuttgart kam, hat seinen ersten Außeneinsatz erfolgreich absolviert. Die fünf einzelnen Roboterköpfe, an denen beispielsweise Mimik modelliert wird, haben sich ebenfalls bewährt. Auch in Lehrveranstaltungen. „Nun geht es darum, was Andrea künftig genau machen soll“, sagt Becker-Asano. Denkbar wäre der Einsatz in der Altenpflege – als Ansprechpartner. Vielleicht genüge ein Kopf, der mit Pflegebedürftigen plaudern oder ihnen vorlesen könnte. In der Industrie wird das Interesse an einen Roboter wie Andrea ohne praktischen Mehrwert vorerst eher gering sein. „Das ist ein Feld für die klassische Robotik“, betont der HdM-Professor. Dort wolle man der Universität Stuttgart oder dem Fraunhofer Institut auch gar keine Konkurrenz machen. Wohl aber solle es mit beiden Institutionen zu Synergien kommen.
Ein Lächeln programmieren
Was Maschinen lernen können, ist eine spannende Frage. Hinzu kommt, was Studierende im Umgang mit humanoiden Robotern lernen können. Wer ein Lächeln programmiert, muss sein Lächeln beobachten. Wer feststellt, dass ihn das Lächeln der Maschine zum Lächeln bringt, lernt etwas über sich. Soziale Robotik lädt letztlich dazu ein, sein eigenes Wesen und die gesellschaftliche Interaktion zu reflektieren.
Humanoide Forschungsinstrumente
Design Andrea wurde in Japan gemäß den Stuttgarter Vorstellungen gefertigt. Christian Becker-Asano hat viel zum Design beigetragen. Das Aussehen geht aber auch auf eine Umfrage an der Hochschule der Medien zurück. Das Ergebnis schloss Ähnlichkeiten mit lebenden Personen aus und führte zum androgynen Charakter. Erforscht werden soll schließlich auch, wie unterschiedliche Geschlechter auf einen Roboter reagieren oder Menschen auf das Geschlecht des Androiden. Während die TU Darmstadt mit der Roboterfrau Elenoide die Einsatzmöglichkeiten von Robotern im Dienstleistungsbereich auslotet, soll Andrea die Themen künstliche Intelligenz, digitale Ethik, Mensch-Computer-Interaktion, audiovisuelle Medien und User Experience zusammenführen.
Finanzierung Die Anschaffungskosten von 500 000 Euro wurden hälftig vom Land Baden-Württemberg und der HdM getragen. Wie weit Andreas emotionale Ausdrucksfähigkeit gesteigert werden könnte, lässt der Blick auf den japanischen Roboterbabykopf Nikola erahnen. Seine Schöpfer sind sich sicher, dass sich Androiden als wertvolle Forschungsinstrumente für die Sozialpsychologie oder die sozialen Neurowissenschaften erweisen werden.