"Hören, was dahintersteckt" Sender starten „Radiofeature“

Von Tilmann Gangloff 

Die ARD-Radiosender starten am Mittwoch ihre Reihe "Radiofeature". Den Auftakt macht der SWR mit einem Beitrag über Kriminalität im Internet.

 Foto: ARD
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Stuttgart - In der Regel werden aktuelle, brisante Themen in Radio und Fernsehen als Reportage oder Dokumentation aufgegriffen. Gerade im Hörfunk aber gibt es eine weitere Form, die jedoch nur noch selten bedient wird: das Feature. Im journalistischen Sprachgebrauch stellt das Genre eine reizvolle Mischform dar; mitunter ist es vom Hörspiel kaum zu unterscheiden. Im besten Fall verknüpfen die Autoren Elemente aus Reportage und Dokumentation mit Musik und nachgestellten Szenen zu einer Einheit, die aus dem Hörfunkalltag herausragt: weil sie so informativ ist wie eine Reportage und so spannend wie ein Spielfilm fürs Radio. All das ist allerdings mit großem Aufwand verbunden.

Nun feiert das vor gut siebzig Jahren von der britischen BBC erfundene Feature sein Comeback. Unter dem Motto "Hören, was dahintersteckt" haben sich sieben ARD-Sender zusammengetan, um ihre Hörer einmal im Monat zum "ARD-radiofeature" zu laden. Thematisch sind den Stücken keinerlei Grenzen gesetzt. Den Auftakt macht der SWR mit einem Beitrag über Kriminalität im Internet. Die beteiligten Anstalten werden das Feature zwischen dem 27. Januar und dem 3. Februar auf ihren Infosendern ausstrahlen (SWR 2, Nordwestradio, NDR Info, WDR 5, hr2-kultur et cetera); außerdem werden die Sendungen nach und nach im Internet unter der Adresse www.radiofeature.ARD.de » für Interessierte zusammengestellt.

Im Februar steuert der WDR ein Feature über den Einsturz des Historischen Archivs in Köln bei, im März geht es um die riesigen Investitionen russischer Milliardäre in Deutschland (SWR). Die Palette der weiteren Themen reicht von der bundesweiten Suche nach dem "Dönerkiller" (BR), einem neunfachen Mörder, bis zum Doping im Fußball (NDR).

Auch stilistisch haben die Autoren weitgehend freie Hand. Genau das macht den Reiz dieses Genres aus. Kai Laufen zum Beispiel hat für seinen Bericht über das Phänomen "Cybercrime" eine derartige Vielzahl von Stimmen und Informationen zusammengetragen, dass man nicht immer exakt im Bilde ist, ob man gerade Tätern oder Opfern lauscht. Für viele Menschen sind die verschiedenen Facetten des Themas (Identitätsdiebstahl, Datenraub) möglicherweise ohnehin allzu abstrakt. Andererseits macht Laufen deutlich, das es jeden betrifft, der das Internet benützt.

Die Federführung für das Projekt liegt beim WDR. Wolfgang Schmitz, der Hörfunkdirektor des Senders, hofft, die Reihe werde die Menschen "neu für den Hörfunk begeistern". Das Feature sei "ein Solitär des öffentlich-rechtlichen Radios. Es steht für Qualität, große Tradition und den zeitgemäßen Umgang mit Themen, die die Gesellschaft bewegen". Wolfgang Schmitz hebt vor allem die thematische Vielfalt der Reihe hervor und betont, ein einzelner ARD-Sender könne "diese Bandbreite von qualitativ-hochwertigen, aufwendig recherchierten und produzierten Feature-Beiträgen im Zweifel nicht stemmen".

Die Wirklichkeit unmittelbar einfangen


Im Gegensatz zur Fernsehreportage liege die große Stärke des Genres in seinem investigativen Potenzial: "Wer mit einem kleinen Aufnahmegerät unterwegs ist, kann ganz anders agieren als ein Filmemacher. Mit einem Mikrofon komme ich näher und manchmal auch leichter an die Menschen ran als mit einer Kamera auf der Schulter. So kann ich die Wirklichkeit unmittelbarer einfangen."

Kein Wunder, dass Gisela Corves, die Leiterin des Feature-Ressorts beim WDR, vom "radiophonen Lauschangriff" spricht: Das ARD-Feature sei ein "Kraftfeld des öffentlich-rechtlichen Radios und Dokumentationszentrum mit akustischem Mehrwert, es bietet Information und Hörerlebnisse aus einem Guss". Auch der SWR-Intendant Peter Boudgoust, im Nebenberuf derzeit ARD-Vorsitzender, verspricht "packendes Radio" und hofft, die Reihe werde an den Erfolg des "Radio-Tatorts" anknüpfen: "Die insgesamt neun Produktionen verbinden Qualitätsjournalismus, gut recherchierte Storys und zeitgemäße Erzählkunst." Die WDR-Intendantin Monika Piel betrachtet das Genre gar als "Königsdisziplin des Radios"; die Autoren müssten "journalistisch und künstlerisch zugleich arbeiten können, weil die gekonnte Inszenierung und der Sinn fürs Dokumentarische beim Feature Hand in Hand gehen".

Sendetermine für "Cybercrime. Tatort Internet": SWR 2: 27. Januar, 22.05 Uhr, Bayern 2: 30. Januar, 13.05 Uhr; 31. Januar, 21.05 Uhr