Hof Leutenecker in Remseck Der vegane Bauernhof

Die Geschwister Anja Beer-Leutenecker, Nina Reiff und Sara Heizmann-Leutenecker (von links) setzen das Familienerbe auf ihre Weise fort. Foto: pri

Drei junge Landwirtinnen aus Remseck gehen einen eigenen Weg: Sie setzen auf tierfreie Produkte.

Ein Bild haben alle drei Schwestern noch vor Augen: Wie sie immer wieder sonntags einen alten Einkaufswagen durch ein lang gezogenes Gebäude schoben und Eier einsammelten. Bis zu 8000 Hühner waren seinerzeit in der Legebatterie der Leuteneckers in Remseck untergebracht. Vier, fünf Tiere in einem Käfig. „Das hat damals keiner hinterfragt“, sagt Sara Heizmann-Leutenecker, mit 35 die jüngste der Schwestern. Heute wäre es für sie alle undenkbar, Hühner auf so kleinem Raum zu halten. Überhaupt mit Tieren Profit zu machen.

 

2021 entschied die Familie, künftig auf die Eierproduktion zu verzichten. „Mit dem Wissen, das ich heute habe, wäre die Hühnerhaltung für mich auch nur schwer auszuhalten“, sagt Anja Beer-Leutenecker. Die 41-Jährige lebt seit der Pandemie vegan. Und weil auf dem Hof Nachhaltigkeit und Tierwohl einen immer höheren Stellenwert einnehmen, sollen künftig immer mehr vegane Produkte hergestellt und im Hofladen verkauft werden. „Alles, was wir neu kreieren, muss vegan sein.“ Das ist ungewöhnlich, schließlich war der Leutenecker Hof mal ein traditioneller Bauernhof, auf dem die Viehhaltung das Überleben sicherte. Ein Familienbetrieb, von Generation zu Generation weitergetragen.

In ihrer Kindheit war der Sonntagsbraten obligatorisch

Für die drei Schwestern war das Aufwachsen auf dem Bauernhof eine idyllische Wald- und Wiesenkindheit. Sie erinnern sich, wie sie mit Freunden auf Bäume kletterten, mit dem Vater auf dem Kartoffelernter saßen oder mit der Großmutter Petersilie büschelten. Der Sonntagsbraten war obligatorisch. Einmal in der Woche ging es den Suppenhühnern an den Kragen, die Schweine kamen zum Metzger. Es waren die Großeltern Lore und Richard Leutenecker, die den Grundstein für all das gelegt hatten. 1962 erwarben sie zwei Rinder. Um schnell wachsen zu können, siedelten sie von der Ortsmitte in Neckargröningen auf die Felder außerhalb um, mitten ins Grüne, in eine Gegend, in der sich frühmorgens Vogelbeobachter treffen. Die Enkelinnen erzählen, dass die beiden alles selbst aufgebaut haben. „Beim Umbau vor zwei Jahren haben wir in den Wänden Stroh und Zeitungen gefunden.“

Neben Rindern hielten Lore und Richard Enten, Hühner und bis zu 500 Schweine. Letztere verschwanden 1992 vom Hof. Auch die Milchproduktion wurde eingestellt. Fortan konzentrierte sich die Familie auf die Hühnerhaltung, da war längst auch die nächste Generation mit im Boot, Christa und Jürgen Leutenecker.

Lange ist das her. Das Gackern ist verstummt. Stattdessen strecken zwei Schafe neugierig ihre Köpfe über den Weidezaun. Neben einer geretteten Katze sind sie heute die einzigen Tiere, die auf dem Leutenecker Hof leben. Ihre Aufgabe: einfach nur sein.

Veganes Schmorgulasch aus dem Automaten

An diesem winterlichen Mittwochmorgen ist hier draußen nicht viel los. Der Innenhof mit dem 40 Jahre alten Walnussbaum, den Tischen und Stühlen, ist verwaist. Von hier aus geht der Blick zum Hofladen, der nur an den Wochenenden geöffnet ist, werktags ist Selbstbedienung angesagt. Aus einem Automat können sich die Kunden veganes Schmorgulasch ziehen, Kürbismaultaschen, pflanzliche Bratensoße. Anja Beer-Leutenecker hat die Rezepte selbst ausgetüftelt. Monate habe sie dafür gebraucht, erzählt sie. Sie wollte unbedingt einen authentischen Geschmack schaffen, nur so könne sie auch die Fleischesser überzeugen. Ihre Schwester Nina Reiff zum Beispiel, die einzige, die noch ab und zu Fleisch isst und die nicht wie die anderen auf dem Bauernhof wohnt. Sie managt das Büro der Leuteneckers im Homeoffice in Metzingen.

35 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet der Hof aktuell, auch gehören den Leuteneckers drei Hektar Streuobstwiesen. Sie verkaufen ihr Obst und Gemüse nicht nur im Hofladen, sondern auch auf Märkten in Stuttgart.

Das mittlerweile größte Standbein hat jedoch nichts mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu tun: Der Hof Leutenecker ist auch eine gefragte Event-Location. Die alten Stallungen sind alle noch da, modernisiert und zweckentfremdet. Wo früher Kartoffeln gelagert wurden, ist heute ein Festsaal mit Wänden aus Holz, Kronleuchter und Panoramablick ins Grüne. 35 Hochzeiten werden jedes Jahr hier gefeiert. Auch für Trauerfeiern, Tagungen und Team-Events stehen Räume zur Verfügung. Dass die Tagungen ausschließlich vegan bewirtet werden, komme gut an, erzählen die Leuteneckers. Bei allen skeptischen Stimmen, die es angesichts der Umstellung gab und immer noch gibt, das Konzept gehe auf.

Das neue Konzept tragen alle mit

Etwa zwölf Prozent der Menschen in Deutschland verzichten laut Forsa auf Fleisch. Neun Prozent ernähren sich vegetarisch, drei Prozent vegan. Laut Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse sind das 1,52 Millionen Menschen.

Der Impuls, auf Tierhaltung zu verzichten und sich dem veganen Lifestyle zu öffnen, kam von den Schwestern. Sara Heizmann-Leutenecker sagt aber, dass auch schon ihre Eltern immer offen gegenüber Neuem gewesen seien. „Wandel gab es bei uns immer. Das zieht sich durch unsere Geschichte.“ Als sich Landwirtschaft allein finanziell nicht mehr lohnte, habe die Mutter sich beispielsweise zur Bäckermeisterin ausbilden lassen und mehrere Filialen eröffnet.

Dem Vater sei das Loslassen nicht ganz so leichtgefallen, schließlich ging (s)ein Lebenswerk zu Ende. „Die Tierhaltung gehörte zu unserer Kultur, wir sind alle damit groß geworden“, sagt Anja Beer-Leutenecker. Ihre Schwester Sara ergänzt: „Natürlich war da auch Angst. Geht das finanziell? Verlieren wir die Glaubwürdigkeit? Die Kundschaft? Wir haben viel diskutiert und auch mal gestritten. Letztlich kamen Fakten und Zahlen auf den Tisch.“ Alle hätten den Schritt am Ende mitgetragen. Die Schwestern sind sich ihrer Verantwortung bewusst, schließlich beschäftigen sie elf festangestellte Mitarbeiter und je nach Saison zwischen 40 und 50 Minijobber.

Hitze und Trockenheit schmälern die Ernte

Bekehren möchten sie niemanden, sagen sie. Aber sie freuen sich, wenn alteingesessene Remsecker zum veganen Hoffest kommen und die Lasagne probieren. „Wir wollen, dass die Leute sich aus ihrer Komfortzone wagen, sich Gedanken machen. Wir wollen die Vorurteile wegkriegen.“ Anja Beer-Leutenecker sagt, ihr sei bewusst, dass das nicht von heute auf morgen gehe. Bei ihr war es ein Fisch, der sie zum Umdenken bewegt hat. Sie sah jemandem beim Angeln zu und bekam das Bild vom zappelnden, kämpfenden Fisch nicht mehr aus dem Kopf. In ihr reifte der Wunsch, vegan zu leben. Doch den letzten Schritt schaffte sie erst, als sie bei einer TV-Doku über die Hintergründe der Fleischproduktion hängen blieb. „Das war der Moment, in dem ich wusste: Jetzt führt kein Weg mehr dran vorbei.“ Als Tierrechtsaktivistin sieht sie sich nicht, auch wenn es sie ab und zu in den Fingern juckt und sie gerne dazu beitragen würde, Tierleid sichtbarer zu machen oder gerettete Tiere aufzunehmen. Sie wünscht sich ein Umdenken in der Gesellschaft. „Jedes vegane Produkt, das gegessen wird, ist ein Produkt weniger Tierleid.“

Die Arbeit auf dem Hof wird angesichts des Klimawandels immer herausfordernder. „Nicht nur das Leben wandelt sich rasant, auch die Natur verändert sich.“ Hitze und Trockenheit führten zu einer geringeren Kartoffelernte. Auch deshalb sehen sich die Leuteneckers dazu gezwungen, immer wieder neue Ideen zu entwickeln. Seit ein paar Jahren bauen sie Dinkel an. Anja Beer-Leutenecker würde gerne Hafer- oder Erbsenmilch selbst herstellen. Sara Heizmann-Leutenecker träumt vom eigenen Sojaanbau. „Unser Vater setzt sich bereits damit auseinander.“ Bisher beziehen sie Soja von einem Bio-Anbieter. Ihre veganen Currywürste lassen sie von zwei jungen Metzgern herstellen. Gerne arbeiten sie mit den nachfolgenden Generationen der Nachbarbetriebe zusammen. Man hilft sich gegenseitig bei der Ernte. „Da sind viele tolle junge Leute, die etwas bewegen wollen.“

Veganes Catering zur Hochzeit

Dass gleich alle drei Leutenecker-Schwestern das Familienerbe fortsetzen würden, darauf hatte lange niemand zu hoffen gewagt. „Unsere Eltern mussten sich oft anhören: Ihr Armen, ihr habt ja nur drei Mädels.“ Die über 80 Jahre alte Großmutter sei besonders stolz darauf, dass es den Hof noch gibt. „So viele Betriebe können nicht weitermachen, weil der Nachwuchs fehlt. Bei uns hat niemand Druck gemacht, vielleicht sind wir deshalb nach und nach alle zurückgekommen“, sagt Anja Beer-Leutenecker.

Nina Reiff ist ausgebildete Steuerfachangestellte. Sara Heizmann-Leutenecker hat BWL studiert und eine Zeit lang bei einer Unternehmensberatung gearbeitet. Anja Beer-Leutenecker hatte ursprünglich Psychologie studieren wollen, war dann aber im Einzelhandel gelandet. Sie hat eine Ausbildung in einem Surfer- und Skatershop gemacht. Heute kümmert sie sich vor allem um die Hochzeitspaare, die auf dem Hof feiern. Manche buchen nach der Vorverkostung ein veganes Catering. Für sie ist das der schönste Lohn für alle Mühe.

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