Holpriger Neustart der Automarke Die Begeisterung für Borgward ist verpufft

Vor anderthalb Jahren präsentierte Borgward bei der Feier zur Eröffnung seines ersten deutschen Markenzentrums in Stuttgart den Geländewagen BX7. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Nach dem Verkauf des Autobauers Borgward an einen chinesischen Milliardär haben die meisten Mitarbeiter in der Stuttgarter Zentrale ihre Arbeitsplätze verloren. Die Werkstattkette ATU beendet die Partnerschaft mit der Marke. Waren die Pläne zu ehrgeizig?

Stuttgart - Vor anderthalb Jahren feierte der Autobauer Borgward die Eröffnung seines ersten deutschen Markenzentrums in der Stuttgarter Innenstadt. Der Ausstellungsraum des Autohauses war indes noch im Rohbau, es musste viel improvisiert werden. Dennoch wurde die Premiere vom jungen Unternehmen als glänzender Erfolg gefeiert. Mehr als 500 VIP-Besucher seien gekommen, um den Geländewagen BX7, den ersten Wagen der wiederbelebten Marke, zu sehen. Mehr als 200 Probefahrten seien gemacht worden. „Wir sind begeistert von der Resonanz der Kunden“, hieß es in einer Pressemitteilung.

 

Von Begeisterung ist heute jedoch nichts mehr zu spüren. Denn das Markenzentrum ist nach der Premiere nie richtig in Betrieb gegangen. Der Ausstellungsraum ist trist und grau und menschenleer, wie sich beim Blick durch die Scheibe der verschlossenen Eingangstür erkennen lässt. Das triste Ambiente steht sinnbildlich für die Marke, deren Zukunft heute ungewisser denn je ist.

Seit der Ankündigung des Neustartsim März 2015 auf dem Genfer Autosalon, wo die legendäre Borgward Isabella als Oldtimer im Rampenlicht stand, gab es immer wieder Rückschläge und Verzögerungen. Der Wechsel des Eigners vor genau einem Jahr hat nun offenbar alle Pläne Makulatur werden lassen. Ende Dezember des vergangenen Jahres gab der chinesische Autobauer Foton seine Mehrheitsbeteiligung an Borgward an das chinesische Start-up Ucar ab. Die Ucar-Gruppe ist Autohändler und zugleich Fahrdienstleister wie das US-Unternehmen Uber, allerdings mit eigenen Wagen. Hinter Ucar steht der Milliardär Lu Zhengyao, der in China mit der Cafékette Luckin Coffee dem US-Riesen Starbucks Konkurrenz macht.

Beim Stuttgarter Arbeitsgericht gab es 14 Klagen gegen Kündigungen

Nach dem Wechsel des Eigners sei nicht nur der Aufbau des internationalen Vertriebs gestoppt worden, berichtet ein ehemaliger Borgward-Manager. „Alle Führungsfunktionen wurden von Stuttgart nach China verlegt. Wir wurden alle rausgeschmissen. Alle Ingenieure wurden auf die Straße gesetzt, sämtliche Vertriebs- und Marketingleute – alles weg“, resümiert der Manager verbittert, der anonym bleiben will. Nur eine Handvoll Designer und ein paar Verwaltungsmitarbeiter seien in Stuttgart noch übrig.

Wie der ehemalige Borgward-Manager berichtet, sei das Unternehmen mit rüden Methoden bei den Stellenstreichungen vorgegangen. Beim Stuttgarter Arbeitsgericht gab es in diesem Jahr 14 Klagen von Borgward-Mitarbeitern gegen betriebsbedingte Kündigungen, die fast alle mit einem Vergleich beendet wurden, berichtet ein Sprecher des Gerichts. Zugleich ist nach Angaben des ehemaligen Managers ein chinesisches Unternehmen zur neuen Konzernzentrale aufgewertet, das Headquarter in Stuttgart dagegen zur Niederlassung der Chinesen herabgestuft worden.

Ein Blick ins Handelsregister zeigt, dass Borgward in diesem Jahr von einer Aktiengesellschaft in eine GmbH umgewandelt wurde. Zudem wurde „der Betrieb eines automatisierten Autovermietsystems (Car Sharing)“ als zusätzliches Betätigungsfeld ins Handelsregister aufgenommen. Geschäftsführer von Borgward ist laut Handelsregister der 30-jährige Chen Liangyun aus Peking. Bei Borgward in Stuttgart ist dazu nicht mehr zu erfahren. Der Pressesprecher hat das Unternehmen ebenfalls verlassen, die jüngsten Pressemitteilungen sind ein Jahr alt. Wer in der Zentrale anruft, hört ein ums andere Mal nur eine Bandansage. Schriftliche Anfragen werden nicht beantwortet.

Die ehrgeizigen Wachstumsziele wurden deutlich verfehlt

Für das Comeback der Marke gab es vor einigen Jahren ehrgeizige Wachstumspläne. Jedes Jahr sollten bis zum Ende des Jahrzehnts zwei neue Modelle auf den Markt kommen, bis dahin sollten mehr als 500 000 Wagen im Jahr verkauft werden, verkündete der damalige Borgward-Chef und ehemalige Daimler-Manager Ulrich Walker vor vier Jahren auf der Automesse IAA. Die hochfliegenden Pläne konnten indes nicht in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Auto-Blogs Carsalesbase.com in China knapp 33 000 Autos der Marke Borgward verkauft, in diesem Jahr waren es demnach bis Oktober gut 37 000, wobei unklar ist, wie viele davon direkt in die Fahrzeugflotte des chinesischen Mehrheitseigners eingegliedert wurden. In Deutschland sind nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamts seit Anfang vergangenen Jahres nicht einmal 100 Autos neu zugelassen worden.

Die Werkstattkette ATU zieht angesichts dieser Entwicklung nun die Reißleine. ATU sollte in Deutschland den Service für die Marke übernehmen und exklusiv Garantieleistungen durchführen. Wie die Werkstattkette nun mitteilte, trennt sich ATU zum Jahresende von Borgward. Begründet wird dies mit dem Eigentümerwechsel und den enttäuschenden Absatzzahlen. Künftig müssen sich Borgward-Kunden an den Luxemburger Autohändler Autodis wenden, der die komplette Ersatzteilversorgung und den Kundendienst übernehmen soll. Die Luxemburger waren vor anderthalb Jahren der erste Vertriebspartner von Borgward in Europa.

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