Holzgerlingen Mutter warnt Tochter mit Zettel vor Geiselnehmer

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Der 29-Jährige Täter, der eine Familie in Holzgerlingen festhielt, zielte mit seiner Waffe auf die Polizisten. Drei Schüsse treffen ihn im Oberkörper. Die Familie kann vorerst nicht in ihr Haus zurück.

Einsatzkräfte am Tatort in Holzgerlingen. Foto: dpa
Einsatzkräfte am Tatort in Holzgerlingen. Foto: dpa

Holzgerlingen - Staatsanwaltschaft und Polizei haben den Hergang der Geiselnahme in Holzgerlingen (Kreis Böblingen) rekonstruiert. Über Stunden hatte ein 29-Jähriger am Wochenende die Familie seiner Ex-Freundin in seiner Gewalt, bevor Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) das Haus stürmten – und den Geiselnehmer auf dem Sofa sitzend überraschten. Er zielte mit seiner Schusswaffe auf die Polizisten, die daraufhin schossen. Weil die Beamten nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft „vermutlich aus Notwehr“ gehandelt haben, leitet sie kein Ermittlungsverfahren ein.

Die Mutter sollte die Tochter ins Haus locken

Der Tathergang taugt als Drehbuch für einen Thriller: Der 29-Jährige läutet am Freitag gegen 21 Uhr an der Haustür der Familie seiner Ex-Freundin in Holzgerlingen. Nichtsahnend öffnet ihm ihre Mutter. Der 29-Jährige bedroht sie mit seiner Waffe, verschafft sich so Zutritt zu dem Haus und dirigiert die 51-Jährige, ihren Mann und ihre 13 und 15 Jahre alten Kinder in ein Kinderzimmer im ersten Stock. Wen er nicht antrifft, ist seine Ex-Freundin, die sich vor Monaten von ihm getrennt hat. Er will wissen, wo die 24-Jährige wohnt. Doch deren Familie verrät ihm die Adresse nicht. Daraufhin zwingt der Täter die Mutter, ihre Tochter anzurufen und unter einem Vorwand in ihr Elternhaus zu locken. Die 24-Jährige verspricht zu kommen.

Wie es der Mutter gelingt, einen Zettel, auf dem sie den Namen des 29-Jährigen und das Wort Polizei geschrieben hat, nach draußen zu schmuggeln, ist noch unklar. Die 24-Jährige liest die Nachricht, als sie vor dem Haus ihrer Eltern steht, macht kehrt und verständigt die Polizei.

Erster Toter bei SEK-Einsatz seit Gründung der Einheit

Kripobeamte, die speziell für Einsätze wie Geiselnahmen geschult sind, nehmen Kontakt zu der Familie auf. In der Zwischenzeit ist der 29-Jährige mit den Eltern seiner Ex-Freundin ins Erdgeschoss gegangen. Noch immer beharrt er darauf, die 24-Jährige zu treffen.

Gegen zwei Uhr am Samstag gelingt es der Mutter der jungen Frau, die Haustür zu öffnen. Die SEK-Beamten stürmen ins Gebäude. Der Vater hatte sich zu seinen Kindern in den ersten Stock geflüchtet. Der Geiselnehmer sitzt allein auf dem Sofa im Wohnzimmer und hantiert laut der Staatsanwaltschaft mit seiner Waffe. Sie richtet er erst gegen sich selbst, dann zielt er auf die Beamten, die schießen und den 29-Jährigen tödlich verletzen. Die Obduktion des Leichnams am Sonntag ergibt, dass Polizisten vier Schüsse auf den 29-Jährigen abgeben haben. Drei treffen ihn am Oberkörper, der vierte ist ein Streifschuss. Der 29-Jährige ist nach Angaben des Polizeipräsidiums Einsatz mit Sitz in Göppingen der erste Tote bei einem Einsatz des SEK seit dessen Gründung 1976.

Familie kann nicht in ihr Haus zurückkehren

Die Waffe des Geiselnehmers war mit sieben Schuss Munition geladen. Weil sich eine Patrone zwischen Lauf und Patronenlager verkeilt hatte, hatte sie Ladehemmung. Ob der aus Frankreich stammende Geiselnehmer sie zu Recht besessen hat, muss noch ermittelt werden. Was den 29-Jährigen zu der Tat getrieben hat, ist unklar. Mit dem Gesetz in Konflikt geraten war der junge Mann zuvor jedenfalls nicht.

Der Familie der 24-Jährigen geht es der Staatsanwaltschaft zufolge schlecht. Die Geschwister der jungen Frau wurden im Krankenhaus betreut. Die Stadt Holzgerlingen hat eine professionelle Betreuung angeboten. In ihr Haus kann die Familie noch nicht zurückkehren: „Das muss noch gereinigt und repariert werden“, sagt der Holzgerlinger Bürgermeister Wilfried Dölker.

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