Seit etwa zehn Jahren wohnt Reiner bereits in seiner Wohnung überm Restaurant Noir am Marienplatz in Stuttgart-Süd. Sie ist nur einen Katzensprung von seiner Bar entfernt, weshalb hier nicht nur er und sein Partner, sondern oft auch die Künstler:innen, die im Galao auftreten, übernachten. „Das ist mir wichtig, dass die Künstler:innen, die in meiner Bar spielen – wenn auch nur für eine Nacht – ein richtiges Zuhause haben und nicht bei irgendwelchen Leuten auf der Couch oder im Hotel schlafen“, sagt der Gastronom und Veranstalter und nimmt uns mit auf eine Tour durch sein buntes Reich (werft einen Blick in unsere Bildergalerie).
In seiner Plattensammlung, die er in einer vierundhalb Meter langen ehemaligen Glastheke aus einem aufgelösten Restaurant in Hohenheim, aufbewahrt, befinden sich Platten fast aller Musiker:innen, die im Galao aufgetreten sind. „Dieses Jahr gibt es das Galao seit 15 Jahren, da kommt man dann jetzt auf etwa 1.600 Bands und Solokünstler:innen. Nicht alle haben Vinyls, aber von denen, die eine Platte haben, findet man auch eine in meiner Sammlung. Das ist mein größter Schatz.“
Wände eingerissen, Tapeten abgekratzt, Fenster geöffnet
Als Reiner vor zehn Jahren die Wohnung im Stuttgarter Süden übernommen hatte, war sie in keinem guten Zustand gewesen, so gut wie alles musste renoviert und neu gemacht werden. „Als ich eingezogen bin, waren die Wände mit fünf Lagen wasserdichter Tapete bezogen, die wir mühsam wieder heruntergekratzt haben“, erinnert er sich heute. Doch das ist nicht das Einzige, was gemacht wurde: „Es waren ursprünglich sechs kleine Zimmer gewesen, ich habe aber erst mal ein paar Wände eingerissen“, sagt der Galao-Macher und Marienplatzfest-Veranstalter, während er in der Wohnküche, dem Zentrum seiner Wohnung, steht. „Ich stehe hier mitten im ehemaligen Bad“, schmunzelt er. Den Wasseranschluss des Bads nutzt er nun für die Kücheninsel, deren Arbeitsfläche er aus Beton selbst gegossen hat. „Ich durfte als Kind zuhause nichts machen, nicht mal einen Nagel reinschlagen“, erinnert er sich, „als ich dann mit 18 ausgezogen bin, habe ich mich dann direkt ins Schreinern gestürzt.“
So gut wie nichts in Reiners Einod am Marienplatz ist gekauft. „Meine Möbel finde ich auf der Straße“, sagt der Bastler, das meiste hat er selbst gemacht, geschenkt bekommen, gesammelt oder – wie im Fall seines Lieblingsmöbelstücks, ein Steintisch, den er in einem der beiden Schlafzimmer stehen hat – etwa im Weinberg in Unterjesingen, wo Reiner 15 Jahre lang gelebt hat, gefunden. „Das war mal ein alter Steinfensterrahmen eines Weinberghüttchens, der lag da immer im Weinberg rum und wurde zunehmend von Grün überwachsen und hat vor sich hin gewittert. Da habe ich ihn mitgenommen.“
Lampen und Tische selbst gebaut
Die neuste Eigenkreation ist eine Wandlampe über der Sitzecke im Wohnzimmer mit etwa einem Meter Durchmesser. „Das war eigentlich eine alte rostige Blumenschale. Die habe ich eigentlich seit 20 Jahren, beim ersten „Silent Friday“-Event kam sie zum Einsatz“, erzählt der Stuttgarter. „Vor ein paar Wochen habe ich dann da ein Loch reingebohrt und eine Glühbirne reingesetzt.“ Reiner hat ein besonderes Auge für das Potenzial, das in Dingen und Menschen steckt, das merkt man beim Spaziergang durch sein 110 Quadratmeter großes Reich. Überall gibt es etwas zu entdecken, zahlreiche Kunstwerke hängen an den Wänden, fast alle von Mitarbeiter:innen und Ehemaligen aus dem Galao. Von der Decke hängen Hängematten, bunte Lampen und ein Satz Turnringe. „Ich habe früher geturnt“, verrät Reiner. „Aber wenn ich ehrlich bin, nutze ich die Ringe nicht wirklich.“
„Das Wichtigste in meiner Wohnung ist mir das Licht“
Wenn man sich in der Wohnung am Stuttgarter Marienplatz umsieht, fällt direkt die Lichtsituation auf. „Das Wichtigste war mir beim Renovieren das Licht“, hört man Reiner erklären, während er am Esstisch in der Sonne sitzt. Im Übernahmezustand waren die vielen Fenster teils verrammelt gewesen, er hat sie alle wieder freigelegt, sodass – auch durch das Entfernen der Wände – die spitz auf den Marienplatz zulaufende Wohnung umlaufend mit Fenstern bestückt, hell und gemütlich geworden ist. „Wie ein Schiffsbug“, sagt Reiner. Besonders im vordersten Schlafzimmer, das dreieckig mit Blick auf den Marienplatz geschnitten ist, macht sich der spitz zulaufende Grundriss der Bude bemerkbar.
Apropos gemütlich: In fast jeder Ecke kann man sich niederlassen, die Sitz- und Liegemöglichkeiten in Reiners Zuhause sind schier unendlich. „Das ist mir beim Einrichten auch wichtig gewesen, dass hier jede:r einen Platz findet, an dem er oder sie seine Ruhe finden, aber gleichzeitig Teil des Geschehens sein kann.“ Der Großteil der Wohnung ist Gemeinschaftsraum, wie er sagt. Er und sein Partner Stjepan haben lediglich (und das auch erst seit Kurzem) einen privaten Arbeitsraum, der Gästen nicht offen steht. Denn nicht nur die Bands aus dem Galao nächtigen hier – die Wohnung in Stuttgart-Süd findet sich auch auf Airbnb. „Erst letzte Woche hatten wir Besuch von jemandem, der ein Zimmer über das Portal bei uns gebucht hat“, erinnert Reiner sich.
Mit Musikern und Airbnb-Gästen unter einem Dach
Sein persönlicher Lieblingsplatz ist am Esstisch im Erker des Wohnzimmers, hier fällt das Licht durch die Fenster aus Richtung des Marienplatz herein, hier gibt es am meisten Durchzug, hier arbeitet er an seinem Laptop. „Teilweise schlafe ich im Sommer auch hier. Außerdem höre ich hier bestens, wieviel im Galao los ist und kann schnell runtergehen, um auszuhelfen, wenn nötig.“
Aktuell stehen zahlreiche Modepuppen mit Stjepans Fashion-Kreationen in der Wohnung. Der Stuttgarter Designer bereitet sich auf die Show seiner neuesten Kollektion am 24. Februar im Projektraum Kunstverein Wagenhalle e.V. vor. Der Eintritt ist übrigens frei, um Spenden wird gebeten.
Zu guter Letzt kann man die Homestory bei Reiner eigentlich nicht beenden, ohne ihn auf eine Skurrilität anzusprechen: Was machen eigentlich die vielen ausgestopften Vögel hier? „Die sind von meinen Großeltern“, lacht er. „Ich bin auf der Alb aufgewachsen, aber meine eigentlich Heimat ist die Oberpflaz an der tschechischen Grenze. Da haben meine Großeltern als Bauern gelebt und haben natürlich auch gejagt. In deren Bauernstube waren dann überall ausgestopfte Vögel und andere Tiere, die habe ich nach deren Tod dann einfach übernommen.“
Die Geburtsstunde der Stuttgarter Live-Musik-Bar Galao
Ein Rabe, der an der Wand der Sitzecke im Wohnzimmer hängt, hat sogar eine historisch wichtige Vergangenheit: „Der war quasi mein Test, um herauszufinden, ob ich ins Galao passe“, berichtet Reiner. Denn bereits wenige Wochen nach der Eröffnung hatte einer der drei Gründer keine Lust mehr. Stattdessen wollte Reiner mit einsteigen, aber nicht, ohne sicherzugehen, dass er seine gestalterische Freiheit im Galao-Team behalten könnte. „Und da habe ich den Raben als Test ins Galao gesteckt, um zu schauen, welche Reaktionen von den anderen beiden darauf kommen – ausgestopfte Vögel sind ja wirklich nicht jedermanns Sache“, schmunzelt er. „Aber es wurde einfach alles akzeptiert.“ Die Geburtsstunde des Galaos, wie wir es heute kennen.