Willi Prettl ist schwäbischer Unternehmer und Honorarkonsul der Ukraine. Gemeinsam mit der zur Gruppe gehörenden Firma Jupiter wirbt er bei Unternehmen um Sachspenden. Ein Gespräch über Hilfsaktionen, die Prettl-Werke in der Ukraine und die neuen Aufgaben im Amt.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Matthias Schmidt (mas)

Ein Zweckgebäude im Gewerbegebiet in Stuttgart-Fasanenhof ist der Sitz des Honorarkonsuls der Ukraine in Baden-Württemberg. Viele Hilfsanfragen gehen per Mail hier ein, aber auch vor Ort suchen Geflüchtete aus der Ukraine Beistand.

Herr Prettl und Herr Clement, Sie starten eine neue Hilfsaktion für die Ukraine. Mit welchem Ziel?

Willi Prettl Als Honorarkonsul möchte ich Firmen in Baden-Württemberg und ganz Deutschland motivieren, alle Möglichkeiten zu nutzen, der ukrainischen Bevölkerung zu helfen. Und Herr Clement hat mich gefragt: Welchen konkreten Beitrag können wir von der Jupiter Küchenmaschinen GmbH leisten? Daraus ist die Aktion entstanden.

Wie kam es dazu, Herr Clement?

Jürgen Clement Unsere Geschäftsräume befinden sich im selben Gebäude wie das Honorarkonsulat, sogar auf demselben Stockwerk. Wir werden tagtäglich damit konfrontiert, wie Mütter mit weinenden Kindern auf dem Arm hierherkommen, wir sehen ihre Hilfsbedürftigkeit und Verzweiflung. Zwar weiß man vom Leid der Menschen auch aus den Medien. Aber es berührt einen anders, wenn man es persönlich sieht. Für mich war das der Impuls, Herrn Prettl zu fragen: Was können wir als mittelständische Firma Jupiter tun, um zu helfen?

Was können Sie tun?

Clement Wir haben eine Spendenaktion „Jupiter – ein Herz für die Ukraine“ ins Leben gerufen. Wir haben unsere rund 2000 Kunden und Partner angeschrieben und zu Sachspenden aufgerufen. Bei vielen gibt es Rest- und Überbestände, auch B-Ware oder Retourenware, die jetzt dringend in den Flüchtlingsunterkünften und in der Ukraine selbst gebraucht wird. Es geht darum, gezielt die Firmen anzusprechen, die schnell die richtigen Produkte zur Verfügung stellen können. Das soll keine einmalige Aktion sein, sondern ein langfristiges Engagement.

Es fehlt an vielen Gütern für den täglichen Bedarf

Um welche Artikel geht es?

Clement Um alle essenziellen Haushalts- und Hygieneartikel. Matratzen und Bettzeug, Haushaltsgeräte wie beispielsweise Kochplatten, Thermosflaschen, Seifen und Rasierer, Zahnbürsten, Batterien, Taschenlampen, Waschmaschinen oder Campingzubehör. Als Hersteller von Küchenmaschinen haben wir zu vielen unserer langjährigen Kunden Kontakt, die solche Waren liefern können.

Woher kennen Sie den Bedarf?

Clement Wir arbeiten für die Aktion mit der gemeinnützigen Stiftung Hoffnungsträger zusammen. Deren Mitarbeiter sind erst vor Kurzem von einem Hilfstransport in die Ukraine zurückgekehrt. Sie haben dort, aber auch in den Unterkünften in Deutschland gefragt, was am dringendsten gebraucht wird. Die komplette Liste ist unserem Spendenaufruf beigefügt.

Gründer der Stiftung ist Tobias Merckle, der in Leonberg das Projekt Seehaus für offenen Strafvollzug betreibt. Die Stiftung setzt sich auch für Menschen mit Fluchterfahrung ein.

Prettl Wir sind vor Kurzem dort gewesen, und es gab gleich eine gegenseitige Sympathie. Wichtig ist aber vor allem: Die Mitarbeiter wissen ganz genau, wo die Hilfe gebraucht wird. Es geht nicht darum, einen Lkw über die Grenze zu fahren und hinzustellen. Es geht um die Frage, wie wir die Ware im Land verteilen. Dazu arbeitet die Stiftung mit lokalen Partnern zusammen. Sie legt auch fest, welche Sachspenden den Geflüchteten in Deutschland zukommen sollen.

Prettl hat auch ein Jobportal ins Leben gerufen

Jupiter gehört zur Pfullinger Prettl-Gruppe, die als Autozulieferer vier Produktionsstätten in der Ukraine betreibt. Hat Jupiter auch Verbindungen dorthin?

Clement Bisher nicht. Aber für die Zukunft ist das denkbar. Die Ukraine ist mit einer Bevölkerung von 40 Millionen für viele Firmen ein interessanter Markt. Auch wir haben schon vor einiger Zeit eine Markterschließungsstrategie formuliert. Wir werden daran weiterarbeiten, sobald es möglich ist.

Herr Prettl, Sie haben gemeinsam mit dem Personaldienstleister Job-Impulse auch das Jobvermittlungsportal „Ukrainians Abroad“ ins Leben gerufen. Wie läuft die Aktion?

Prettl Es gibt viele Geflüchtete, es sind ja vor allem Frauen mit Kindern, die niemandem zur Last fallen wollen und deshalb Arbeit suchen. Job-Impulse hat die Plattform innerhalb weniger Tage aus dem Boden gestampft. Mittlerweile haben sich dort knapp 100 Unternehmen registriert.

Wie viele Jobs wurden bisher vermittelt?

Prettl Es ist noch zu früh, um eine Zahl zu nennen. Die Plattform ist erst seit rund zwei Wochen verfügbar.

Die Anforderungen an die Arbeitskräfte sind hoch. Es braucht Deutschkenntnisse und anerkannte Ausbildungen . . .

Prettl Viele Firmen sagen, wir sind bereit, ukrainische Flüchtlinge zu beschäftigen. Aber die Herausforderungen sind kompliziert, die Sprachbarrieren machen es schwer. Gerade dabei hilft die Plattform. Ukrainisch sprechende Mitarbeiter von Job-Impulse können helfen, die juristischen Hürden und Sprachprobleme zu überwinden. Für mich als Honorarkonsul ist es wichtig, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die das Fachgebiet seit Jahren kennen.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Deutschland braucht Arbeitskräfte aus Osteuropa

Die Prettl-Gruppe fertigt Kabelbäume für die Autoindustrie. Wie ist die aktuelle Situation in den vier Werken in der Ukraine?

Prettl Wir stehen absolut zu unseren Standorten dort. Die Produktion läuft weiter, und sie läuft, gemessen an den Umständen, auch rund. Wir werden in der Ukraine bleiben, solange es irgendwie geht.

Die Autohersteller wollen ihre Lieferketten absichern. Mussten Sie deshalb Produktion in andere Länder verlagern?

Prettl Wir haben natürlich auch andere Standorte und können damit ein Back-up sicherstellen. Aber wie gesagt: Wir wollen in der Ukraine bleiben. Prettl war 1991 eine der ersten westlichen Firmen, die dort eine Produktion aufgebaut haben. Wir sind dem Land eng verbunden, wirtschaftlich und auch privat. Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind warmherzige, positive, hart arbeitende Menschen.

Statt Wirtschaftsförderer ist der Konsul jetzt Spendensammler

Wie stark belastet der Krieg Unternehmen, die in der Ukraine aktiv sind?

Prettl Die Situation im Gesamten war wohl noch nie so schwer abschätzbar und herausfordernd wie heute. Das liegt aber weniger an den Werken in der Ukraine, die ja weiterlaufen, sondern an den Problemen mit der Materialversorgung. Der Lockdown in Shanghai spielt eine große Rolle. Meine persönliche Meinung ist, dass sich die Lieferketten komplett ändern werden, dass es einen großen Schritt zu mehr Regionalisierung geben wird. Die Abhängigkeiten müssen verringert werden. Unsere Philosophie ist generell, dass man als Unternehmen in solchen Herausforderungen die Chancen sehen muss.

Sie sind seit drei Jahren Honorarkonsul. Worin bestehen in normalen Zeiten die Aufgaben?

Prettl Ich verstehe es als meine Aufgabe, den kulturellen Austausch zu fördern und die wirtschaftlichen Beziehungen zu stärken. Ich will deutsche Firmen ermuntern, ihr Engagement in der Ukraine zu erhöhen. Da waren wir auf einem guten Weg, denn es ist ein aufstrebendes Land. Noch wenige Tage vor Ausbruch des Krieges hatten wir ein großes virtuelles Meeting mit der ukrainischen Botschaft, mit dem Ostausschuss der deutschen Wirtschaft und 140 deutschen Firmen, die in der Ukraine tätig sind. Aber der Krieg ist ein großer Rückschlag.

Ist das Ehrenamt zur Hauptaufgabe geworden?

Prettl Viele Anfragen vermittle ich an das Generalkonsulat in München, das ebenso wie die Botschaft alles tut, um zu helfen. Ich selbst muss mich auf die Sachen konzentrieren, die wir selbst bewegen können. Aber ohne starke Partner kann man wenig ausrichten. Deshalb versuche ich, Firmen zu mehr Engagement für die Ukraine zu motivieren. Klar nimmt das Amt jetzt große Teile meiner Zeit ein. Manchmal ist es auch frustrierend, denn ich würde mir schon wünschen, dass die Firmen hier vor Ort sich noch mehr einbringen. Die Ukraine braucht kein Mitleid, sondern konkrete Hilfe. Wenn die dann tatsächlich eintrifft, ist das auch sehr motivierend für mich.

Konsul
Willi Prettl (38) ist in dritter Generation Mitgesellschafter der Prettl-Gruppe in Pfullingen. Er arbeitet seit 2007 im Familienunternehmen, das unter anderem Bordnetze in der Ukraine fertigt. Seit drei Jahren ist er Honorarkonsul der Ukraine in Baden-Württemberg.

Jupiter
 Managing Director Jürgen Clement (54) ist mit Unterbrechungen seit 1984 für den Küchenmaschinenhersteller tätig. Die Traditionsmarke gehört zur Prettl-Gruppe. Zehn Mitarbeiter in Entwicklung, Vertrieb und Service erwirtschaften einen Jahresumsatz von mehr als drei Millionen Euro. Partner
Die Leonberger Stiftung Hoffnungsträger setzt sich weltweit für resozialisierenden Strafvollzug und Flüchtlinge ein. Sie bringt die Sachspenden in die Ukraine. Mailkontakt
für Unternehmen, die spenden wollen: info@my-jupiter.de.