Horber Ausstellung „Familientreffen“ Kinder fahren allein nach Amerika
1938 verlässt ein Drittel der Bevölkerung Rexingen. Erst jetzt werden die Fäden dieser schwäbischen Juden bei einem besonderen Familientreffen wieder zusammengefügt.
1938 verlässt ein Drittel der Bevölkerung Rexingen. Erst jetzt werden die Fäden dieser schwäbischen Juden bei einem besonderen Familientreffen wieder zusammengefügt.
Kinder waren nicht erwünscht. Wenn diese Deutschen schon in Scharen kommen, dann sollen sie erst ihr neues Leben in Ordnung bringen, bevor sie die Kinder nachholen. Also machten sich die neunjährige Anneliese und ihr kleiner Bruder Ernst-Werner von Rexingen aus allein auf zu den Eltern, die bereits nach Amerika ausgewandert waren. Der Onkel arrangierte die Reise, hängte den Kindern Schilder mit den wichtigsten Informationen um – und so zogen sie los, fuhren nach Paris, von Paris nach Madrid, weiter nach Lissabon und schließlich über den Großen Teich nach Amerika.
Barbara Staudacher und Heinz Högerle könnten viele Geschichten erzählen wie die der beiden Kinder, die ihre Heimat in Schwaben zurücklassen mussten. Mehr als hundert Juden verließen 1938 das schwäbische Dorf Rexingen – und als Barbara Staudacher und Heinz Högerle 1997 aus Interesse in den Synagogenverein in Horb-Rexingen eintraten, stellten sie schnell fest, dass sich in den Archiven wenig fand zu den Auswanderungen. Auch die Stadt habe nie einen Versuch gemacht, mit den einstigen Bewohnern Kontakt aufzunehmen, erzählt Barbara Staudacher. Also haben sie das übernommen, sind nach Israel und Amerika gefahren, um dort Rexinger zu suchen und ihre Geschichten und Fotos zusammenzutragen.
Im Museum Jüdischer Betsaal Horb kann man nun alle wieder treffen: Resi und Alfred, die Fröhlichs, die Geschwister Pressburger oder ein kleines Kerlchen mit großer Schultüte, Jonathan Schwarz an seinem ersten Schultag in Shavei Zion in Palästina. „Wir haben einen Riesenfundus an Privatfotos“, erzählt Barbara Staudacher, und ebendiesen Schatz haben sie und Högerle nun gehoben für die Ausstellung „Familientreffen“.
Es ist eine Art Zeitreise durch Fotoalben der jüdischen Familien aus der Region. Im heutigen Stadtgebiet von Horb gab es immerhin sechs jüdische Gemeinden. Im 19. Jahrhundert erhielten die Juden in Württemberg allmählich die gleichen Bürgerrechte wie die Christen und durften nun Wohnort und Beruf frei wählen. Horb, eine aufstrebende Beamtenstadt, lag an einem Eisenbahnknotenpunkt und bot jüdischen Händler gute Entwicklungsmöglichkeiten.
Viele der jüdischen Bewohner waren hier in der Textilindustrie tätig – etwa in der Kleiderfabrik der Familie Stern. Was zunächst mit einem Herrenkleider- und Tuchgeschäft auf dem Marktplatz begonnen hatte, entwickelte sich zu einer florierenden Kleiderfabrik, sodass die Sterns ein wichtiger Arbeitgeber in Horb waren – wie auch die Gideons, die eine Seifenfabrik hatte.
In der Horber Ausstellung hängt ein Familienfoto der Sterns. Es wurde 1921 aufgenommen bei der goldenen Hochzeit von Regine und Lippmann Stern, der sich in der jüdischen Gemeinde in Horb engagierte und Vorsänger war. Er gründete die Fabrik mit seinen Söhnen. Siegfried wurde im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Heinrich Stern wurde in Dachau so misshandelt, dass er nach seiner Rückkehr starb. 1939 emigrierte seine Frau Jenny mit der Tochter Else und dem Schwiegersohn nach Südafrika.
Während der Nazizeit verließ ein Drittel der Einwohner Rexingen, nachdem Juden und Christen so lange friedlich miteinander gelebt hatten. Die Fotos der Familienfeste belegen, dass man keineswegs nur untereinander feierte, sondern bei großen Anlässen auch die Nachbarschaft einlud.
Als 1933 ein Nationalsozialist Bürgermeister wurde, keimte im Jüdischen Jugendbund Rexingen der Gedanke, nach Palästina auszuwandern. Im Februar 1938 machten sich zehn Familien und einige unverheiratete Männer als Gruppe auf den Weg ins „Land der Väter“, wo sie ein neues Rexingen gründen wollten: Shavei Zion, ein Dorf an der nördlichen Mittelmeerküste Israels.
Voraus gingen aber lange Diskussionen, denn es herrschte keineswegs Einigkeit, ob man tatsächlich alles hinter sich lässt und, falls je doch, ob man nicht eher nach Amerika gehen sollte. Der betagte Abraham Neckarsulmer war nicht der Einzige, der Horb auf seine alten Tage nicht mehr verlassen wollte, wo er später oft orientierungslos herumirrte. Resi und Alfred Pressburger gingen mit ihren Töchtern nach Palästina, Alfreds Verwandtschaft wanderte dagegen nach Amerika aus.
Während Anneliese und Ernst-Werner Pressburger nach langer Reise wohlbehalten in Amerika ankamen, mussten Egon und Trude aus Baisingen nach Shavei Zion ohne ihre Eltern fahren, weil diese noch keine Ausreisedokumente besaßen. Die Kinder warteten vergeblich, Berthold und Friederike Schweizer wurden nach Riga deportiert.
So ist diese Ausstellung in Horb auch eine Familienzusammenführung der besonderen Art. Wenigstens jetzt, 85 Jahre später, finden hier auf Fotos Kinder und Eltern, Omas, Opas und Enkel, Geschwister und all die andere Verwandtschaft wieder zusammen, die oft auf der ganzen Welt verstreut oder ermordet wurden. Auch die jetzt nachkommenden Generationen versuchen häufig, die Fäden wieder zusammenzuknüpfen. In Deutschland wollten viele „lieber nicht so viel wissen über ihre Eltern“, meint Barbara Staudacher, die jüdischen Nachkommen begäben sich dagegen oft auf Spurensuche. Und die führt immer wieder nach Horb. „Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass wir hier sind.“
Es hat sich eher zufällig entwickelt, dass Barbara Staudacher und Heinz Högerle einen Großteil der Aktivitäten des Synagogenvereins stemmen. „Es brauchte jemanden, der das macht“, sagt Barbara Staudacher, „und das waren eben wir.“ Sie waren es, die das Museum in den ehemaligen Beträumen in Horb maßgeblich einrichteten, wo nun seit mehr als zehn Jahren Ausstellungen stattfinden, Tagungen und Schulprojekte. Da sie beide aus dem Verlagsgewerbe kommen, lag es auch nahe, dass sie die historische Aufarbeitung vorantrieben und in dem Museum in Horb nun ein ganzer Tisch übersät mit Büchern steht, die sie in den vergangenen Jahren zur jüdischen Geschichte in der Region auf den Weg gebracht haben.
Vor allem reisen immer wieder Besucher aus dem Ausland an, Kinder, Enkel, Nichten oder Großneffen, die wissen wollen, wo ihre Großmutter wohnte oder die Tante in die Schule ging. „Viele sind total glücklich, wenn sie in das Haus dürfen, auch wenn man dort eigentlich nicht mehr viel sieht“, erzählt Staudacher. Die Besucher, deren Vorfahren fliehen konnten, seien meist offen und unbefangen, oft kämen sie zunächst allein und ein paar Jahre später mit ihren Kindern, um ihnen alles zu zeigen. Manche führt der Weg sogar regelmäßig nach Rexingen – und wichtig ist, dass bei diesen Besuchen jemand vermittelt, zeigt, unterstützt. Und auch das sind eben immer wieder Staudacher und Högerle.
In Shavei Zion gibt es übrigens bis heute ein Rexinger Zimmer, in New York gründeten Rexingerinnen, die als junge Frauen ausgewandert waren, einen Wohltätigkeitsverein. Staudacher und Högerle haben einige von ihnen noch kennengelernt und dabei selbstverständlich auf Schwäbisch miteinander gesprochen.
Für Außenstehende ist es nicht einfach, in der Ausstellung die Zusammenhänge zwischen den Familien, den Schwarzens aus Emmendingen, den Gideons und Pressburgers wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Staudacher und Högerle dagegen kennen sie inzwischen so gut wie ihre eigene Verwandtschaft und können aus dem Effeff sagen, wie Margarete und Kurt in New York ein neues Leben begannen oder was aus der Familie wurde, der die Firma Schwarz Manufakturwaren in Emmendingen gehört hatte.
In einer stetig wachsenden Datenbank können die Nachkommen auch recherchieren und sich Stammbäume anzeigen lassen – wobei die schönen Momente meist persönlicher Art sind, vor allem dann, wenn es Staudacher und Högerle gelingt, wieder ein weiteres Puzzleteil einzufügen. So stießen sie im Internet auf Liliana Löwenstein, die in Argentinien lebt. Ihr konnte man Verwandte in Israel und Amerika vermitteln. Löwenstein kam schließlich selbst nach Rexingen, wo sie ihre Cousine Lea Raps aus Israel kennenlernte, von deren Existenz sie vorher nichts gewusst hatte.
Die Ausstellung „Familientreffen“ im Museum Jüdischer Betsaal Horb läuft bis zum 28. Januar 2024 und ist jeden Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet.