Horror in der Kunst Die Lust auf Tod und Teufel

Ausschnitt aus dem Triptychon „Das Jüngste Gericht“ des Düsseldorfer Malers Friedrich Wilhelm von Schadow. Foto: Kunstpalast/Horst Kolberg

Von wegen vernunftbegabt: Je stärker an den Verstand appelliert wird, desto beliebter werden Grusel, Horror und das kokette Spiel mit Tod und Teufel.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Wehe, der Sensenmann klopft an der Tür, dann wird dem Menschen angst und bange. Deshalb wird auch dort, wo man noch mitten im Leben steht, kaum ein Thema so energisch verdrängt wie der Tod. Bloß nicht darüber reden, dass Freund Hein uns alle eines Tages holen wird!

 

Aber es ist schon ein eigenartiges Phänomen: Ans reale Sterben mag der Mensch nicht denken, in Filmen und Spielen, in Kunst und Kultur hat der Tod Hochkonjunktur. Auch Grauen und Schrecken sind allgegenwärtig. Der eine zieht sich am Feierabend gemütlich einen Horror- oder gar einen Splatterfilm rein, andere hören Metal und Rock, wo lustvoll Tod und Teufel besungen werden. Kinder jubeln, wenn sie in der Geisterbahn von Skeletten erschreckt werden, besonders Coole tätowieren sich Totenschädel auf den Arm. Und nichts wird so gern und viel gelesen wie Katastrophenmeldungen in der Zeitung.

Zombie-Augen als Flummis

Deshalb werden sich auch die Totenkopf-Radiergummis bestens verkaufen, die derzeit im Museumsshop im Düsseldorfer Kunstpalast angeboten werden. Es gibt auch eklige „Notfallhirne“ aus Schokolade zu 7,80 Euro das Stück oder Zombie-Augen als Flummis. Das Düsseldorfer Museum widmet sich in der Ausstellung „Tod und Teufel“ dem Horror und Schrecken – und kann so verlässlich mit Publikum rechnen wie Sanitäter, die einen Verletzten versorgen müssen.

Denn Gewaltexzesse faszinieren den Menschen. Von Angstlust spricht die Psychologie, denn bei aller Furcht vor Unfällen, Verletzungen oder Katastrophen löst die Vorstellung solchen Schreckens durchaus auch einen süßen Kitzel aus und zieht ganz offensichtlich in seinen Bann. Horror und Grusel ermöglichen dem Menschen, sich aus sicherer Distanz heraus zu konfrontieren mit Gefahr und vor allem dem Tod, der in unserer Gesellschaft so radikal tabuisiert wird.

Der Tod war früher mitten im Leben verankert

In früheren Jahrhunderten war das anders. Der Tod war nicht nur realer mitten im Leben verankert, sondern auch symbolisch allgegenwärtig. „Memento mori“ – vergiss nicht, dass auch du eines Tages aus dem Leben scheiden musst und sich zeigen wird, ob du im Himmel oder in der Hölle landest. Das Böse wurde als bedrohlich empfunden, und Darstellungen von Tod und Teufel auf Gemälden oder Alltagsgegenständen sollten zu einem sündenfreien Leben ermuntern.

Mit der Aufklärung beginnt dieser Glaube an ein Leben nach dem Tod – ob im Fegefeuer oder im Paradies – zu bröckeln. Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnisse werden nun zum Maß aller Dinge erklärt. Allzu nüchtern scheint der Mensch aber nicht veranlagt zu sein, sodass umgehend eine Gegenbewegung entsteht. Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, 1774 zunächst anonym veröffentlicht, prägt eine ganze Epoche, die auf Gefühl statt Vernunft setzt und Empfindsamkeit vor Aufklärung stellt.

Um 1800 kursieren denn auch zahlreiche Horrormotive, die den Schrecken nun ästhetisieren. Literaten, Maler, Komponisten erfinden bizarre Geschöpfe und erzählen makabre Geschichten, die die Fantasie beleben. Sogar Satan als personifiziertes Böses verliert zunehmend seine Bedrohung und wird sympathischer und schöner: Der Teufel wird nun auch als attraktiver, muskulöser Mann dargestellt.

„Das Schloss des Teufels“

Heute hat jede Generation ihre eigenen Mittel zum Grusel. Die einen befriedigten ihre Angstlust bei Stanley Kubricks Film „Shining“, in den 1990ern schaute man dagegen „Das Schweigen der Lämmer“, einen Kult-Thriller, in dem ein Serienmörder mithilfe eines kannibalistisch veranlagten Psychiaters gefasst werden soll. Ein Klassiker bleibt Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960). Bis heute wird keine Filmsequenz so oft zitiert wie die Szene, in der der Täter sein Opfer in der Dusche ersticht.

Die Düsseldorfer Ausstellung zeigt, wie selbstverständlich Horror und Grusel, Zombies und Monster, Totenschädel und Skelette zu unserem Alltag gehören. Stilprägend war vor allem Georges Méliès’ Film „Das Schloss des Teufels“ von 1896, der in einem gotischen Schloss gedreht wurde, in dem Hexen, Dämonen und der Teufel ihr Unwesen treiben. Hier finden sich bereits Motive, die heute in Computerspielen auftauchen oder auch in der Metal-Musik, deren Faszination für den Tod sich in morbiden Texten und einer grotesken Bildsprache ausdrückt.

Aber auch Pop und Mode haben längst Grusel und Tod für sich entdeckt: So brachte das Label Viktor & Rolf 1999 einen Anzug auf den Markt, auf den weiße Würste aufgesetzt sind, die an Knochen erinnern und den Träger wie ein Skelett ausschauen lassen.

Training für den Ernstfall

Geschmacklos oder witzig? In jedem Fall sind das kokette Spiel mit dem Schrecken und das forsche Tête-à-Tête mit dem Sensenmann ein Indiz dafür, dass man sich sicher und geborgen fühlt und gefahrlos erproben kann, wie sich Aufregung und Bedrohung anfühlen. Der Horror als Training für den Ernstfall. Deshalb wird man bei der Lustangst mit einem wohligen Gefühl der Erleichterung und Freude belohnt.

In Gesellschaften, die lebensbejahende Einstellungen fördern und an Vernunft und Zurückhaltung appellieren, ist die Lust am Grusel angeblich besonders groß und führt häufig zu Gegenbewegungen. So entstand die Gothic-Szene, deren Markenzeichen schwarze Kleidung, blasses Make-up und morbide Themen wurden, im konservativen England um 1980. Heute floriert die Horror-Filmindustrie besonders in Japan, wo vom Individuum extreme Selbstdisziplin und Kontrolle erwartet werden.

Wer hierzulande weich gebettet ist, sich aber ein bisschen härter geben will, für den wurde zur Düsseldorfer Ausstellung eigens „höllische“ Mode entworfen – mit „Post-Mortem-Jeans“ und „Devil-Shirt“.

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