Hospitalhof-Jubiläum Chagall-Plagiate sind passé

Von Georg Leisten 

Seit 25 Jahren gibt es „Kunst der Gegenwart im Hospitalhof“: Für alle Beteiligten, Ausstellungsmacher, Künstler und Besucher, war und ist die Stuttgarter Reihe ein Lernprozess, meint Pfarrer Helmut Müller.

Passionierter Ausstellungsmacher: Helmut A. Müller vom Hospitalhof Foto: aa
Passionierter Ausstellungsmacher: Helmut A. Müller vom Hospitalhof Foto: aa

Stuttgart - Den Spaßbildhauer Tobias Rehberger, den Skandaleur Jonathan Meese oder die Malerin Cornelia Schleime – Pfarrer Helmut A. Müller hat sie alle zum Altar geführt, zum Altar der Hospitalkirche, die eine der wichtigsten evangelischen Ausstellungsinstitutionen in Württemberg ist. Es ist noch gar nicht lange her, da war zeitgenössische Kunst im sakralen Kontext gleichbedeutend mit verknöchertem Spätexpressionismus oder frommen Chagall-Plagiaten. Dass sich das mittlerweile geändert hat, ist nicht zuletzt ein Verdienst des Stuttgarter Hospitalhofs.

Da das evangelische Bildungszentrum in der Büchsenstraße derzeit neu erbaut und die Kirche restauriert wird, begeht die Reihe „Kunst der Gegenwart im Hospitalhof“ auch ihr 25-jähriges Jubiläum in der Brenzkirche am Kochenhof. Mit gewohnt herausfordernder Thematik: unter dem Titel „Teenage Jesus“ stellt der dänische Konzeptualist Alexander Tovborg in dem Interimsquartier ab 16. September Mutmaßungen über die Jugend Christi an.

Auch wenn man es ihm nicht ansieht: Müller ist ein Kunstfreak im Talar. Die Regale seines Arbeitszimmers ächzen nicht unter Bibeln, sondern unter aktuellen Ausstellungskatalogen und Theoriewerken. Keinen Rundgang an der Kunstakademie lässt er aus, für die Documenta hat er sich gleich ein paar Tage freigenommen.

Anfangs standen kirchliche Einrichtungen nicht hoch Kurs

Als Müller 1987 von einer Backnanger Pfarrstelle als Leiter des Hospitalhofs und der City-Gemeinde nach Stuttgart wechselte, hat er die Reihe ins Leben gerufen und seitdem auch betreut. Am Anfang stand die Überlegung, das Seminarangebot des Zentrums durch ästhetische Reflexionen zu ergänzen. Gleich in den ersten beiden Jahren gelang es Müller, klangvolle Namen wie Lambert Maria Wintersberger, Rainer Fetting oder Alfred Hrdlicka unter seiner Kanzel zu vereinen. Und das in den Achtzigern! Kirchliche Einrichtungen galten da noch nicht als ernsthafte Präsentationsorte. Ein Künstler äußerte gegenüber Müller gar die Befürchtung, eine Kooperation mit der Kirche könne seinen Preis auf dem Kunstmarkt drücken.

Mit rhetorischem Geschick und Leidenschaft leistete Müller Überzeugungsarbeit nach allen Seiten. Bei den Mitgliedern seiner City-Gemeinde wie in den kirchlichen Gremien, wobei ihm mehr als einmal der Gegenwind der traditionellen protestantischen Bilderfeindlichkeit ins Gesicht schlug. Verstört zeigte sich die Gemeinde etwa über Aktionskreuze von Hermann Nitsch oder über eine Performance von Peter Gilles, der sich im zuvor abgezapften Eigenblut auf dem Kirchenboden wälzte.