Hospitalhof Stuttgart Bilder sagen mehr als Worte

Von Georg Leisten 

Der Leiter des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof, Pfarrer Helmut A. Müller, verabschiedet sich Ende des Monats in den Ruhestand.

Profilierter Ausstellungsmacher: Pfarrer Helmut A. Müller. Foto: Michael Steinert
Profilierter Ausstellungsmacher: Pfarrer Helmut A. Müller. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Bilder sind nicht stumm, sondern laut. Lauter sogar, nachhaltiger und sinnlicher als Worte. Helmut A. Müller hat Tausende von Predigten gehalten, bei Gottesdiensten, Hochzeiten, Beerdigungen, doch irgendwann bemerkte der Theologe: „Sie können sagen, was Sie wollen, die Kunst sagt immer mehr.“ Und so wurde aus dem Pfarrer der Ausstellungsmacher, der Gemälde und Skulpturen dorthin zurückholte, woraus die Reformation sie vor fünf Jahrhunderten vertrieben hatte: in die Kirche. In siebenundzwanzig Jahren als Leiter des Stuttgarter Hospitalhofs hat Müller das Evangelische Bildungszentrum sowie die angeschlossene Hospital­kirche zu einer der führenden religiösen Ausstellungsinstitutionen in der Stadt gemacht. Mit Intellektualität und Herzblut, Beharrlichkeit und Kennerschaft. Zum Ende des Monats verabschiedet sich der gebürtige Heilbronner nun in den Ruhestand, hat aber bereits eine neue Beschäftigung in der Kunstszene im Visier.

Zurückblicken kann Pfarrer Müller auf über zweihundert Ausstellungsprojekte, hinzu kamen Vorträge und Tagungen, für die er ebenfalls verantwortlich zeichnete. Einzig den Wunsch, an seiner bisherigen Wirkungsstätte noch eine eigene Stelle für die Kunst einzurichten, konnte Müller nicht realisieren. Seine Nachfolgerin Monika Renninger wird das Kunstprogramm zwar im Neubau des Hospitalhofs wiederaufnehmen, aber in reduzierter Form. Künftig soll es nur zwei bis drei Ausstellungen im Jahr geben statt fünf oder sechs wie bisher. Ob das ehe­malige Dominikanerkloster damit seinen Ruf als wichtiger Kunstort in Stuttgart behalten kann, bleibt also abzuwarten.

Unter Müllers Obhut hatten Skandal­maler wie Jonathan Meese, Entlarvungsspezialisten wie Christian Jankowski mit seinem Jesus-Casting oder freche Objektbildhauer wie Anja Luithle viel beachtete Auftritte – alles Leute, deren Œuvre sonst nicht so aussieht, als hätten sie mit der Kirche viel am Hut. Doch das war für Müller nie das Entscheidende. „Mir kam es darauf an, neben den wissenschaftlichen Veranstaltungen die Kunst in unserem Bildungsangebot zu etablieren, denn beides stellt eine Weise des reflexiven Zugangs zur Wirklichkeit dar.“

Das protestantische Bilderverbot wirkte lange nach

Auf Widerstand stießen dabei nicht nur einzelne Projekte wie Thomas Lehnerers Altarverhüllung oder die Seemannstattoos der Berlinerin Mara Wagenführ, die während einer Tagung über Prostitution die Gemüter erhitzten. Anfangs hegte man auch grundsätzliche Zweifel an der Liaison von Kirche und Gegenwartskunst. „In den Achtzigern“, erinnert sich Müller, „wirkte die Tradition des protestantischen Bilderverbots noch sehr stark.“ Er habe aber, das zu betonen ist ihm wichtig, niemals ein Bild abgehängt. Weder in Stuttgart noch als Gemeindepfarrer in Backnang, wo er sich zuvor erste Meriten als Kunstvermittler verdiente. Sein wichtigstes Argument gegen die Kritiker auf den eigenen Kirchen­bänken fand Müller im utopischen Ansatz der Kunst. Die gehe schließlich immer das Wagnis der innovativen Perspektive, der Umkehrung des Gewohnten ein – und genau dieses Prinzip, Neues in die Welt zu bringen, teile die Kunst mit der Botschaft der Evangelien.

Die berühmten dicken Bretter bohren musste der scheidende Hospitalhof-Chef aber nicht nur innerhalb der eigenen Institution. Auch viele Künstler scheuten vor dreißig Jahren noch vor dem sakralen Kontext zurück: „Kirchenkunst wurde mit schlecht verdautem Expressionismus gleichgesetzt.“

Dass es indes bald schon zur Ehre, für einige auch zum Karrieresprungbrett wurde, im Hospitalhof auszustellen, führt der bescheidene Müller nicht auf die eigene Vermittlungsarbeit zurück. „Der Kunstbegriff selbst hat sich gewandelt. Für einen Dienstleistungskünstler wie Tobias Rehberger war etwa die Reaktion auf die Architektur eine Herausforderung.“ Schnell auch hat sich herumgesprochen, dass Pfarrer Müller die Autonomie der Kunst heilig ist. „In puncto Unabhängigkeit sehe ich kirchliche Einrichtungen heute sogar im Vorteil gegenüber manchem Kunstverein, in dem die Bilder allein zur Illustration einer kuratorischen These dienen.“

Nach über fünfunddreißig Jahren Kirchenkunst biegen sich seine Regale nicht nur unter etlichen Ausstellungskatalogen. Im Laufe der Zeit ist auch eine stattliche private Kunstsammlung zustande gekommen, die komplett zu zeigen die Ausstellungsräume des Hospitalhofs kaum ausreichen würden. Auch Müllers neue Wirkungsstätte wäre zu klein dafür. Neben seinem ehemaligen Elternhaus bei Heilbronn plant der designierte Pensionär eine Begegnungsstätte für Kunst und Religion. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit einigen Künstlern aus seiner Stuttgarter Zeit will Müller in dem „Nordheimer Scheune“ getauften Kunstraum fortsetzen, aber auch junge Positionen entdecken. Vielleicht werden die Bilder dann sogar noch ein bisschen lauter als im Hospitalhof.

Termin Am 28. Februar um 14 Uhr wird Helmut A. Müller im Hospitalhof verabschiedet. Telefonische Anmeldung:. 0711 - 20 68 -1 5 0.