Hospiz St. Martin in Stuttgart-Degerloch Sterben ist nicht planbar

Von Tilman Baur 

Todkranke Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, ist keine leichte Aufgabe. Mitarbeiter des Hospizes St. Martin in Stuttgart-Degerloch erklären, worauf es in diesem Ehrenamt ankommt. Und wo die Unterschiede in der Begleitung von Erwachsenen und Kindern liegen.

In der Sterbebegleitung geht es darum, präsent zu sein – für die Todkranken ebenso wie für ihre Angehörigen. Foto: dpa
In der Sterbebegleitung geht es darum, präsent zu sein – für die Todkranken ebenso wie für ihre Angehörigen. Foto: dpa

Degerloch - Das Ehrenamt ist ein zentraler Bereich der Hospizarbeit und füllt nicht nur Lücken.“ Bernhard Bayer ließ am Montag keine Zweifel an der Rolle, die Ehrenamtlichen in der Sterbebegleitung zukommt. Knapp 20 Interessenten – größtenteils Frauen – waren am Montag nach Degerloch ins Hospiz St. Martin gekommen, um sich darüber zu informieren, worauf es im Ehrenamt ankommt. Bislang engagieren sich bereits etwa 110 Menschen für Sterbende und deren Familien. Neben Bayer waren vier Hospiz-Mitarbeiterinnen gekommen, darunter die Leiterin der Ehrenamtsarbeit, Annegret Burger, und ihre Stellvertreterin Juliane Löffler.

Ehrenamtliche arbeiten in vier Bereichen: in der Trauerbegleitung, dem Kinder- und Jugendhospizdienst, der Lebens- und Sterbebegleitung sowie im Alltagsehrenamt. Eine gewisse fachliche Vorbildung ist unabdingbar, um diesen Aufgaben gerecht zu werden. Ein intensiver, 20 Abende umfassender Kurs bereitet die Sterbebegleiter darauf vor.

Es geht darum, präsent zu sein

Mehr noch als Fachkenntnis zähle die persönliche Bereitschaft, sich auf die Aufgabe einzulassen, sagte Bernhard Bayer, der den Kinder- und Jugendhospizdienst leitet. Man brauche Menschen, die Zeit mitbringen und bereit sind, sich dem Thema Tod und Sterben zu stellen. Dabei müsse man sich mit der eigenen Biografie auseinandersetzen, mit der eigenen Haltung zu Tod und Trauer. Es gibt auch Ausschlusskriterien. Wer sich beispielsweise für aktive Sterbehilfe einsetze, dürfe sich nicht engagieren. „Da haben wir eine klare Haltung“, sagte Bayer. Die lautet: Sterbebegleitung ja, Sterbehilfe nein.

In der ambulanten Sterbebegleitung begleiten Ehrenamtliche die sterbenden Menschen überall: im Pflegeheim, im Krankenhaus, im stationären Hospiz oder – so der häufigste Wunsch – zu Hause. „Sterben sollte an einem vertrauten Ort möglich sein“, sagte Juliane Löffler. Darauf komme es an: Präsent sein, den Menschen und ihren Wünschen Priorität einräumen, Angehörige entlasten. Den Anspruch, Angehörige zu ersetzen, dürfe man nicht haben. Als „Knoten in einem tragfähigen Netzwerk“ sollten sich die Ehrenamtlichen sehen.

Die Begleitung von Kindern und Jugendlichen ist ein Sonderfall

Sterbebegleitung ist keine Aufgabe wie jede andere. Gleiches gilt für die Zeit, die dafür anfällt. Zwar nannte Juliane Löffler zwei bis vier Stunden pro Woche als groben Richtwert. Aber sterben sei eben nicht planbar. Besonders herausfordernd ist die Begleitung sterbender Kinder und Jugendlicher. Sie beginnt, anders als bei Erwachsenen, bereits zum Zeitpunkt der Diagnose. „Denn da fängt die Krise an“, sagte Bayer. Stoffwechselerkrankungen, Gen-Defekte, Krebs: diese schrecklichen Urteile treffen Kinder und deren Familien mitunter. Vorrangiges Ziel der Ehrenamtlichen sei es, sie bei der Alltagsbewältigung zu unterstützen, erklärte Bayer. Dazu gehöre, für die Geschwister des erkrankten Kindes da zu sein. Denn meist gehört die Aufmerksamkeit der Eltern ganz dem kranken Kind, die Brüder und Schwestern kommen dabei notgedrungen zu kurz.

Gespräche mit Angehörigen gehören zum Alltag

Im Alltagsehrenamt dreht sich alles ums Essen, das für Sterbende und Angehörige eine große Rolle spielt. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist hier weniger intensiv. Eine reine Verwaltungstätigkeit ist es deshalb längst nicht, Gespräche mit Angehörigen gehören zum Alltag.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meldeten sich anschließend zu Wort – zögerlich zunächst, dann immer neugieriger. Ob es auch nächtliche Sitzwachen gebe, fragte einer. Ob man als Sterbebegleiterin auch in den Urlaub fahren könne, wollte eine andere wissen. „Kann man schon während des Kurses in die Begleitung einsteigen?“, fragte eine Dritte. Das Interesse spiegelte sich in einer ersten, unverbindlichen Standortbestimmung wieder, nach der die Hospizmitarbeiter die Teilnehmer fragten. Von den 19 Anwesenden verorteten sich zwölf in der Sterbebegleitung, vier im Kinder- und Jugendhospizdienst und drei im Alltagsehrenamt – die Option „momentan nichts“ jedenfalls zog keiner in Betracht.

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