Samstag, 19 Uhr, die Schlange vor dem Club wird immer länger – und wer steht an: Mütter. Für eine Party namens „Mama geht tanzen“, von 20 bis 23 Uhr. Was für die einen nach einer willkommenen Abwechslung klingt, ist für die anderen ein Grund mehr, um zu Hause zu bleiben. „Endlich mal wieder feiern wie früher“ hört man die partyhungrige Mama-Meute schreien, aber jetzt mal ehrlich: Von welchen Feten reden wir hier?
Feiern wie früher? Uncool!
So hat doch keine:r früher gefeiert, vielleicht als Jugendliche:r, als um Mitternacht Schluss war, weil minderjährig, dies, das – eine eher uncoole Erinnerung oder? Na ja, die einen sagen so, die anderen so.
Und eines steht fest: Partys wie „Mama geht tanzen“ und seit Kurzem auch „Moms on fire“ im Perkins Park erfreuen sich größter Beliebtheit, die Tanzflächen sind übertrieben voll und die Stimmung ist am Überkochen. Und wer kann schon etwas dagegen haben, wenn Menschen, genauer Mütter, hier den Spaß ihres Lebens haben!? Unsere Autorinnen sind da ganz unterschiedlicher Meinung.
Tanja Simoncev: Lasst Mamas feiern wo, wann und wie sie wollen!
Als ich das erste Mal von der Partyreihe „Mama geht tanzen“ gelesen habe, muss ich ehrlich zugeben, dachte ich: cool! Ich bin jetzt Mama und natürlich gehe ich noch feiern, das hört doch mit einem Kind nicht einfach auf. Mamas gehen tanzen, Mamas trinken, Mamas feiern. Mamas sind ganz normale Menschen.
Und da wären wir auch schon beim schlagenden Argument, um im Battle-Jargon zu bleiben, das gegen diese Art von Partys spricht. Mir stellt sich nämlich im gleichen Atemzug die Frage: Warum lassen wir Mamas uns in eine Schublade stecken? Wir sind keine Aliens. Wir feiern wann und wo wir wollen, dafür brauchen wir keine spezielle Mama-Party.
Klar hat sich das Leben verändert und natürlich haben wir Schlafmangel des Grauens, aber da macht die ein oder andere schlaflose Nacht den Braten auch nicht mehr fett. Mein Partner und ich sprechen uns zum Beispiel regelmäßig ab, mal geht er aus, mal ich. It’s that easy.
Außerdem stelle ich mir die Gesprächsthemen auf solchen Partys auch sehr einseitig vor, Kind hier, Kind da. Will man, äh Frau, beim Ausgehen nicht mal was anderes sehen und hören? Ach und apropos Mann. Männer oder auch Papas sind auf diesen fetzigen Feten wohl auch willkommen, aber keine Männergruppen. Hm. Denn „Mama geht tanzen“ will ein Safe Space sein, für Mütter. Hm.
Versteht mich nicht falsch, natürlich befürworte ich den Safe Space-Gedanken, aber sollte der nicht generell im Nachtleben gewährleistet sein? Immer mehr Clubs im Kessel setzen deshalb ja auch auf Awareness. Und klar, frühes Feiern ist toll, genauso wie spätes Feiern oder Daydrinking etc. Das lässt sich aber meiner Meinung nach nicht auf Mamas oder Eltern runterbrechen. Das betrifft die Gen Z genauso wie ältere Feierwütige.
Also lasst uns doch einfach die Vielfalt feiern, frei von Lebensphase, Alter und/oder sexueller Orientierung, und zwar wo, wann und wie wir wollen – und Schubladen wie „Mama-Partys“ oder „Ü-30-Veranstaltungen“ für immer schließen.
Beate Grünewald: Hört auf mit dem Eltern-Shaming!
Können wir bitte aufhören auf Eltern herumzuhacken? Kaum bist du Mama oder Papa, wirst du damit konfrontiert, was richtig und was falsch ist. Wildfremde Menschen fragen dich auf der Straße, ob du dein Baby stillst, weil Muttermilch das Beste für das Kind ist, sagen sie. Dein Arbeitgeber verurteilt die Dauer eurer Elternzeit, die Nachbar:innen den Zeitpunkt, wann ihr euer Kind in die Krippe gebt und deine Arbeitskollegin, dass du Partys für Mütter nicht boykottierst oder schlimmer noch: befürwortest.
Aber noch mal ganz von vorne. Es geht um die Eventreihe „Mama geht tanzen“. Das sind Partys, die früher starten und früher enden. Genau genommen dauern sie von 20 bis 23 Uhr. „Was soll die sexistische Scheiße?“, wettert eine Kollegin. „Können die Väter sich nicht mal allein um die Kinder kümmern, damit Frau auf eine richtige Party gehen kann?“
Leute, das ist Eltern-Shaming der feinsten Sorte. Und was ist denn bitteschön eine richtige Party? Die, bei der man zwei Stunden zu spät kommt, sich volllaufen lässt und drei Tage nicht mehr geradeaus gucken kann? Danke, kein Interesse. Ich kenne Eltern, die seit der Geburt ihrer Kinder nicht mehr auf einer Party waren. Man kann das traurig finden oder realistisch sein: Das Schlafdefizit mit Kleinkindern im Haus geht an die Substanz. Es geht bei dem „Mama geht tanzen“-Event also nicht darum, Vätern Verantwortung abzusprechen, sondern darum, das Bedürfnis nach Feiern mit dem Familienalltag zu kombinieren.
Auch ich bin Feministin und finde, „Mama geht tanzen“ ist eine geniale Idee. Zwei Frauen aus Wuppertal haben die Eventreihe ins Leben gerufen. Was ich dabei sehe, ist eine erfolgreiche Geschichte zweier Gründerinnen, die ein Angebot von Frauen für Frauen geschaffen haben, das ganz offenkundig viele anspricht. Sämtliche Events sind im Vorfeld ausverkauft – nicht nur in Stuttgart. Das Konzept ist doch grandios. Ich kenne keine Party, auf der um 20 Uhr die Tanzfläche knallvoll ist und man schon um 0 Uhr ausgetanzt im Bett liegen kann. Wer feiern und schlafen liebt, kann hier beides miteinander kombinieren. Und Partys, zu denen auf 20 Uhr eingeladen wird und zwei Stunden später trudeln so langsam die Gäste ein, waren mir eh schon immer zuwider.
Feminismus bedeutet doch, dass wir uns frei entscheiden können: Für einen Vollzeitjob in einer Führungsposition genauso wie für drei Jahre Elternzeit. Für eine „Mama geht tanzen“-Party bis 23 Uhr und dafür, anschließend noch zur nächsten Location weiterzuziehen.