Howard Carpendale wird 75 „Solche Hits wird es nie mehr geben“

Von anderen Künstlern habe er sich nie prägen lassen – außer von Elvis, sagt Carpendale heute. Das Bild zeigt ihn bei einem Auftritt auf dem Cannstatter Wasen im Jahr 2016. Foto: /www.7aktuell.de/Oskar Eyb

Howard Carpendale wird an diesem Donnerstag 75. Im Interview blickt der Charmeur des deutschen Schlagers auf die Corona-Zeit, in die Zukunft und auch zurück auf seine Karriere. Dabei fällt ihm seine Disco-Zeit in Stuttgart ein. Ans Aufhören denkt der Musiker noch lange nicht.

Stuttgart - Howard Carpendale wird an diesem Donnerstag (14. Januar) 75: Der Charmeur des deutschen Schlagers schaut zurück und möchte singen.

 

Herr Carpendale, Sie leben in München. Auch Bayern ist stark betroffen von der Corona-Pandemie. Wie sehen Sie die Situation aktuell?

Was momentan geschieht, ärgert mich von Tag zu Tag mehr. Wie die Impfungen gehandhabt werden, wie die Regierung mit der Unterhaltungsbranche umgeht – das ist eine Katastrophe. Es gibt Menschen, die ihren Beruf wechseln mussten, andere stehen auf der Straße. Wenn man von Systemrelevanz spricht, vergisst man meistens, dass die Unterhaltungsbranche auch für andere Segmente sehr wichtig ist.

Im September möchten Sie „Die Show meines Lebens“-Tournee starten, am 21. September unter anderem auch in Stuttgart auftreten. Ist eine solche Planung nicht gewagt?

Ich hoffe nach wie vor, dass wir im September eine Chance haben. Wir brauchen eine klare Ansage, aber klare Ansagen gibt es in der deutschen Politik schon lange nicht mehr. Ein Veranstalter muss heute schon wissen, was er im Herbst machen kann. Die Politik versteht die Branche, die den sechstgrößten Umsatz in Deutschland hat, einfach nicht.

Mit „Symphonie meines Lebens 2“ veröffentlichten Sie jüngst ein neues Album; auch die CD-Box „Das Werk meines Lebens“ wurde vorgelegt. Halten Sie Rückschau auf Ihre Karriere?

Nein – nicht in dem Sinne, dass ich ein Ende meiner Karriere anvisieren würde. Wir haben das erste Album mit dem Royal Philharmonic Orchestra gemacht und hatten viel Spaß daran, deshalb gibt es nun ein zweites Album. Es fühlt sich schon so an, als würde sich ein Kreis auf wunderschöne Weise schließen, aber singen möchte ich immer noch.

Die Veröffentlichung Ihrer ersten Langspielplatte liegt mehr als 50 Jahre zurück. Wie hat sich die deutsche Musikszene in dieser Zeit verändert?

Ich freue mich, dass ich eine solche Karriere haben konnte, das ist in der Musikbranche eigentlich nicht üblich. Alles hat sich gewaltig verändert, allein schon die Aufnahmetechnik. Der Wechsel zum Streaming ist ein Schritt, der manchen Künstlern zugutekommt und anderen nicht. Ich finde das schade. Es ist doch schön, wenn eine ganze Nation einen Titel im Kopf hat und ihn singt, im Fußballstadion und anderswo, aber diese Art von Hits wird es nie mehr geben.

Wie viele Ihrer älteren Stücke finden sich noch in Ihrem Repertoire?

Es gibt Titel, die nicht in die heutige Zeit passen würden. In „Das schöne Mädchen von Seite 1“ haben wir einen Rap eingebaut, so dass man ein wenig über das Ganze schmunzeln kann – und natürlich wollen die Leute „Deine Spuren im Sand“ hören. Unsere aktuelle Produktion mit „Die Show meines Lebens“ basiert viel mehr auf neueren Songs, aber ich bin kein Künstler, der sagt: Ich singe meine alten Hits nicht mehr.

Welche Künstler waren es, die Sie prägten, vor allem zu Beginn Ihrer Karriere?

Ich habe mich sehr gefreut, als Thomas Anders einmal sagte: Der Carpendale war uns immer fünf Sekunden voraus. Ich bin niemals Trends gefolgt. Ich habe mich nicht von anderen Künstlern prägen lassen, außer ganz zu Beginn von Elvis – sonst bin ich meinen eigenen Weg gegangen.

Auf „Symphonie meines Lebens 2“ singen Sie zwei Duette – „Ruf mich an“ mit Giovanni Zarrella und „Wie frei willst du sein“ mit Kerstin Ott. Wie kam es dazu?

Ich möchte nur mit Künstlern singen, die ich persönlich mag, mit denen ich befreundet bin. Auf „Symphonie meines Lebens 1“ habe ich mit Cliff Richard gesungen, einem Weltstar – nun singe ich mit zwei Menschen, die ich persönlich sehr schätze, mit Giovanni und Kerstin. Wichtig sind für mich dabei auch Kontraste. Ich möchte nicht mit jemandem singen, der genau so ist wie ich. Am liebsten würde ich ein Duett mit Udo Lindenberg machen, das wäre ein Kontrast, der mir gefallen würde.

Haben Sie Udo Lindenberg gefragt, ob er Interesse an einem Duett hätte?

Wir haben einmal eine Stunde lang im Hamburger Hotel miteinander gesprochen, das war sehr nett! Aber, ganz ehrlich, ich habe nicht alles von dem verstanden, was er gesagt hat (lacht). Aber vielleicht klappt es ja noch auf unsere alten Tage.

Mit Stuttgart verbindet Sie zumindest ein skurriler Auftritt in einem Video der Fantastischen Vier vor nun 21 Jahren.

Ich habe mir das Video kürzlich wieder angeschaut, das war schon eine lustige Sache. Was mich aber viel mehr mit Stuttgart verbindet ist eine Diskothek, in der ich vor rund 45 Jahren sehr häufig aufgetreten bin, ich erinnere mich leider nicht mehr an ihren Namen, aber jeder in Stuttgart kannte sie. Das war in der Zeit, in der die Künstler noch durch die Diskotheken getingelt sind, damals war ich wahrscheinlich öfter in Stuttgart als in jeder anderen Stadt.

Welchen Rat würden Sie jungen Musikern heute geben, welche Musiker der jüngeren Generation schätzen Sie?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Ich habe keine Ahnung, wie ich heute anfangen würde. Es ist ein ganz anderer Markt. Früher ging man zu einer Plattenfirma und hat vorgesungen. Heute läuft es eher über Castingshows, die den eigentlichen Sinn von Musik noch nicht ganz begriffen haben. Was einen Künstler ausmacht, ist nicht nur seine Stimme. Ich bewundere die Musik von Sarah Connor und wundere mich, dass sie keine Weltkarriere gemacht hat – sie ist das Beste, das wir in Deutschland je hatten.

Wie werden Sie Ihren Geburtstag feiern, was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ein bisschen Vernunft in unserer verrückten Welt. Wir machen schon eine ganz komische Zeit durch. Ich hätte liebend gerne meine Familie in ein schönes Restaurant eingeladen, aber das geht leider nicht – so wird es also ein ruhiger Tag zu Hause.

Der Weg zum Schlagerstar

Howard Carpendale wurde am 14. Januar 1946 in der südafrikanischen Hafenstadt Durban geboren. Von 1966 an trat er zunächst in England, später in Deutschland als Sänger auf. Sein erster deutscher Hit war eine Cover-Version des Beatles-Songs „Ob-La-Di Ob-La-Da“ (1969)

Durchbruch
1970 machte er mit dem Stück „Das schöne Mädchen von Seite eins“ den ersten Platz beim deutschen Schlagerwettbewerb. Seither verkaufte er rund 25 Millionen Tonträger. Seine größten Hits der 1970er Jahre waren „Deine Spuren im Sand“ (1975), „Fremde oder Freunde (1976), „Tür an Tür mit Alice“ und „Ti amo“ (beide 1977). Mit „Hello Again“ feierte er 1984 ein großes Comeback.

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