Hütten-Party erreicht neues Publikum Die Böblinger Polarnacht wird jünger und vielfältiger

Stammgast bei der Polarnacht: Die Band El Creepo beglückt im Freiraum die Metal- und Hardrockfans. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Seit 2019 hat die Böblinger Livemusiknacht nicht mehr stattgefunden. Jetzt strömten wieder die Massen – und auffällig viele junge Menschen.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Mit geschlossenen Augen kann man ihn fast vor sich sehen: U2-Frontmann Bono, wie er „Beautiful Day“ vor tausenden Menschen in einem Stadion schmettert. Macht man die Augen auf, findet man sich im randvoll gefüllten Blauen Haus wieder und statt Bono ist es Sänger Frank Starzmann, der – obwohl er auf einem Tisch steht – nur wenig über das kleine Meer aus fröhlich hin- und herwogenden Köpfen ragt. Starzmann und die Tributeband The Edge kommen erstaunlich nahe an ihr berühmtes Vorbild heran. Entsprechend feiert das Publikum diesen Auftritt bei der Böblinger Polarnacht.

 

Fünf Jahre ist es her, seit diese das letzte Mal stattgefunden hat. Eine so lange Unterbrechung kann schnell mal das Aus für so ein Konzertformat bedeuten. Aber nicht für die Polarnacht. Die Livemusiknacht, bei der ein Eintrittsband am Handgelenk den Zugang zu mehr als 20 Konzerten in ebenso vielen Locations ermöglicht, ist seit der ersten Auflage im Jahr 2002 eine Institution in Böblingen. Daran konnte auch die lange Pause nichts ändern – im Gegenteil.

Neuer Veranstalter bringt einige Neuerungen

So wie im Blauen Haus sieht es an diesem Samstagabend in vielen der insgesamt 21 teilnehmenden Locations aus, darunter bei Madison Bow im Frechdax, bei Stammwürze im Brauhaus und sogar im Shuttlebus, wo Akkordeonist Ralf Brendle und ein Schlagzeuger die Fahrgäste so gut unterhalten, dass manche überhaupt nicht mehr aussteigen wollen.

„Noch fehlen uns von einer Location die Vorverkaufszahlen, aber wir liegen bei den Besucherzahlen auf jeden Fall deutlich über 3000“, sagt Christoph Rohr am Montag nach der Veranstaltung. Der Böblinger Werbetechniker veranstaltet und organisiert mit seiner Loonaxx GmbH erstmals die Livemusiknacht. Der Vorsitzende des Gewerbeforums Böblingen hat sich mit seiner Fridays-Finest-Reihe in der Stadt einen Namen als Party-Macher gemacht. Unterstützt von seinem Vorgänger Jochen Knobel, hat er sich für seine Premiere als Polarnacht-Macher einige Neuerungen ausgedacht.

Bei ofChors suchen manche eine kurze Erholung von der Musikdröhnung

Eine davon ist der Auftritt von ofChors in der St.-Bonifazius-Kirche. Die auf Popmusik spezialisierte Gesangsgruppe aus Böblingen präsentierte unter der Leitung von Gregor Kissling Songs von Stevie Wonder, Adele und Michael Jackson. Nicht wenige Nachtschwärmer nutzen eines der vier 40-Minuten-Sets in der Kirche, um ihren Ohren ein bisschen Pause von der andernorts teils recht lauten Musikdröhnung zu gönnen.

Die Salsa-Lücke, die das Tacuba in diesem Jahr hinterlässt, schließt das Alte Amtsgericht. Hier bringt die Band Crema Latina die zahlreichen Gäste im normalerweise für Kabarett reservierten Theatersaal mit heißen südamerikanische Rhythmen ins Schwitzen.

Die vergleichsweise milde Nacht sorgt dafür, dass die Menschen zum Teil auch vor den einzelnen Kneipen die Musik genießen. So wie beispielsweise vor dem eher beengten Carpe Diem in der Poststraße. Hier wirkt das Publikum ebenso entspannt wie die Musik des Soultrip Dous. Deutlich umtriebiger ist es ein paar Schritte weiter die Straße runter beim Rock-und Pop-Duo Lawall und Geyer im Zwinger. Hier freut sich Michael Bauer, dass mal wieder richtig was los ist, in seiner zur Eventlocation umfunktionierten Kneipe.

Auffällig ist, wie viele junge Menschen diesmal bei der Polarnacht unterwegs sind. „Das hat vor allem mit unserer Werbung zu tun. Da haben wir viel online gemacht und damit besonders junge Leute angesprochen“, ist Chris Rohr überzeugt.

Gleich zwei Bands spielen nahe beieinander beim Bootshaus

Am Oberen See läuft eine Gruppe junger Männer Arm in Arm und leicht schwankend über die Albabrücke. Einer fängt lauthals an, den Ballermann-Hit „Layla“ zu grölen. „Sie ist schöner, jünger, geiler“, stimmen die anderen mit ein und torkeln weiter in Richtung Bootshaus. Dort peilen sie vermutlich das Schönbuch Stadtl an, wo die Hüttenparty-Band Trio Inferno dem dicht an dicht stehenden Publikum Festzeltkracher um die Ohren bläst. Auch dies ist ein Novum bei der Polarnacht. Beste Stimmung herrscht aber auch unmittelbar daneben in der Alten Tüv-Halle, wo die Coverband Breaze den Gute-Laune-Popsong „Walking on Sunshine“ spielt. Erstaunlich, dass zwei so laute Konzerte so nahe beieinander funktionieren.

Chris Rohr plant Fortsetzung im nächsten Jahr

Ein ganz anderes Programm läuft indes in einem der Salons in der Kongresshalle. Hier tanzen einige Pärchen Discofox zu Konservenmusik und dem Gesang des Schlagerduos Steffen Sturm und Anuschka Miccoli. Darunter sind Reiner und Petra. Die beiden sind eigens aus Schorndorf nach Böblingen hergefahren. „Ich war damals schon bei der allerersten Polarnacht dabei“, sagt Petra.

„Wir sind sehr zufrieden“, freut sich Chris Rohr über eine wohl nicht nur aus seiner Sicht gelungenen Veranstaltung. Mit der Polarnacht habe er in den vergangenen Wochen und Monaten einen „großen Rucksack“ zu schleppen gehabt. Vieles habe er von Grund auf neu machen müssen. „Aber nächstes Jahr wird es dafür ein bisschen weniger“, macht er schon jetzt klar, dass er die Polarnacht auch weiterhin veranstalten will.

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