IAA-Mobilitätsmesse in München Die Autokonzerne gehen in die Stadt

Außerhalb der IAA-Messehallen gibt es auch Protest gegen die Autokonzerne – hier von Greenpeace. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Noch ist offen, ob die zur Mobilitätsmesse umgestylte Autoschau am neuen Standort München zum Erfolg wird. Auf die Neugier des Publikums können die Veranstalter offenbar zählen.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

München - Der Smart schaugt jetz‘ ja aus wie a Mini.“ Was der Passant im Businessanzug so locker dahinsagt, ist nicht ganz richtig, vor allem mit Blick auf die Frontpartie. Aber auch nicht gänzlich falsch, wenn man auf die Proportionen des Elektroautos schaut, das Daimler bald neu auf den Markt bringt. Klar ist jedenfalls: die neue IAA ist in München angekommen, und die Leute, gerade auch die zufälligen Passanten, reden über Verkehr und wie er einmal aussehen könnte. Und nicht nur über Autos.

 

Eine Straße weiter zeigt ein bayerischer Erfinder einen Hubwagen, der sich mit Europaletten beladen und an ein Fahrrad hängen lässt. Er steht nicht auf der offiziellen Ausstellerliste, sondern radelt einfach durch die wuselige Szenerie. Alleine ist er nicht: andauernd fährt jemand mit ungewöhnlichen Konstruktionen links und rechts an den Fußgängern vorbei. Was sein Gefährt kostet? „Mindestens 3000 Euro, so viel kostet ja allein das E-Bike“, schätzt ein älterer Herr. Der Erfinder widerspricht nicht, sagt aber, es komme natürlich auf die Ausstattung an.

Mercedes und Smart residieren vor der Feldherrnhalle

Es ist ein raumgreifendes Konzept, mit dem die IAA in die Stadt und, wenn es nach den Veranstaltern geht, auch in den öffentlichen Diskurs einzieht. Viele der bei Touristen und vielen Einwohnern beliebtesten Plätze der City werden bis Sonntag zur Schaubühne für Auto- und Fahrradhersteller, für Zulieferer, Softwarefirmen, Ladenetzbetreiber. BMW hat sich den Max-Joseph-Platz vor der Staatsoper gesichert, Mercedes hat für seine neuen Elektromodelle eine Art gigantischen Carport vor die Feldherrnhalle gebaut - samt einem geknickten, begrünten und begehbaren Dach, von dem aus man rüber zu den E-Bikes von Bosch am Odeonsplatz schauen kann.

Gleich um die Ecke nehmen Audi und Porsche das Reiterstandbild von Kurfürst Maximilian I. am Wittelsbacherplatz in die Zange. Ab und an fliegt ein Zeppelin mit dem Logo des Autozulieferers ZF über den Platz. So landen Gaul, Luftschiff und Porsche Taycan auf einem Bild, und ein hübscheres Symbol für die Mobilität im Wandel der Zeiten hätte sich der Verband der Deutschen Autoindustrie für den Neustart der Messe kaum ausdenken können. Was früher die Autoschau in Frankfurt war, soll jetzt unter nachhaltigeren Vorzeichen neu erfunden werden. Die öffentlichen, kostenlos zu besichtigenden Stätten sind dabei ein wichtiger Teil des Konzepts. Der andere, eher traditionelle, spielt draußen auf der Messe in Riem.

Vogelgezwitscher soll von besseren Zeiten künden

Die Autoindustrie ist fest entschlossen, sich in der Debatte über die Klimakrise nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung zu präsentieren. Mercedes zeigt in der Innenstadt keinen einzigen Wagen, der mit Benzin oder Diesel fährt. Vogelgezwitscher über Sphärenklängen soll demonstrieren, dass man sich eine städtische Geräuschkulisse auch anders vorstellen kann als von Motorenlärm erfüllt. Schautafeln erläutern die Konzernziele von der klimaneutralen Produktion bis zum Batterierecycling.

Das Interesse ist vom ersten Moment an groß. Während Kanzlerin Merkel draußen in Riem die Schau offiziell eröffnet, steht schon eine 60 Meter lange Warteschlange vor dem Stand an der Feldherrnhalle. Bei Porsche, BMW und Audi ist es nicht anders. Kontrolliert wird nur der 3-G-Status wegen Corona sowie die Maximalkapazität. Höchstens 2000 Personen dürfen bei Mercedes gleichzeitig rein – abends, wenn DJs Musik machen und das fischernetzartige Kunstwerk über dem Stand illuminiert wird, nur die Hälfte.

Der Energieversorger EnBW ist zum ersten Mal dabei

Die EnBW bespielt derweil 200 Quadratmeter Standfläche am Königsplatz. Der hat zuletzt auch ohne IAA schon einiges von seiner klassizistischen Strenge verloren, da vor den Propyläen ein knallbuntes Riesenrad seine Oktoberfest-Ersatzrunden dreht. Der Energieversorger aus Karlsruhe ist IAA-Debütant und will testen, ob sich die Laufkundschaft von Informationen über Lademöglichkeiten an Wallboxen und Hypernetz genauso fesseln lässt wie von den ständig nachgewienerten Lackkarossen bei den Autoherstellern.

Wer vom Königsplatz Richtung Zentrum geht, tut gut daran, nicht den Zweirädern in die Quere zu kommen, die auf der „Blue Lane Micromobility“ entlangzischen – vom handelsüblichen E-Scooter bis zu Fahrrädern, auf denen tatsächlich Harley-Davidson steht. Es gibt außerdem eine Blue-Lane-Umweltspur, auf der Besucher Autos testen dürfen und sogar mit Verbrennern nach Riem dieseln können, wenn mindestens drei Passagiere an Bord sind. Eine feine Erfindung ist zudem die „Blue Lane Underground“. Sie verbindet den Pop-up-Rummel am Königsplatz mit den Messehallen. 22 Minuten braucht das Verkehrsmittel für die Strecke. In normalen Zeiten heißt es einfach U2, aber wer wollte den IAA-Machern verdenken, dass sie es fürs multimobile Konzept kurzzeitig umbenannt haben?

Geht das Konzept der Veranstalter auf?

„Krass“, sagt ein Passant beim Blick auf die voll möblierte Ludwigstraße. „Und den Hofgarten haben sie auch vollgestellt“. Dort zeigen die Fahrradhersteller ihr Portfolio. Aber auch für eher rustikalere Aussteller hat sich ein schmuckes Plätzchen gefunden. Der Hersteller Ineos, der einen traditionellen Geländewagen namens Grenadier auf den Markt bringen will, hat das Filmcasino neben Schumann’s Bar am Odeonsplatz in einen Pub umgestylt und seine allradgetriebene Männerfantasie mitten in die Kneipe gestellt.

Fachmesse draußen, Mobilitätsvolksfest in der City – noch ist nicht sicher, dass das Konzept aufgeht. Versteht man, dass Porsche und Audi ihre Autos nur in der City und nicht in den Messehallen zeigen? Werden die Bike-Hersteller vom klassischen Autopublikum überhaupt wahrgenommen? Gibt es überhaupt noch ein klassisches Autopublikum? Offen ist auch noch, was bei den Münchnern überwiegt: die Neugier – oder der Gram, weil man im Dienste der Mobilität jetzt an manchen Stellen sein Fahrrad schieben muss? „Und wie komm ich jetzt heim?“, herrscht eine Radlerin den Ordner an, der ihr die Lage erklärt. Bei 1,5 Millionen Einwohnern gibt es natürlich solche und solche, und die nächsten Tage werden zeigen, von welcher Sorte solche es mehr sind. Die Wettervorhersage sieht gut aus, und an blau-weißen Tagen ist Münchens pittoreske Schönheit ohnehin nicht kaputt zu kriegen. Die IAA-Gegner werden es trotzdem versuchen, da sie eine radikale Abkehr vom Auto fordern, unabhängig vom Antrieb. Am Dienstag hat Greenpeace im Wasserbecken vor der Messehalle demonstriert – in Anspielung auf die Überflutungen der vergangenen Monate. Andere Aktivisten haben sich von Autobahnbrücken abgeseilt, und in einem Camp auf der Theresienwiese werden weitere Störaktionen geplant. Das dezentrale Ausstellungskonzept erweitert ihren Aktionsradius. Die Polizei aber fühlt sich mit 4500 Einsatzkräften für alles gewappnet.

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