Ibiza-Skandal in Österreich Politik zwischen Anmaßung und Augenmaß

Der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache musste nach seinem Ibiza-Video als österreichischer Vizekanzler zurücktreten. Foto: dpa

Politische Inszenierungen müssten nach den jüngsten Ereignissen in Österreich passé sein. Pragmatismus ist gefragt – und vor allem Transparenz, meint der StZ-Autor Mirko Weber.

Stuttgart - Österreich hat als Nation mindestens seit Habsburger Zeiten einen ausgeprägten Hang zur Theatralik. Nicht zufällig liegt das Burgtheater in der Verlängerungsachse der kaiserlichen Hofburg, die Adolf Hitler anlässlich seiner inszenierten „Heimkehr“ als monumentale Kulisse missbrauchte. Die damaligen Szenen wiederum grundierten im Jahr 1988 ein Schauspiel, das im Nachbarland fast eine Staatskrise ausgelöst hätte: Thomas Bernhards „Heldenplatz“ stieß die Österreicher genau fünfzig Jahre nach dem „Anschluss“ darauf, dass sie ihre Mitexistenz im braunen Sumpf mehrheitlich nie thematisiert hatten, wie Bernhard meinte. Und ganz Österreich oder zumindest halb Wien war eine Bühne, auf der einerseits ein Stück uraufgeführt wurde, sich andererseits aber verdrängte Vergangenheit und hysterische politische Aktualität spiegelten.

 

Ein überinszenierter Mann

Fast dreißig Jahre später zeigt das Burgtheater eine Montage von Doron Rabinovici und Florian Klenk, Autor der eine, Investigativjournalist der andere: „Alles kann passieren! Ein Polittheater.“ Verbunden werden Exzerpte aus Reden von Anführern des autoritären Nationalradikalismus, über denen Viktor Orbáns düster drohendes Diktum schwebt: „Das Wesen der Zukunft ist Folgendes. Alles kann passieren. Und ,alles‘ ist ziemlich schwer zu definieren.“ Der Abend macht nicht viel Aufhebens in der Öffentlichkeit, die sich meistens für gut informiert hält, hat aber, politästhetisch betrachtet, geradezu prophetische Qualitäten.

Wer das zwischen B-Movie und üblem Bauerntheater changierende Ibiza-Video mit dem stellvertretenden Bundeskanzler Heinz-Christian Strache und seinem Adlatus, dem FPÖ-Fraktionsvorsitzenden Johann Gudenus in den Machohauptrollen anschaut, erkennt hinter den Posen und der zynisch-korrupten Grundhaltung: Nichts ist unmöglich, wenn der politisch rechte Rand sich in Europa einmal zur Mitte durchgekämpft respektive schlawinert hat. In Österreich konkret sorgte dafür vor anderthalb Jahren ein seinerseits vollkommen überinszenierter Mann, der Bundeskanzler Sebastian Kurz. Dessen Maskenhaftigkeit hat lange nur leidlich, verbergen können, welch geistige Ganoven er an der Machtausübung beteiligte.

Mehr innere Haltung

Politiker sind Protagonisten auf der Bühne, seit sie bei den Volksversammlungen im alten Athen im Dionysostheater auftraten. Mittlerweile aber verkörpern sie mitunter ein ganzes Theater in persona: Dramaturgie, Regie und PR sind in einer Hand, die Instagram bedienen kann und Authentizität vorspielt. Klassische wie soziale Medien haben an all diesem Inszenierungskult und seinen Anmaßungen ihre Anteile, mögen sie auch unterschiedlich sein: Häufig wird dem Slim-Fit-Anzug eines Ministers mehr Wert in der Betrachtung beigemessen als der inneren Haltung des Trägers und dessen politischen Inhalten, so sie jenseits der Verpackung auszumachen sind. Umgedreht unterhalten neuerdings Parteien und Ministerien offensiv eigene „Newsrooms“, um selber zu verbreiten, was sie „Nachrichten“ nennen: ondulierte Wirklichkeit.

Ohne Veteranen wie den ehemaligen SPD-Chef Hans-Jochen Vogel glorifizieren zu wollen, den seine eigenen Leute ob seiner Vorliebe für Klarsichthüllen verlachten: Vogel und Politiker seines Schlags hatten nichts zu verbergen – sie standen für Transparenz und Spieler waren sie nicht. Aber in der Not erinnert man sich meist doch an sie und ihre Maximen. „Augenmaß“ hat der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen nun gefordert, eine sowohl antiquarisch anmutende wie hoffentlich weiterhin gültige Perspektive. Systemveränderung bei gleichzeitiger Absage an systematische Demokratieverächter ist möglich: am Sonntag sind Europawahlen.

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