IBM-Umzug nach Ehningen Eine Gemeinde wie eine Goldgrube

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In dem Ort am Rande Böblingens gibt es künftig 7500 Arbeitsplätze bei 9200 Einwohnern. Umgerechnet pro Kopf, würden die Gewerbesteuer-Einnahmen die Finanzbürgermeister von Landeshauptstädten erblassen lassen.

Claus Unger (vorn) mit dem IBM-Geschäftsführer Foto: Kraufmann/Thomas Hörner
Claus Unger (vorn) mit dem IBM-Geschäftsführer Foto: Kraufmann/Thomas Hörner

Ehningen - Diese Sätze ausnahmsweise ungekürzt im Wortlaut: „Der geplante Umzug des IBM-Labors von seinem traditionsreichen Standort auf dem Schönaicher First ist für Böblingen sehr bedauerlich. Wir haben in Gesprächen deutlich gemacht, dass wir die IBM mit Blick auf die lange Geschichte und die vielen Beschäftigten gerne weiterhin in Böblingen halten wollen. Für uns bedeutet die Entscheidung des Unternehmens jetzt, zügig über die Zukunft des Areals zu beraten.“

Diese karge Stellungnahme verbreitete die Stadt einen Tag nachdem bekannt geworden war, dass IBM Böblingen verlässt und sein Forschungslabor für gut 1500 Mitarbeiter in Ehningen neu baut. Der Stadt Böblingen bleibt in naher Zukunft eine Brache der Größe von acht Amateur-Fußballstadien. Unbeantwortet blieb die Rückfrage, mit welchen Angeboten Böblingen versucht hatte, den Weltkonzern zu halten.

Budapest galt IBM genauso als Alternative wie ein Neubau in Böblingen

Claus Unger hatte bereits tags zuvor in Interviews seine Freude in Sätze gegossen. Der Ehninger Schultes und der Gemeinderat hatten die IBM-Verantwortlichen in monatelangen Verhandlungen überzeugt. „Wir waren immer beteiligt und haben uns regelmäßig getroffen“, sagt Unger. Kein Geheimnis ist, dass die Gemeinde dem Konzern unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Roten Teppich für sein Bauvorhaben ausgerollt hat. Als Alternativen hatte IBM ein Grundstück in Budapest genauso im Auge wie eines auf dem Flugfeld-Baugebiet zwischen Böblingen und Sindelfingen.

Am 30. Oktober fiel in der Konzernzentrale bei New York die Entscheidung für Ehningen. Womit in der Gemeinde künftig auf 9200 Einwohner 7500 Arbeitsplätze entfallen. IBM beschäftigt dort in seiner Deutschlandzentrale bereits 4000 Mitarbeiter. Weitere große Arbeitgeber im Ort sind die Bäckerei Sehne und Bertrandt. Der Ingenieursdienstleister hat seinen Hauptsitz in direkter Nachbarschaft zum IT-Konzern und baut gerade aus. Um für die Elektromobilität gerüstet zu sein, entsteht ein Zentrum für Hochleistungsbatterien.

Im vergangenen Jahr stürzten die Gemeindefinanzen ab

„Ich gehe davon aus, dass IBM in Zukunft nicht weniger Gewerbesteuer zahlt“, sagt Unger. Die Wortwahl ist nicht nur aus rhetorischen Gründen vorsichtig, denn „die Gewerbesteuer ist eine Achterbahnfahrt“. Der Ehninger Waggon schoss im vergangenen Jahr senkrecht bergab. Jämmerliche 1,2 Millionen Euro flossen noch in die Stadtkasse. Fünf Millionen Euro Gewerbesteuer musste die Gemeinde gar zurückzahlen. Der Landrat Roland Bernhard bat Unger zum Gespräch darüber, wie der Ehninger Haushalt mit den Buchstaben des Gesetzes vereint werden konnte. „Trotzdem ist das Licht der Straßenlaternen nicht ausgegangen, und alle Ehninger haben überlebt“, sagt der Bürgermeister.

Mit Einnahmen in Aussicht, die auf den Kopf umgerechnet die Finanzbürgermeister der Landeshauptstädte erblassen ließen, lässt es sich leicht witzeln. 2009 eröffnete IBM nach dem Wegzug aus Stuttgart-Vaihingen seine neue Deutschlandzentrale in Ehningen. Bis dahin hatte der Kämmerer bereits seine Freude, wenn pro Einwohner und Jahr 400 Euro Gewerbesteuer in die Kasse kamen. Danach begann der Achterbahnwaggon einen langen Aufstieg. Ein Jahr später hatten die Einnahmen sich schon fast verdoppelt, bis 2015 kletterten sie auf fast 1800 Euro pro Ehninger, womit die Gemeinde sogar Sindelfingen überholte. Die landesweite Vergleichszahl war 519.

„Auch aktuell sieht es ganz gut aus“, sagt Unger. Was untertrieben ist. Um die 25 Millionen Euro Gewerbesteuer kamen im Lauf des Jahres in die Kasse. Dies sind noch einmal zehn mehr als 2015. Angesichts dessen lasten acht Millionen Euro Schulden aus dem Neubau einer Gemeinschaftsschule nicht allzu schwer. Das Schulhaus ist, wie manches Andere, nach dem zumindest vor Ort schon sprichwörtlichen „Ehninger Standard“ erbaut. Selbstverständlich, meint der Bürgermeister: „Wenn wir etwas machen, dann machen wir es richtig.“




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