"Ich bin trockener Alkoholiker" Ein junger Stuttgarter erzählt von seiner Sucht

, aktualisiert am 19.01.2023 - 11:00 Uhr
Mittlerweile trinkt er am liebsten Club Mate, früher auch mal eine ganze Flasche Wodka am Tag: Connor Steinert ist trockener Alkoholiker. Foto: privat

Alles begann mit einem Glas Sekt bei der Konfirmation, ging über in den ersten Vollrausch und endete mit einer Flasche Wodka am Tag. Der Stuttgarter Connor Steinert erzählt uns seine Geschichte: Er ist Mitte Zwanzig und trockener Alkoholiker. [Plus-Archiv]

Stadtkind: Tanja Simoncev (tan)

Stuttgart – Mit klarem Verstand, statt einem Klaren im Glas sitzt Connor in einer Bar in Stuttgart, er zeichnet Skizzen, wirkt entspannt. Es ist Dezember 2018, durch die Stadt wuseln Menschen auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken. Der Barkeeper serviert Connor einen Crodino – einen italienischen, alkoholfreien Aperitif – ich geselle mich dazu und bestelle eine Cola. „Du kannst ruhig etwas Alkoholisches trinken“, sagt er und lacht. Ich verzichte. Nach Weihnachtsmarkt und -feier und einem Glühwein hier und einem Sektchen da ist mir einfach nicht nach Hochprozentigem. Muss ja auch nicht? Man kann doch auch ohne Alkohol Spaß haben und gesellig sein, oder?!

 

Alkohol – Genuss oder Wirkung?

Bei Connor war das lange anders. Er holt einen Zettel aus der Jackentasche, auf dem er seinen Suchtverlauf notiert hat. Ganz oben steht „Erstkonsum mit 14“. Es sei ein schleichender Prozess gewesen, der sich über sechs, sieben Jahre gezogen hätte. „Und mit jedem Jahr wurde es mehr. Angefangen hat es bei der Konfirmation, da habe ich das erste Mal Alkohol probiert.“

Im Jahr darauf folgten die ersten Besäufnisse mit Kumpels – bis dahin alles noch wenig sonderbar. „Doch irgendwann habe ich angefangen alleine zu trinken – nicht nur ein Glas Wein am Abend, sondern viel mehr – und das ist ein ganz klares Anzeichen dafür, dass man es nicht mehr unter Kontrolle hat.“

"Und da fängt die Sucht an, wenn man es nicht mehr unter Kontrolle hat und alleine trinkt, weil man die Wirkung möchte. Das ist ein entscheidender Faktor: der Unterschied zwischen Genuss und Wirkung." Denn mit Alkohol aus dem Alltag flüchten zu wollen und sich deshalb auch mal abends alleine Hochprozentiges zu Gemüte zu führen, „kommt vor und ist auch mal okay“, findet der Stuttgarter. „Wer hat nicht mal Stress oder eine Krise? Die Frage ist dann aber: Hält sich das und wird zur Routine oder eben nicht?“ Ein schmaler Grat. "So fing es bei mir an: Ich hatte Probleme, also habe ich getrunken. Der Körper mit seinem Suchtgedächtnis merkt sich, was der Stoff mit einem macht. Bei mir ist zu 100 Prozent abgespeichert: Probleme gleich Alkohol hilft."

Das aus einem Menschen herauszukriegen, sei enorm schwer. „Vor allem auch an den Feiertagen. Weihnachten ist ein Fest, an dem man mit der Familie zusammenrückt. Was ist aber, wenn man niemanden hat?“ Viele Menschen verlieren nach langjähriger Sucht ihre Angehörigen, weil sie sich abwenden. Und gerade an Weihnachten allein zu sein, ist natürlich extrem hart. „Ich bin da außen vor, weil ich sehr früh und sehr jung gemerkt habe, was mit mir los ist“, ist sich der Tattoo-Künstler sicher.

Alkoholismus und Depressionen

Fakt ist: Alkoholismus geht immer mit einer Depression einher beziehungsweise bedingt sich. Aber was war zuerst da? „Ich weiß es nicht“, schüttelt Connor den Kopf und nippt nachdenklich an seinem Crodino. Die Depression sei sicher schon vorher da gewesen, habe sich aber durch den Alkoholkonsum verstärkt. "Auch dieses sich im Elend suhlen. Das habe ich besonders im Winter gemacht und dann noch mehr getrunken, weil es mir nicht gut ging. Und das wiederum hat die Depression verstärkt – eine reine Abwärtsspirale und solange man drinsteckt, kommt man da nicht raus. Ohne Hilfe."

Und was war mit der Familie, den Angehörigen? „Die haben es bestimmt vor mir gemerkt. Aber vielleicht nicht ernst genug genommen.“ Letztendlich war es Connor, der entschieden hat, dass sich etwas ändern muss. „Das war total spontan. Ich war 20, feiern in der Stadt und bin am Ende noch in Winnendens abgefucktester Kneipe abgestürzt. Da wusste ich: Ne, irgendwas ist hier falsch.“

Er sei spontan in die Ambulanz mit der Bitte um Hilfe. Man wies ihn zurück mit den Worten: „Ne, sie sind jung, reden normal und stehen gerade. Was wollen sie von uns?“ Bei einem Atemalkoholtest stellte sich jedoch heraus: „Sie haben 2,8 Promille. Sie brauchen einen Entzug.“

 "Bis die eigene Einsicht kommt, dauert’s – bei vielen Suchtkranken Jahre." Die Angehörigen könnten da recht wenig machen. „Das aktive Trinken, das richtig heavy und schlimm war, ging bei mir über drei bis vier Jahre“, erinnert sich der Tattoo-Artist. Nach dem Abi hätte er wochen- und phasenweise extrem viel getrunken, aber es geschafft nüchterne Tage einzuhalten oder Tage, an denen er „nur“ ein, zwei Bier trank.

Nach dem ersten Entzug ein Suizidversuch (Triggerwarnung!)

Mit 20 Jahren, als Connor für ein Auslandsjahr nach Georgien ging, wurde er zum Pegeltrinker. „Ich habe jeden Abend die gleiche Menge getrunken, ziemlich viel, konnte aber trotzdem noch arbeiten. War normal ansprechbar und klar im Kopf – so hat es zumindest nach außen gewirkt.“ Eigentlich habe er damals in die Hauptstadt Tiflis gewollt. „Das wäre wahrscheinlich auch besser gewesen, weil da mehr Menschen gewesen wären, aber weil das alles sehr spontan war, bin ich in eine Dorfgemeinschaft etwa 100 Kilometer außerhalb gelandet – ohne Telefon, ohne Internet.“ 

Ein Jahr lang, jeden Abend eine Flasche Wodka

Connor war zu der Zeit definitiv schon abhängig, aber erhöhte aus Langeweile seinen täglichen Konsum stark. „In diesem Land mit einer völlig anderen Trinkkultur, habe ich mir auf dem Bazar immer den Schwarzgebrannten gekauft – 50-, 60-, 70-prozentig. Davon habe ich jeden Abend einen halben Liter getrunken, was in etwa einer Flasche Wodka entspricht.“

"Was mein Körper da verarbeiten musste, an Liter-Mengen, scheiß ungesund."

Der Körper würde so viel ertragen, bis da mal Schäden spürbar würden. Das kann über Jahrzehnte gehen.

Der Rückfall nach dem ersten Entzug

Zurück aus Georgien, machte Connor seinen ersten, dreiwöchigen, stationären Entzug.

"Du kommst von deinem Trip runter, bist auf Medikamenten, pennst, isst – das fühlt sich richtig scheiße an. Vor allem, wenn dein Gehirn immer benebelt war und plötzlich siehst du wieder klar und siehst einen Scherbenhaufen."

„Da bringt diese kleine Mini-Therapie nichts“, sagt er heute. „Da dringt nichts zu dir durch. Wenn jemand krankhaft trinkt und sich vor Weihnachten entscheidet trocken zu werden – der hat eigentlich keine Chance.“ „Ich hatte mich nach dem ersten Entzug sehr sicher gefühlt, bin nach Filterstadt gezogen und habe dort eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen.“ Aber mit Ausbildungsbeginn habe er eben auch wieder angefangen zu trinken. Das war ein ganz klassischer Rückfall. (Die Rückfallquote nach einer Entgiftung, nach einem körperlichen Entzug, der ein bis zwei Wochen dauert, liegt bei 80 Prozent. In Deutschland trinken zwei Millionen Menschen krankhaft, abhängig Alkohol. Nur ein Bruchteil sieht das Problem ein und entscheidet sich für einen Entzug. Unterm Strich, mit dem bereits erwähnten Rückfallrisiko, bleiben nur wenige auf Dauer trocken – Weltgesundheitsorganisation (WHO))

"Ich habe das jetzt im Griff, dachte ich, und: ich trinke jetzt mal ein Glas Wein. Und innerhalb von zwei Tagen war es eine Flasche. Aber ich wollte die Ausbildung auch nicht einfach abbrechen, obwohl ich gemerkt habe, dass es mir wieder schlechter geht und ich wieder in eine Depression gerutscht war."

Dazu kam noch ein ganz anderer Fakt: Unter den zwei Millionen Alkohlabhängigen in Deutschland sind laut WHO zehn Prozent selbstmordgefährdet und zwei Prozent bringen sich auch um.

"Ich bin dann auch in eine Depression gerutscht und war nach drei Monaten Ausbildung an dem Punkt, dass ich nicht mehr weitermachen wollte."

In einer Nacht- und Nebelaktion haute der junge Mann nach Georgien ab und versuchte sich dort umzubringen. „Es hat nicht funktioniert, sonst wäre ich heute nicht hier. Und es war wie ein Faustschlag, ich merkte: Okay, ich muss was ändern.“ Mit diesem Gedanken sei er zurück nach Deutschland. Alle waren sauer, keiner wusste, wo er war. „Aber ich war so in der Depression gefangen, dass ich mit niemandem darüber reden konnte. Ich stand vor einer Wand, die ich nicht durchbrechen konnte.“

Der absolute Tiefpunkt

Connor packte nicht nur die totale Krise, er packte auch seinen Rucksack und trampte nach Spanien. „Ich war ein halbes Jahr komplett weg, wie vom Boden verschluckt. Dort lebte ich auf der Straße, schlief am Strand und zog mir jeden Tag vier Liter Rotwein rein. Das war die totale Flucht.“ Als das Geld knapp wurde, fing er schließlich an zu betteln. Das sei der absolute Tiefpunkt gewesen. „Dann habe ich gemerkt: So will ich nicht leben.“

Mit großem Glück kam er an ein Flugticket nach Deutschland – vor ihm der totale Trümmerhaufen. „Meine Familie musste alles für mich stemmen. Ich habe ein Riesenglück, dass sie immer noch für mich da sind und ich wusste: Das war’s jetzt mit der Trinkerei.“

Der zweite Entzug und eine Langzeittherapie

Der zweite Entzug war überstanden. „Im Vergleich dazu ist eine Langzeittherapie wie Unterricht. Man reflektiert, arbeitet, trainiert.“ Sie findet stationär statt, Patienten dürfen aber auch raus. „Es ist sogar etwas sehr Schönes, weil man in einer Gruppe ist und sich austauschen kann und gemeinsam beginnt, seinen Alltag zu sortieren.“

Das Tätowieren – Connors Anker

Schon während der ersten Therapie fing Connor an, sich selbst zu tätowieren. „Beim zweiten Entzug begann ich, fast täglich zu zeichnen und mich selbst zu tätowieren. Das hat mir krass geholfen.“ Eine Art Selbsttherapie? „Ja, voll. Ich glaube auch, wenn ich das Tätowieren nicht hätte, wäre es anders gelaufen.“

Einige Tattoos verarbeiten auch die Sucht, wie etwa „Take care“, das sich Connor vor seinem Suizidversuch stechen ließ, mit dem Gedanken: „Macht’s gut, ich bin raus.“ Motive mit Gläsern und Flaschen, der Banner „get well soon“, der Angelhaken mit einem gespiegelten „sad“. Tattoos seien im Grunde ja Narben, die sauber verheilt sind. Wie zum Beispiel der Anker und der Pfeil im Gesicht. „Die habe ich mir während der schlimmsten Saufzeit in Georgien stechen lassen. Ich bereue sie nicht und mag sie so wie sie sind. Aber sie sind zu einer Zeit entstanden, als ich eigentlich nicht klar bei Verstand war. Aus Verletzungen wurden Narben, die man nicht mehr los wird. Und so habe ich viele Tattoos auf mir, die mich immer an diese Zeit erinnern werden.“

Risiko und Prävention

Das größte Risiko nach dem Entzug und der Langzeittherapie seien für Connor Clubs und Bars gewesen, „da musste ich sehr an mir arbeiten“, betont er, aber er wusste eben auch: Das will ich nicht missen. Ich bin immer noch so jung, muss mich nicht einsperren, will ausgehen. Aber ich muss eben gucken, für mich, dass ich trocken bleibe.

Und das muss der tätowierte Stuttgarter trainieren und sich ständig selbst dafür sensibilisieren – gerade auch in der Weihnachtszeit – nicht nachgiebig zu werden. „Bis jetzt funktioniert es sehr gut“, freut er sich. „Zwei Jahre nach dem letzten Entzug habe ich die heiße Phase überwunden. Man darf sich nicht darauf ausruhen, trotzdem bin ich stolz. Ich habe mir etwas aufgebaut, habe eine gute und feste Beziehung, das hält mich nüchtern, da habe ich riesen Glück.“

„Ich will nicht aktiv Prävention betreiben, wenn ich auf Insta etwas dazu poste. Aber ich erwähne es gern mit. Ganz wichtig: Sich selbst sagen, dass man es schafft. Das sollte man eigentlich jeden Tag machen. Das macht man irgendwann nicht mehr aktiv, aber ab und zu ein Post sollte drin sein.“

Wann fängt Alkoholismus an?

„Zum einen spielt natürlich die Menge eine große Rolle, aber auch das Trinkverhalten.“ Laut der Weltgesundheitsorganisation sind fünf Gläser Bier in der Woche okay. „Das macht kein Mensch“, platzt es aus dem Tätowierer heraus, „und nicht jeder, der mehr trinkt, ist automatisch abhängig.“

Connor deknt, dass beim Thema Alkohol zu wenig Aufklärung betrieben wird. Man geht zu leichtsinnig damit um. Jeder, der aktiv Drogen konsumiert, klärt sich mehr darüber auf, als über das Feierabendbier, weil: Das ist ja normal. „Ich will keinem das Trinken verbieten, nicht jeder hat gleich ein Problem. Deshalb würde es mich zum Beispiel auch nicht stören, wenn du jetzt etwas getrunken hättest“, betont Connor.


Sein Rat: Seid sensibel mit euch selbst. Reflektiert euren Konsum regelmäßig und fragt euch: War es zu viel oder war es okay? Und da muss man sehr ehrlich mit sich sein. Die Frage ist, ob man das kann. Ich sage: Man kann es zumindest versuchen und wenn man es nicht kann, kann man jemand anderen darum bitten. Ich hätte es allein auch nicht geschafft.

Geht zum Hausarzt, der hat eine Schweigepflicht und eine professionelle Meinung dazu. Das hilft. Macht euch einen Plan! An den Tagen trinke ich etwas mehr, dazwischen mache ich eine Pause. Und wenn jemand gerade denkt, vielleicht bin ich in einer Risikozone, fragt nach, das schadet nie. Und kostet nur ein bisschen Überwindung. "Und noch etwas: Wenn jemand nichts trinken will, akzeptiert es. Und hinterfragt es nicht."

Hier gibt’s Hilfe!

Hier ein paar Adressen von Sucht-Beratungsstellen in Stuttgart:

Caritasverband für Stuttgart e.V. – Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke und Angehörige (Katharinenstraße 2B), mehr Infos >>>

Kontakt- und Informationszentrum für Suchtkranke e.V. (Nikolausstraße 2), mehr Infos >>>

Suchtmedizinisches Behandlungszentrum (Türlenstraße 22), mehr Infos >>>

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