Ideen in Weinstadt Wie Ältere Teil der Gemeinschaft bleiben

Beim Mittagstisch geht es auch um die Kommunikation der Gäste. Foto: Gottfried Stoppel

Mit konkreten Vorstellungen zum Leben und Wohnen in einer seniorengerechten Kommune geht Weinstadt den demografischen Wandel an. Projekte wie ein Mittagstisch sind erfolgreich gestartet, andere scheinen zurzeit nicht umsetzbar. Ein Überblick.

Die Gesellschaft altert. Nach Prognosen des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg und des Statistischen Bundesamtes, welche die Stadtverwaltung dem Weinstädter Gemeinderat vorgelegt hat, nimmt die Zahl der Menschen über 65 in der Stadt bis 2035 auf rund 7400 zu. Das entspreche dann einem Anteil von 27 Prozent an der voraussichtlichen Gesamtzahl der Einwohner von 27 400. Und das wäre im Vergleich zum Jahr 2022 ein Plus von mehr als einem Fünftel.

 

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei der Anzahl der Hochbetagten ab. Die Zahl der Einwohner, die älter als 85 Jahre sind, soll bis 2035 um 15 Prozent von 990 (Jahr 2022) auf 1140 ansteigen. Das wären 4,2 statt 3,7 Prozent Anteil aller Bewohner. Für die Weinstädter Gesamtbevölkerung ist ein Wachstum um rund ein Prozent vorausgesagt. Die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen schrumpft demnach um 7,4 Prozent von 15 800 Menschen auf 14 630, womit ihr Anteil an der Stadtgesellschaft von 58,3 Prozent (2022) auf 53,4 deutlich sinken wird.

Für ein selbstbestimmtes, altersgerechtes Leben

Um dieser Verschiebung der Altersstruktur zu begegnen, hat Weinstadt ein Handlungskonzept zum Leben und Wohnen in einer seniorengerechten Kommune aufgestellt. „Dieses bezieht sich auf alle Aspekte des Älterwerdens und beinhaltet projektorientierte und realistische Zielsetzungen für den demografischen und gesellschaftlichen Wandel, in dem wir drinstecken“, erklärt Philipp Heimerdinger vom städtischen Sachgebiet für Soziales und Familienförderung im Gespräch mit unserer Zeitung.

So will man Senioren ein möglichst langes selbstbestimmtes, altersgerechtes Leben und Wohnen ermöglichen sowie barrierefreien Wohnraum und alternative Wohnformen für sie schaffen. Auch ausreichend pflegerische Versorgung soll es geben, die Angebote zur Teilhabe gefördert, Unterstützungs-, Informations- und Versorgungsmöglichkeiten für Senioren gewährleistet werden. Dazu sollen zum einen Potenziale vor Ort genutzt, zum anderen neue Strukturen geschaffen werden, erläutert Heimerdinger. Hierfür wurden vier Handlungsfelder definiert: Wohnen; Pflege und Gesundheit; Kommunikation sowie Teilhabe und Ehrenamt; Mobilität und Infrastruktur.

Derweil ist das Handlungskonzept nicht mehr nur Theorie. „Zum Teil sind wir mitten drin in der Umsetzung“, berichtet Heimderdinger. Ein Beispiel sei das Mittagstischangebot, das man gemeinsam mit der Großheppacher Schwesternschaft im Mutterhaus der Stiftung anbiete. Dabei gehe es weniger um das Essen an sich, sondern vielmehr darum, älteren Menschen Gemeinschaft zu ermöglichen. Nach dem erfolgreichen Start des Projekts im vorigen Jahr sei das Angebot inzwischen von einem auf zwei Tage wöchentlich ausgeweitet worden.

Des Weiteren sei man dabei, die Zusammenarbeit mit dem Pflegestützpunkt Rems-Murr als zentrale Anlaufstelle rund um alle Fragen zur Pflege zu intensivieren. Dafür wurde ein Treffen im Familienzentrum mit Akteuren aus Kommunalpolitik, Vereinen und Selbsthilfegruppen organisiert. „Dabei ging es darum, das Angebot unter diesen Multiplikatoren bekannt zu machen.“

Wie Akteure vernetzt werden

Erste Kooperationen hätten sich bereits ergeben. „Der Beirat Integration und Migration macht zusammen mit dem Pflegestützpunkt eine Veranstaltung zum Thema Pflege.“ Darüber hinaus liefen Planungen für das Angebot von Pflegekursen für Angehörige in Kooperation mit der Großheppacher Schwesternschaft und der Diakoniestation. „Das ist zwar noch nicht beschlossen, aber ich bin optimistisch, dass wir es umsetzen können“, sagt Heimerdinger. Dies sei immer auch eine Ressourcenfrage.

Daher wurde eine Prioritätenliste erstellt, um Schritt für Schritt vorzugehen. Ganz vorne würden Maßnahmen stehen, die einen konkreten Mehrwert bringen sowie zeitnah und mit den gegebenen Strukturen zu realisieren seien. Ein Beispiel dafür sei eine stärkere Vernetzung der Akteure. Dazu wolle man einen Runden Tisch veranstalten mit Trägern von Altenhilfe und Pflegeheimen, der Sozial- und Diakoniestation Weinstadt, dem Pflegestützpunkt sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren aus Vereinen, kirchlichen Initiativen und Seniorenkreisen. Sie sollen miteinander, aber auch mit der Stadt Weinstadt in Kontakt und Austausch sein und so ein Netzwerk bilden. Dieses sei eine Vorstufe für ein weiteres Projekt: „Wir wollen die Angebote für Senioren kommunikativ besser bündeln.“ Denn es gebe zwar eine Vielzahl von Angeboten, aber nicht alle seien darüber informiert.

Der Besuchsdienst ist zunächst gescheitert

Manche Konzeptideen wurden indes wieder verworfen oder könne sie derzeit nicht weiter verfolgen. „Es gibt Maßnahmen, die wegen interner oder externer Faktoren nicht umsetzbar sind“, sagt Heimerdinger. So halte man eine Erhöhung der Kapazitäten bei Pflegeplätzen für dringend geboten, mache sich Gedanken über geeignete Standorte und sei mit Trägern im Dialog. Doch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels, wodurch bestehende Pflegeheime nicht vollumfänglich genutzt werden könnten, und unzureichender Finanzierung seien Träger schwer davon zu überzeugen, weitere Einrichtungen aufzubauen. „Diese Dinge haben wir als Kommune nicht in der Hand.“

Die Idee, einen Besuchsdienst einzurichten, scheiterte an internen Gründen. „Wir haben aktuell nicht die nötigen Ressourcen, um das Angebot gut begleiten zu können.“ So stehe der Besuchsdienst zwar weiterhin auf der Maßnahmenliste, aber wann er umgesetzt werden könne, sei ungewiss. Gänzlich verworfen wurde die Idee einer Wohnraumtauschbörse, die bei einer der Bürgerwerkstätten aufgebracht wurde, mit denen die Stadt die Einwohnerschaft am Aufstellen des Handlungskonzepts beteiligte.

„Für Weinstadt ist eine solche Wohnraumtauschbörse nicht geeignet“, und das aus mehrere Gründen, wie Philipp Heimerdinger ausführt. Zum einen ziele ein solches Angebot speziell auf Mietwohnungen ab. In Weinstadt indes gebe es gerade bei älteren Menschen, die man ansprechen wolle, eine hohe Eigentumsquote. Zum anderen würden Wohnungen in der Stadt meist persönlich vermietet und nicht von Bauträgern. „Die Leute wollen wissen, an wen sie vermieten, und Einfluss darauf haben.“

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