Identität als Leitfrage der Politik Wer sind wir und wenn ja wie viele?
Identität ist zur Leitfrage der Politik geworden. Linke wie Rechte kultivieren das Denken in Schubladen. Das spaltet die Gesellschaft und gefährdet die Demokratie.
Identität ist zur Leitfrage der Politik geworden. Linke wie Rechte kultivieren das Denken in Schubladen. Das spaltet die Gesellschaft und gefährdet die Demokratie.
Stuttgart - Was hat der Ku-Klux-Klan mit Islamisten gemein – und mit den Debatten über Toiletten für ein drittes Geschlecht? Es geht dabei um eine Wahrnehmung, welche die Welt nach Gruppen sortiert, um ein Denken in Schubladen. Braucht es solche Schubladen, um überhaupt verstehen zu können, wie Gesellschaften handeln und miteinander umgehen? Die Frage, „wer bin ich und wenn ja, wie viele?“, die den Philosophen Richard David Precht zum Bestsellerautor werden ließ, ist zu einer Leitfrage der Politik geworden. Identität heißt das Schlagwort aktueller Kontroversen, selbst wenn es darin gar nicht explizit vorkommt. Die Identität sei ein moderner Fetisch, sagt der Historiker Herfried Münkler.
Was früher Klasse oder Nation und noch früher Konfession war, ist heute die Identität. Identität ist die Brille, durch die Linke wie Rechte die Wirklichkeit betrachten. Das Denken in Identitäten lässt Gesellschaften in Puzzleteile zerfallen. Es spaltet sie. Identität verlangt nach Abgrenzung. Wir leben in einer Masse von „Singularitäten“ und sind dabei, Identitätsfragen auf fatale Weise überzubewerten.
Doch was meint das eigentlich: Identität? Das Wort ist dem Zeitgeist entsprossen, wenn auch antiken Urspungs. Im Wortschatz der alten Römer kommt es noch nicht vor, geht aber auf die lateinische Vokabel „idem“ zurück. Das heißt „derselbe“. Identitäten gibt es, seit Menschen auf der Welt sind. Davon künden die Totems primitiver Stämme ebenso wie die langen Namen auf den Grabmalen römischer Patrizier und zum Beispiel die erste Seite in Cäsars Buch über den „Gallischen Krieg“, die fast ausschließlich Völkernamen abhandelt, die ihm da begegnet sind. Solche Völkernamen, entstanden in dunkler Zeit, sind Fremd- oder Selbstbenennungen – und damit aus heutiger Sicht so etwas wie Etiketten einer frühen Identitätspolitik.
Über die eigene Identität nachzugrübeln, ist kein Alleinstellungsmerkmal westlichen Denkens. Es zu kultivieren, womöglich schon. Eine Weltsicht, die sich an Identitäten orientiert, ist mit der Geburt des Individuums als Subjekt der Philosophie und der Kunst in der Renaissance entstanden. Identität bezeichnet den Kern des eigenen Selbst, die Gesamtheit persönlicher oder gruppenspezifischer Eigentümlichkeiten. Friedrich Nietzsches „Werde, der du bist!“, eigentlich ein Zitat des antiken Dichters Pindar, lässt darauf schließen, dass er Identität für eine Art Erbgut hielt, das man sich allenfalls noch aneignen müsse. Bei Ernst Bloch klingt in seinen Auftaktsätzen zur Tübinger Einführung in die Philosophie bereits an, dass Identität sich erst im Kollektiv verwirklicht: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“
Als Eigenschaft gesellschaftlicher Gruppen erwächst aus Identität schließlich Identitätspolitik. Die Geschichte der Menschheit wird nach Lesart des Stuttgarter Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel durch das Ringen um Anerkennung vorangetrieben. Dieses Ringen um Anerkennung ist zunächst ein universelles Bestreben: ein Ringen um persönliche Freiheit, um Menschenrechte, Demokratie, Gleichheit und Gerechtigkeit – für alle. Es gipfelt in der Französischen Revolution, die in ihrem universellen Anspruch zum Muster für viele andere Emanzipationsbestrebungen wird. Später verengt sich dieser universelle Anspruch immer wieder auf besondere Projektionsflächen: Nation, Religion, Rasse oder Gender. Dieser Logik folgt der Nationalismus ebenso wie der Islamismus und der zeitgenössische Einsatz zugunsten einer „Ehe für alle“ oder für die Anerkennung sexueller Diversität mit allen Konsequenzen – bis hin zur Frage, wie viele Umkleideräume es in einer Turnhalle geben muss und wie viele Kategorien von Toiletten in öffentlichen Gebäuden.
In seiner Vereinzelung wird das Ringen um Anerkennung mitunter zum Konkurrenzkampf. Die Legitimität der Ansprüche spezifischer Gruppen steht außer Frage. Identitätspolitik folgt aus dem Aufbegehren gegen die Diskriminierung von Minderheiten und der Solidarität mit diskriminierten Minderheiten. Sie ist, so der US-Politologe Francis Fukuyama, „eine natürliche und unvermeidliche Reaktion auf Ungerechtigkeiten“ – und gleichwohl ein Problem, das unsere Demokratie gefährde.
Die Geschichte der Identitätspolitik beginnt mit der Antikolonialbewegung. Auch der Feminismus ist eine Spielart der Identitätspolitik, der Kampf um „Black Power“ in den schwarzen Ghettos der Vereinigten Staaten oder der von Schwulen und Lesben um Akzeptanz. Indem solche Ansprüche artikuliert werden, verfestigen sich die Identitäten, auf denen sie beruhen. „Man definiert sich über sein Anderssein, will aber zugleich nicht über dieses Anderssein definiert werden“, so der linke Publizist Bernd Stegemann. Identitätspolitik ist häufig Opferpolitik. Sie dient aber nicht ausschließlich der Emanzipation. Es gibt sie auch mit umgekehrten Vorzeichen. Eine Politik, die darauf abzielt, rassistischen Dünkel zu rechtfertigen oder die Privilegien einer Großmacht („America first“), ist auch nichts Anderes als Identitätspolitik. Das kommt bisweilen sehr plakativ zum Ausdruck. Die rechtsextremistische „Identitäre Bewegung“ erscheint letztlich nur wie die hässliche Kehrseite der Medaille.
Jeder Populismus beruht im Kern auf Identitätspolitik. Populisten verengen die Politik auf Fragen der Zugehörigkeit, was andere automatisch ausschließt. Aus linker Perspektive sind das wahlweise Konservative, Unternehmer oder „Neoliberale“, aus rechter Warte alle Fremden. Michael Zürn vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung deutet die Identitätspolitik jeglicher Couleur als „Abwehrreaktion gegenüber den Erfordernissen einer globalisierten Welt“. Aktuelle politische Konflikte haben häufig einen nationalistischen oder religiösen Hintergrund. Sie sind allesamt Varianten von Identitätspolitik. Das gilt für Putins hegemoniale Ansprüche im Einflussbereich der früheren Großmacht Russland ebenso wie Erdogans Politik gegenüber kurdischen Autonomiebestrebungen oder das insulare Souveränitätsstreben der Brexit-Briten. Beispiele für eher martialische Identitätspolitik sind der Hindu-Radikalismus in Indien, die militanten Buddhisten in Myanmar, wahabitische Einflussnahme im Nahen Osten, der „Islamische Staat“ und die Konfliktstrategien der schiitischen Mullahs im Iran.
Identitätspolitik ist auch das Symptom einer Identitätskrise links der Mitte. Gender-Mainstreaming und multikulturelle Diversität sind da heutzutage populärer als klassische Sozialpolitik. Der Kampf um Gerechtigkeit ist einer Kultur der Achtsamkeit gewichen. Mitunter verwaist damit die tradierte Klientel – was sich die Verfechter rechter Identitätspolitik zunutze machen. Sie deuten wirtschaftliche Einbußen als Verlust von Identität und Status. Die Schuld wird bei Fremden und Eliten abgeladen. Das Argumentationsmuster klingt in etwa so: „Die kümmern sich um Flüchtlinge und gleichgeschlechtliche Toiletten, aber nicht um unsere wirklichen Sorgen.“
So erklären Kritiker des linksliberalen Establishments den Triumph des Identitätspolitikers Donald Trump. Seine Politik verläuft entlang einer klaren Front: Wir gegen die Anderen. Zu den Anderen zählt er wahlweise auch bisherige Verbündete, wenn es sein muss: den Rest des Westens. Den Weg bereitet habe ihm eine Gesellschaft, die „immer mehr Selbstentfaltung, Selbstbehauptung und Selbstfindung“ kultiviert habe, so der US-Politologe Mark Lilla. Hillary Clinton habe mit ihrem Wahlkampf Minderheiten, Gendergruppen und Frauen hofiert, „eine Sammlung bevorzugter Identitäten“ – aber „allerhand Menschen im Land außen vor gelassen“.Darin erkennen Leute wie Lilla und Fukuyama das Elend der zeitgenössischen Linken: Sie bemühten sich um immer kleinere Gruppen und vernachlässigten die gefühlte Marginalisierung im Kern der Gesellschaft – die „Deplorablen“ (Clinton) in den entindustrialisierten Zonen Amerikas sowie die „Kettenraucher und Dieselfahrer“, wie ein Parteifunktionär des französischen Präsidenten Emmanuel Macron die Gelbwesten klassifizierte.
Identitätspolitik sei letztlich eine „egoistische Politik des Alles-dreht-sich-um-mich“, sagt der britische Soziologe Frank Furedi. Das bleibt nicht ohne Folgen. Wer die Menschheit nach Identitäten einsortiert, unterwirft auch die Sprache diesem Ordnungsmuster. Dabei muss man noch nicht einmal an Gendersternchen und LGBTI*QA-Kodifizierungen denken, allesamt Rangabzeichen identitären Denkens. Die wechselseitige Geringschätzung drückt sich aus in einer zunehmenden Stigmatisierung und Diffamierung der jeweils anderen, was sich etwa bei Demonstrationen von Diesel-Apologeten und Feinstaub-Widerständlern erfahren lässt. Starke partielle Identitäten schwächen das Vertrauen zwischen diesen abgezirkelten Gruppen. In Zeiten der Identitätspolitik, so der Bremer Populismusforscher Philip Manow, seien Konflikte zu „Ritualen gegenseitiger Verächtlichmachung erstarrt“.
Das Denken in Identitäten stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit unter seinesgleichen, lähmt jedoch den Zusammenhalt unter allen. Identitätspolitik ist Dünger für den Spaltpilz in Gesellschaften. Die Ureinwohner des Abendlands sehen sich von Islamisierung umzingelt. „Wir sind das Volk“, schreien die Pegida-Marschierer. „Ihr seid Pack“, schallt es ihnen entgegen. AfD-Chef Alexander Gauland bringt seinen Anhang, die „einfachen Menschen“, gegen die „globalistische Klasse“ in Stellung. „La France profonde“, wie sich die Gelbwesten nennen, „das tief verwurzelte Frankreich“, wettert gegen das Paris der Bourgeois und Bohème. Großbritannien spaltet sich entlang der Brexitfrage in „Somewheres“ und „Anywheres“, die Dagebliebenen und die städtische Elite, die nirgendwo und überall zuhause ist. Donald Trump hetzt das amerikanische „Heartland“, das Herzland seiner weiß dominierten Anhängerprovinzen, gegen das „korrupte Washington“ auf. „Biodeutsche“ grenzen sich von ihren Nachbarn ab, denen der „Makel“ eines „Migrationshintergrunds“ anhafte.
Der österreichische Philosoph Robert Pfaller erkennt in dieser „Zerstückelung“ eine „Re-Tribalisierung“ der Welt: den Rückfall in Stammesdenken. Für ihn ist das der „Siegeszug einer gegenaufklärerischen Idee“. Wenn Differenz zum Selbstzweck wird, verschwindet der Horizont des Gemeinsamen aus dem Blickfeld. Zu viel Vielfalt verleitet die Vielfältigen zur Einfalt. Selbst die Böll-Stiftung, Denkfabrik der Grünen, warnt vor einer „narzisstischen Fixierung auf das eigene Milieu“ und äußert „Zweifel, ob Diversity als Matrix einer emanzipatorischen Politik taugt“. Eine Politik, welche die Gesellschaft nach isolierten Identitäten katalogisiert, statt ungeachtet des Respekts für allfällige Unterschiede stets nach gemeinsamen Interessen zu suchen, läuft der Uridee der Demokratie zuwider. Identitätspolitik ist eigentlich schon keine Politik mehr, weil diese nicht partikulare Perspektiven, sondern stets das Ganze im Blick behalten muss. Bei den alten Griechen, die das erfunden haben, war es die Stadt („polis“), bei uns der Staat.
Bei aller gebotenen Rücksicht auf viele, die anders aussehen, anders glauben, anders denken oder anders lieben: Wenn nur die Unterschiede im Fokus bleiben, wo bleibt dann das Wir?