Idles in Schorndorf Brexit? Nein, Danke!

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Aufruhr und Zärtlichkeit: Die britische Postpunkband Idles hat in der Manufaktur in Schorndorf grandios gewütet.

Bissige Kommentare über die Zustände im Vereinigten Königreich: Die Idles sind am Samstagabend in der Manufaktur in Schorndorf aufgetreten. Foto: Jan Georg Plavec 10 Bilder
Bissige Kommentare über die Zustände im Vereinigten Königreich: Die Idles sind am Samstagabend in der Manufaktur in Schorndorf aufgetreten. Foto: Jan Georg Plavec

Schorndorf - „Was ist eigentlich so great an Great Britain?“, fragt Joe Talbot irgendwann einen der vielen britischen Konzertbesucher in der ausverkauften Manufaktur. Erst fällt dem gar nichts ein, dann sagt er, dieses eine nordenglische Kaff wäre doch ganz toll. Talbot nickt, man ist sich dann aber doch schnell einig, dass das nicht genug ist und dass es zurzeit eigentlich gar nichts gibt, auf das man in Großbritannien stolz sein kann. Der Brexit, um den es im dann folgenden Stück „Great“ geht, ist da nur eines von vielen Beispielen.

Stimme der Frustrierten und Zornigen

Talbot ist der Sänger der Idles und eine Mischung aus wildgewordenem Sozialarbeiter und Punkrockberserker; einer, der den Zornigen und Frustrierten eine Stimme gibt, wenn er mit seiner Band am Samstag den 500 Besuchern einen brachialen Mix aus Postpunk, Hardcore und Revolte um die Ohren haut; einer der wunderbar grimmig gucken und ziemlich laut schreien kann, aber auch ausgesprochen höflich ist, sich fürsorglich ums Publikum kümmert, immer wieder darum bittet, beim Pogotanzen gegenseitig auf sich aufzupassen.

Hinter dem Lärm lauern Zärtlichkeit und Humanismus

Das Konzert, das die Band aus Bristol gibt, erweist sich als sensationell intensives Ereignis. Zum einen wegen der Songs, die vor allem von dem aktuellen Idles-Album „Joy as an Act of Resistance“ stammen, das eine der besten Platten des Jahres 2018 war, aber auch vom Idles-Debüt „Brutalism“ von 2017. Talbot singt darin von Diversität („I’m Scum“), vom Rechtsruck, vom britischen Gesundheitssystem, vom Niedergang der Provinz, bedankt sich bei Migranten („Ohne euch wäre England nur ein mieses Drecksloch“), setzt sich mit Geschlechterrollen auseinander, mit Depression und Todesfällen in der Familie, versteckt hinter dem Lärm Zärtlichkeit und Humanismus.

Herrliche Unberechenbarkeit der Show

Und dann ist da noch diese herrliche Unberechenbarkeit der Band. Mal mischen sich die Gitarristen während des Auftritts einfach unters Publikum, mal hängen sie wildfremden Menschen ihre Instrumente um und zerren sie auf die Bühne, mal sind sie plötzlich Christina Aguilera oder Mariah Carey, flirten mit Bon Jovi oder schummeln Fetzen aus „Rule, Britannia!“ in ihre Lieder. Wenn es derzeit etwas gibt, das wirklich großartig in Großbritannien ist, dann ist es diese Band.