Es ist das Ende einer Ära: Am 23. Oktober wählen gut 400 Delegierte in Frankfurt eine neue Gewerkschaftsführung – ohne Jörg Hofmann. Der Schwabe hat in seiner langen Laufbahn vieles bewegt, aber auch nicht selten interne und externe Widerstände entfacht.
Herr Hofmann, ist es an der Zeit, dass nach Ihren acht Jahren als erster Vorsitzender eine neue Führung kommt, damit sich die IG Metall verändert?
Wenn man zehn Jahre – die zwei Jahre als Zweiter Vorsitzender eingeschlossen – in so einer Funktion ist, dann hat man seine Ideen gesetzt. Dann ist es gut, wenn personell auch mal ein Wechsel stattfindet. Insoweit ist es per se richtig, dass jetzt mal frische Ideen und neue Personen in die Führung kommen.
Was vor allem soll von Ihrer Ära als Vorsitzender hängen bleiben?
In den acht Jahren hat sich das Umfeld der IG Metall extrem verändert. Wir erleben nicht nur mit aller Wucht die Transformation in unseren Branchen, wir mussten mit der Coronakrise auch die größte Krise der Nachkriegsgeschichte bewältigen und befinden uns jetzt in einer einmaligen multiplen Krisenlage. Da war es sicher richtig, diese Herausforderungen offensiv mit einem klaren Gestaltungsanspruch anzunehmen und sich nicht allein auf die Verteidigung des Bestehenden zu begrenzen. Als Organisation haben wir die verschiedenen Krisenlagen erfolgreich bewältigt – die Beschäftigung und die Entgelte in unseren Branchen sind stabil und die Zahl unserer Mitglieder wächst wieder. Seit der Tarifrunde im letzten Jahr, also Mitte 2022, haben wir bei den Neuaufnahmen extrem gut zugelegt. Wenn es so weiterläuft, werden wir dieses Jahr eines der besten Ergebnisse seit Langem erzielen.
So fällt Ihre Bilanz rundum positiv aus?
Es ist auf jeden Fall gelungen, trotz dieser enorm schwierigen und gewaltigen Einflüsse von außen eine klare Kursbestimmung in der IG Metall durchzusetzen, was nicht widerspruchsfrei war und ist. Hier liegt die Herausforderung an die Führung einer solch großen Organisation. Damit zusammenhängend haben wir uns – erstmals wieder nach dem Trauma der IG Metall von 2003 – des Themas Arbeitszeit als gewerkschaftlichem Handlungsfeld bemächtigt. Der Tarifabschluss 2018 mit der Wahloption freier Tage, die Arbeitszeitverkürzung in Ostdeutschland auf die 35 Stunden – beides waren wichtige Schritte. Auch intern haben wir extrem viele Impulse gesetzt.
Inwiefern?
Wir machen die IG Metall an der Spitze schlanker und verankern sie stärker in der Fläche. Die Ressourcen werden mehr dort eingesetzt, wo es wehtut in der Transformation und wo über Erfolg oder Misserfolg aus Sicht der Beschäftigten entschieden wird: vor Ort in den Betrieben und Regionen. Hier braucht es eine starke Interessensvertretung mit vielen Aktiven. Dass wir die Voraussetzungen geschaffen haben für eine auch in Zukunft starke, handlungsfähige IG Metall – darauf bin ich im Ergebnis wirklich stolz.
Am erfolgreichsten waren Sie wohl in der Lohnpolitik, vielleicht mit Ausnahme des vergleichsweise moderaten Ludwigsburger Pilotabschlusses von November 2022?
Im Nachhinein ist man manchmal schlauer, auch in der Wirkung von Abschlüssen. Die Teuerungsrate, die danach entstand, ließ sich so nicht voraussagen. Unterm Strich haben wir aber trotz der Einbrüche in der Coronakrise und trotz der Teuerungsrate in den letzten acht Jahren ein klares Plus bei der realen Kaufkraft der Beschäftigten erreicht. Und die Beschäftigten haben das gewürdigt. Gerade nach der Tarifrunde 2022 konnten wir ordentlich Mitglieder gewinnen.
In der Stahlindustrie ist die Viertagewoche eine konkrete Forderung. Für die Metall- und Elektroindustrie haben Sie es erst einmal abmoderiert?
Ich habe gesagt, dass ich dieses Instrument nicht als Thema der nächsten Tarifrunde sehe – wir müssen dann noch mal die Erhöhung der Entgelte sehr stark im Blick haben. Deswegen habe ich es nicht abmoderiert, sondern eine weitere Debatte eröffnet. Ich gehe davon aus, dass wir das Instrument auch unter beschäftigungspolitischen Aspekten in den nächsten Jahren aktiver bedienen werden müssen. Die Prioritäten sind gerade andere, aber das Thema ist eröffnet. Die Geschichte der Arbeitszeitverkürzung hat kein Ende. Und das neue Normal wird die 32-Stunden-Woche sein.
Selbst aus der IG Metall heraus gab es nicht nur Zustimmung für die Idee?
Wenn man ein neues Thema bewegen will, kommen zu Recht zunächst Fragen auf. Und das ist gut so. Daher sehe ich im Moment die Diskussion noch nicht reif dafür, um für die Metall- und Elektroindustrie eine konkrete Forderung aufzustellen – ich bin aber fest davon überzeugt, dass sie kommen wird. Schon deshalb, weil es unsere Mitglieder so wollen. Das zeigen alle Befragungen.
Der Bezirksleiter Roman Zitzelsberger würde ein tarifliches „Menü à la carte“ für die Betriebe der flächendeckenden Viertagewoche vorziehen. . .
Ich glaube, das steht gar nicht im Widerspruch, sondern es ergänzt sich. Wir haben ein ganzes Instrumentarium flexibler Arbeitszeitmodelle. Aber nur die 32-Stunden-Woche ermöglicht es nach meiner festen Überzeugung, dass zwei vollzeitbeschäftigte Partnerinnen und Partner die Kinderbetreuung und Pflege einigermaßen bewältigen können, wenn man sich die Tätigkeiten einigermaßen fair teilt. Wir können es uns nicht mehr leisten, dass neben den sieben Millionen Minijobbern elf Millionen – vor allem Frauen – nur Teilzeit arbeiten. Es braucht Arbeitszeitmodelle, die zum Leben passen und dies in Vollzeit. Ob das jetzt immer mit einer klassischen Viertagewoche umgesetzt wird oder mit mehr wählbaren freien Tagen oder mit der Verkürzung der täglichen Arbeitszeit – das passt gar nicht alles auf eine Menükarte. Im Schichtbetrieb dürfte die Viertagewoche eine sinnvolle Option sein. Und einmal weniger zu pendeln in der Woche, ist auch eine attraktive Alternative.
Wer soll die Arbeitszeitverkürzung plus den Ausgleich der Inflation zumal in der aktuellen Wirtschaftslage bezahlen?
Deswegen habe ich gesagt: Leute, wir sprechen jetzt nicht von einer aktuellen Forderung in der Metall- und Elektroindustrie. Im Moment passt es einfach nicht, weil wir noch mit dieser hohen Teuerungsrate zu tun haben. Aber wir haben da ein Zielbild, und dann müssen wir schauen, wie man sich diesem schrittweise nähert. Wir wissen ja alle, wie lange es gebraucht hat, um von den 40 auf die 35 Stunden herunterzukommen: elf Jahre. Da sind die 32 Stunden mit einem Lohnausgleich – auch angesichts der erkennbaren Produktivitätsschübe – aus meiner Sicht mittelfristig bewältigbar.
Zur neuen IG-Metall-Führung: Sie hatten ursprünglich eine gleichberechtigte Aufstellung inklusive Roman Zitzelsberger erhofft, doch hat sich dafür keine klare Mehrheit abgezeichnet. Hätte man das besser vorbereiten müssen?
Es war ja das Anliegen von Christiane Benner, Jürgen Kerner und Roman Zitzelsberger auf ihrer Tour durch die Bezirke, für ihr Modell einer Führung im Team zu werben. Es war und ist nicht mein Führungsverständnis. Aber ich finde die Idee gut, weil es auch an der Stelle mal Zäsuren braucht: nicht nur im Geschlecht des oder der Vorsitzenden, sondern auch in der Art der Zusammenarbeit. Dass das keine Mehrheit gefunden hat, war schade. Es wäre ein stärkeres Signal gewesen. Was die formalen Fragen angeht: Es ist gar nicht so tragisch – wenn man im Team führen will, spricht die Satzung der IG Metall nicht dagegen.
Der Konflikt hat die IG Metall nicht übermäßig erschüttert?
Nein, das hat nach meinem Empfinden keine negativen Spuren hinterlassen. Die IG Metall muss es auch einfach mal aushalten, dass der eine oder andere Gedanke von den Mitgliedern und Funktionären nicht getragen wird. Das ist dann eben so. Die Vorstellung, wir stellen von oben durch, ist ohnehin längst nicht mehr realistisch. Und ich finde es besser, man führt solche Organisationsdebatten offen, als sie unter dem Tisch zu halten.
Braucht eine Organisation wie die IG Metall nicht eine ganz klare Führungsstruktur?
Zu dieser Frage kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Ich glaube schon, dass der oder die erste Vorsitzende immer eine hervorgehobenere Stellung in der öffentlichen Wahrnehmung hat. Das lässt sich mit keinem Teammodell verändern. Aber dass man innerhalb der Führungsstruktur die Aufgaben gleichmäßiger verteilt in ihrer Gewichtung, ist möglich.
Wie sehr hat Sie die Erkrankung von Roman Zitzelsberger getroffen?
Stark. Weil ich ihn als einen wichtigen Bestandteil in diesem Team gesehen hätte. Insoweit war das schon ein Schlag ins Kontor, den man nicht vorausahnen konnte. Wir haben aber mit der Stuttgarterin Nadine Boguslawski eine Frau im Team, die die Tarifpolitik gut kennt.
Verliert die IG Metall Baden-Württemberg nicht doch an Gewicht innerhalb der Gewerkschaft?
Nein. Wir haben längst kein regionales Proporzdenken in der Führung der IG Metall mehr. Der Bezirk hat es selbst in der Hand, ob er mitgliederstark und handlungsmächtig weiter viele innovative Gedanken gerade in der Tarifpolitik hervorbringt und umsetzt. Das hat in der IG Metall nicht immer Wohlgefallen ausgelöst, wie aktuell in der Debatte um die betriebliche Altersvorsorge. Aber hier liegt der einzige mir bekannte und durchsetzbare Vorschlag auf dem Tisch. Und solche Situationen hatten wir auch schon in der Vergangenheit. Ich erinnere an die Debatte um flexible Arbeitszeitkonten. Heute sind diese für alle eine Selbstverständlichkeit.
Zur Bundespolitik: Haben Sie zu Olaf Scholz einen besseren oder schlechteren Zugang als zu Angela Merkel?
Ich hatte und habe zu beiden einen guten Zugang.
An einem Beispiel: Wie ist Ihr Verhältnis zum Kanzler?
Wir haben eine Ähnlichkeit: Wir sind ziemlich penibel, wenn es um Detailfragen geht.
Wenn Sie ihn überzeugen wollen, müssen Sie ins Detail gehen?
Dann kann ich nicht mit Luftblasen kommen.
Woran liegt es, dass Sie ihn beim Industriestrompreis noch nicht überzeugt haben?
Vielleicht daran, dass wir noch weiter Argumente austauschen müssen.
Sie sind noch guter Hoffnung?
Ich sehe die zwingende Notwendigkeit, dort schnell zu reagieren, wenn wir die Wertschöpfungskette der Stahlindustrie, der Alufertigung, der Gießereien und viele andere energieintensiven Betriebe erhalten oder die Ansiedlung energieintensiver Industrien wie Batteriezellen und Elektrolyse realisieren wollen. Man kann das Thema nicht ohne große Kollateralschäden wegschieben. Die Ministerpräsidenten haben sich eindeutig aufgestellt, ebenso die Fraktionen von SPD und Grünen. Zur Umsetzung und der Finanzierungslogik dahinter gilt es noch mal unterschiedliche Konzepte zu prüfen. Aber im Kern wird der Druck, Ergebnisse zu erarbeiten, mittlerweile so stark und ist so breit getragen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das Regierungshandeln das vollkommen ignoriert. Ich denke mal, dass es zum Thema im nächsten Koalitionsausschuss wird. Ich erwarte, dass dann etwas kommt.
Macht Ihnen der Zustand der Ampelregierung Sorgen?
Ja. Dieses öffentliche Austragen von Konflikten der Ampel wird schonungslos ausgenutzt – sowohl von Rechtspopulisten als auch von dem ein oder anderen Medienorgan, um kampagnenartig die Leute zu verunsichern. Mein größtes Bedenken ist es, dass die Ampel nicht mehr das Vertrauen zurückgewinnt, dass ihre Politik den Bürgerinnen und Bürgern Perspektiven und Sicherheit verschafft. Hinzu kommt, dass wir uns an manchen Kipppunkten befinden.
Inwiefern?
Es geht um Geschwindigkeit in der Energie-, Mobilitäts- und Wärmewende, es geht um einen Schub der Digitalisierung, beginnend bei der öffentlichen Verwaltung. Wenn wir feststellen, dass wir in allen Ausbauzielen weit hinter dem hinterherhinken, was notwendig wäre, um 2030 zumindest mal den ersten Zwischenschritt zu erreichen oder wenn wir aktuell mit dem Abbruch der Auftragseingänge für Elektromobilität konfrontiert sind, dann wird die Umsetzbarkeit dieser Agenda des Wandels hinterfragt. Es wird die Glaubwürdigkeit des Versprechens hinterfragt, dass eine Transformation ohne Wachstums- und Wohlstandsverluste kommt. Das ist ein schwieriges Feld, auf dem wir sehr sauber und transparent auch gegenüber den Belegschaften argumentieren müssen. Das kann schnell in eine Grundsatzdebatte münden, ob wir uns das Thema Klimaschutz überhaupt noch leisten können. Das wäre fatal.
Aber die IG Metall will, dass die Ampel durchhält, weil sich sonst ein Fenster der Gelegenheiten schließen könnte?
In jedem Falle ja. Ich sehe aktuell keine politisch realistische Alternative, die einem sozialen, ökologischen und demokratischen Wandel mehr Schubkraft geben könnte.
So lange im Amt wie nur wenige vor ihm
Ära
Die achtjährige Amtszeit von Jörg Hofmann ist besonders: Lediglich drei IG-Metall-Vorsitzende (Otto Brenner, Eugen Loderer, Klaus Zwickel) standen länger an der Spitze. Zuvor war der 1955 im Rems-Murr-Kreis geborene Schwabe zwei Jahre Zweiter Vorsitzender, davor zehn Jahre Bezirksleiter.
VfB-Fan
Seinen Wohnsitz in Esslingen hat Hofmann vor einigen Jahren aufgegeben. So pendelt er nur noch zwischen Frankfurt und Berlin – wo er nun das „neue Leben“ auf sich zukommen lassen will. An die Region Stuttgart gebunden fühlt er sich auch durch den VfB, dessen Mitglied er ist.