Verdienten Persönlichkeiten des Landes Baden-Württemberg kann der Ministerpräsident die Staufer-Medaille verleihen. 1994 ließ Erwin Teufel die Ehrung Alfred Hagenlocher (1914–1998) zukommen – als langjährigem Präsidenten der Hans-Thoma-Gesellschaft in Reutlingen, Gründungsdirektor der Städtischen Galerie Albstadt und Gründer des Museums für Volkskunst in Meßstetten.
Die ehrenden Worte auch zu anderen Anlässen klammern das erste Leben Alfred Hagenlochers aus. Am 1. September 1930 trat er der Hitlerjugend bei. Mit gerade 17 Jahren wurde Hagenlocher im Juni 1931 Mitglied der NSDAP. Die Aufnahme als SS-Mann erfolgte am 1. Dezember 1931. Der Weg führte im von Hitlerdeutschland geführten Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion von Mai bis Oktober 1943 in das SS-Sonderkommando 8 im weißrussischen Mogilev und 1944 als Beamter der Geheimen Staatspolizei in die Gestapo-Zentrale in Stuttgart (Hotel Silber). Hagenlochers Auftrag: Gegenaufklärung.
Hagenlochers Aktivitäten sind gut belegt
„Anders als bei anderen Gestapo-Beamten“, sagt Friedemann Rincke, Kurator im Erinnerungsort Hotel Silber, „ist Alfred Hagenlochers Tätigkeit im Hotel Silber gut belegt.“ 1948 ist Friedrich Schlotterbeck, 1944 Widerstandskämpfer in Stuttgart, Zeuge im Entnazifierungsprozess gegen den späteren Kunstvermittler. Schlotterbeck sagt als Überlebender aus, die Todesurteile gegen Mitglieder seiner Familie hat Alfred Hagenlocher gegengezeichnet.
Briefe aus der Haft
Wie wird aus dem Gestapo-Beamten der anerkannte Museumsgründer und der vor allem dem Werk von Otto Dix verpflichtete Kunstvermittler? Rincke sieht in „Hunderten von Briefen“, die Hagenlocher während der Haft an seine damalige Lebensgefährtin und spätere zweite Frau schrieb, „mögliche Hinweise“. Wie diese aussehen könnten, ist an diesem Mittwoch im Hotel Silber zu erleben. Der Schauspieler Walter Sittler liest aus Hagenlochers Briefen. Die Auswahl hat Hagenlochers Tochter Ingrid Hagenlocher-Riewe mit Friedemann Rincke getroffen.
Mutig darüber sprechen
An den späteren Wirkungsstätten Hagenlochers hat Rincke über die zwei Leben des zeitlebens viel Geehrten bereits gesprochen. Für ihn gilt nun auch in Stuttgart: „Ich würde nicht zu einer Empörungswelle raten.“ Vielmehr wünscht er sich, „dass man noch einmal in die Tiefe geht“. Und er betont: „Man kann mutig darüber sprechen.“ Zur Frage der Nachkriegskarriere Hagenlochers zählt die Entscheidung der Justiz: Von der Spruchkammer als Hauptschuldiger im Fall Schlotterbeck eingestuft, erreichte Hagenlocher in mehreren Berufungsverfahren 1951 die Einstellung des Verfahrens und galt als vom Entnazifizierungsgesetz nicht betroffen.
Die Nachkriegskarriere des Alfred Hagenlocher: Hotel Silber, 12. Juli, 19 Uhr