Im Kino: Egalité“ Kida Ramadans Blick durch die Migrationsbrille
Die zweiten Regiearbeit von Kida Khodr Ramadan („4 Blocks“) ist ein hoch emotionales Familiendrama, das exemplarisch viele Aspekte deutscher Migrationsgeschichten streift.
Die zweiten Regiearbeit von Kida Khodr Ramadan („4 Blocks“) ist ein hoch emotionales Familiendrama, das exemplarisch viele Aspekte deutscher Migrationsgeschichten streift.
Stuttgart - Es ist nur eine Mandeloperation – doch als die 14-jährige Leila (Dunya Ramadan) aus der Narkose erwacht, kann sie nichts sehen. Die Eltern Aya (Susana Abdulmajid) und Attila (Burak Yigit), Deutsche mit nichtdeutschen Wurzeln, sind außer sich – und bald steigert Attila sich in einen Diskriminierungs- und Rachewahn hinein.
Das wirkt zunächst drastisch, auch weil Yigit („Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“) immense Intensität entfaltet. Im Handumdrehen wandelt er sich vom Knuddelpapa zum Choleriker. Doch schnell wird klar, worum e dem Berliner Kida Khodr Ramadan in seiner zweiten Regiearbeit „Egalité“ geht: Er macht einen geistigen und psychischen Schwebezustand fühl- und sichtbar, den ein sogenannter „Migrationshintergrund“ mit sich bringen kann – man gehört irgendwie dazu, aber doch nie ganz.
Um Stereotypen geht es da, um Komplexe, Traditionen und Zerrissenheit. Attila trägt einen dicke Migrationsbrille, er verwöhnt seinen Sohn und vernachlässigt seine Tochter, er wittert überall Benachteiligung und spielt allzu schnell die Rassismus-Karte – dabei sind seine Probleme mit dem deutschen Gesundheitswesen übertragbar auf alle Kassenpatienten, egal welcher Herkunft.
Ramadan hat selbst libanesische Wurzeln und ist seit seiner Rolle als Clan-Chef Ali Hamady in der Erfolgsserie „4 Blocks“ ein deutscher Filmstar. Er dreht die Perspektive hier nicht einfach nur um, sondern gibt in einer Szene selbst einen Rezeptionisten, der den tobenden Attila abblitzen lässt.
Der Plot wirkt stellenweise unscharf, auch plakativ, viele szenische Miniaturen keineswegs. Es ist grandios, wie Yigit und Hassan Akkouch im Berliner Späti ein bisschen Basar spielen. Wahrhaft ergreifend wird „Egalité“, wenn die schwangere Aya den Kopf des weinenden Attila in ihren Schoß legt und gefühlte Fremdheit eine brennende, poetische Sehnsucht erzeugt: „Meine Augen sind geschlossen. Ich höre Istanbul.“
Egalité. D 2021. Regie: Kida Khodr Ramadan. Mit Burak Yigit, Susan Abdulmajid. 80 Minuten. Ab 12 Jahren