Im Kino: „Triangle of Sadness“ Kleinkrieg auf der Luxusjacht
In seiner schwarzhumorigen Kino-Groteske „Triangle of Sadness“ entblößt der schwedische Ruben Östlund Maßlosigkeit und andere menschliche Schwächen.
In seiner schwarzhumorigen Kino-Groteske „Triangle of Sadness“ entblößt der schwedische Ruben Östlund Maßlosigkeit und andere menschliche Schwächen.
Man sieht jede der vielen Katastrophen lange kommen, bevor sie wirklich eintreten. Der schwedische Regisseur Ruben Östlund (48, „The Square“) ist ein Meister der „Suspense“. Er hält sein Publikum mit feinen, vielsagenden Andeutungen permanent in Atem. Und er löst immer alles ein und auf, gönnt seinen Zuschauern ein befreiendes Lachen – das meistens ein bisschen im Hals stecken bleibt.
In seiner Kino-Groteske „Triangle of Sadness“ folgt er dem männlichen Model Carl (Harris Dickinson), der mit seiner Freundin Yaya (Charlby Dean Kriek) eine Luxusjacht für superreiche Kreuzfahrer besteigt. Sie ist Influencerin, deshalb dürfen die beiden als mit Abstand jüngste Passagiere umsonst mitfahren. Während die eher impulsgesteuerte Yaya sich nur dem Luxus hingeben möchte, steht der Bedenkenträger Carl sich ständig selbst im Weg. Eine kleinliche Diskussion darüber, wer wann welche Gastro-Rechnung bezahlte, hat ihn noch an Land fast die Beziehung gekostet.
Diese Sequenz war der Vorgeschmack, an Bord reiht Östlund eine überdrehte Irrwitzigkeit an die nächste. Die Chefstewardess (Vicki Berlin) peitscht ihre Crew ein, bis alle ihre Untergebenen so enthusiasmiert brüllen, johlen, klatschen und trampeln, dass die philippinischen Raumpflegerinnen im Unterdeck befremdet aufhorchen.
Die Passagiere sind ein Haufen maßloser Egozentriker. Die Russin Vera (Sunnyi Melles) verlangt, dass die gesamte Crew zu ihrer Belustigung auf die Wasserrutsche geht. Der Kapitän (Woody Harrelson) hat sich in seiner Kabine eingeschlossen, in der die Flaschen klappern– er ist praktisch nie auf dem Posten. Bei einem alkoholgetränkten Disput mit dem russischen Raubtierkapitalisten Dimitry (Slatko Buric) outet er sich als Marxist.
Das Captain’s Dinner mit Austern und Champagner wird im Sturm erst zur extremen Schaukelpartie und dann zu einer wahren Brechorgie. Östlund quält seine Milliardäre bis zum Anschlag und führt sie dabei natürlich vor. Fontänen entweichen Hälsen quer durch den Raum, Passagiere rollen Treppen hinunter, ein herrenloser Putzwagen droht Unvorsichtige zu rammen. Grotesker war Kino lange nicht.
Bald stranden einige Überlebende auf einer einsamen Insel, wo die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Reichtum und hierarchische Titel gelten hier nichts. Die Philippina Abigail (Dolly de Leon), schon an Bord der Jacht eine Leitwölfin unter den Putzkräften, kann als Einzige für Nahrung sorgen und Feuer machen – daraus leitet sie den Anspruch ab, sich selbst als matriarchalische Despotin zu installieren.
Östlunds Kamera hat die Ruhe weg, wie eine Voyeurin thront sie vor dem Geschehen und weidet sich auf Augenhöhe am menschlichen Kleinkrieg. Jede Einstellung ist gespickt mit feinen Details und Symbolen, vieles erzählt Östlund im Subtext in seiner klugen, perfiden Parabel über menschliche Maßlosigkeit und andere existenzielle Schwächen, und das auch noch völlig geschlechtsunabhängig.
Wie im richtigen Leben stehen bei diesem Figurentableau subtile Machtspielchen hoch im Kurs. Eifersucht ist immer ein beliebtes Motiv im menschlichen Umgang, Rachegelüste bestimmen manche Situation. Östlund überzeichnet virtuos und fördert jeweils die Essenz zutage. Wer sich selbst hier nicht wenigstens ein Mal wiederfindet, kann sich als nächster Dalai-Lama bewerben.
Das starke Ensemble liefert makellose Karikaturen ab: Die kurz vor Filmstart verstorbene Südafrikanerin Charlbi Dean Kriek als impulsgesteuerte Bilderbuchschönheit, Harris Dickinson als verkorkster Beau, Slatko Buric als überbordender Macho, Sunnyi Melles als schmerzfreie Luxusfrau, Woody Harrelson als an der Welt Verzweifelnder, Vicki Berlin als unterwürfige Chefin, Dolly de Leon als unterprivilegierte Revolutionärin. Und Iris Berben als Schlaganfall-Opfer, das nur noch einen einzigen Satz sagen kann.
Östlunds schwarzhumorige Filmkunst steht in einer Traditionslinie mit der eines anderen schwedischen Meisterregisseurs: Roy Andersson (79), dessen Werke („Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, 2013) sich ebenfalls ums menschliche Chaos drehen. Nicht viele Regisseure haben so ausgeprägte Handschriften wie Ruben Östlund. Für „Triangle of Sadness“ ist ihm 2022 in Cannes die Goldene Palme verliehen worden – wie schon 2017 für seinen Vorgängerfilm „The Square“, in dem er das Leben eines Museumskurators nach allen Regeln der Kunst zerlegt.
Triangle of Sadness. S 2022. Regie: Ruben Östlund. Mit Harris Dickson, Woody Harrelson. 147 Minuten. Ab 12 Jahren.