Die Weisheit, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat, gilt selbstverständlich auch für Niko Kappel. Manchmal allerdings bürdet sich der kleinwüchsige Kugelstoßer besonders viel auf.
An diesem Morgen im Kraftraum des Olympiastützpunktes Stuttgart sind es insgesamt 16 große und kleine Scheiben, die er links und rechts auf die Hantel packt. Das ergibt 265 Kilogramm. Niko Kappel atmet tief durch, geht unter die Stange, stemmt sie aus der Verankerung. Sein Gesicht läuft vor Anstrengung rot an, er prustet, dann macht er zwei Kniebeugen. Die Athleten, die ihn bei dem Kraftakt beobachten, nicken anerkennend. Sie wissen einzuschätzen, was dieser Mann leistet – im Sport und im Leben.
Niko Kappel misst 1,41 Meter. Er ist nicht nur mit Abstand der weltweit beste Kugelstoßer seiner Klasse, sondern zugleich eine große Persönlichkeit.
Diskriminierung hat Niko Kappel nie erlebt
Diese zeigt sich, klar, vor allem beim Umgang mit seinem Handicap. Niko Kappel (28) käme nie auf die Idee zu hadern, zu klagen, sich selbst zu bedauern. Als Kind hat er seine Mutter einmal gefragt, warum er als Einziger im Sitzen mit seinen Füßen nicht den Boden erreiche. Die Antwort, dass er eben kleiner sei als die anderen, hat ihm genügt. „Es war mir egal, hat mich nie tangiert“, erklärt Niko Kappel, „ich habe nie Diskriminierung oder Ausgrenzung erlebt. Ich wüsste nicht, was anders sein könnte, wenn ich größer wäre.“
Diese Sätze sind nicht einfach so dahingesagt. Sie drücken aus, was Niko Kappel ist: ein Mensch mit einer absolut positiven Einstellung. Jemand, der die Fähigkeit besitzt, andere zu begeistern und für sich einzunehmen. Und einer, der jede Herausforderung gerne annimmt.
Die perfekte Saison
2016 holte der Welzheimer Gold bei den Paralympics in Rio de Janeiro, ein Jahr später wurde er Weltmeister in London. Danach sammelte er weitere große Erfolge, unter anderem Paralympics-Bronze 2021 in Tokio. Doch es ging, auch wegen größerer Rückenschmerzen, bei der Weite der Stöße nicht mehr voran. Weshalb Niko Kappel alles dafür tat, um seine gesundheitlichen Probleme in den Griff zu bekommen – denn er wollte noch härter an sich arbeiten. Das zahlte sich aus. 2022 gab es zwar keine große Meisterschaft, aber eine unglaubliche Serie. Niko Kappel verbesserte den Weltrekord um fast 70 Zentimeter auf 14,99 Meter, am Ende der Saison hatte er die zehn weitesten Versuche der Geschichte erzielt. „Es war ein überragendes Jahr, in dem alles perfekt lief“, sagt er, „ich habe mit dem Weltrekord ein Statement gesetzt.“ Das nicht nur in der Para-Leichtathletik Widerhall fand.
Niko Kappel wurde danach erstmals zu Stuttgarts „Sportler des Jahres“ gewählt. Es war eine Würdigung seiner Leistungen als Leichtathlet, da er aber 2022 keinen Titel gewinnen konnte, zugleich auch eine Auszeichnung für einen charismatischen, beliebten Typen. So hat es auch der Oberbürgermeister gesehen. „Niko Kappel ist nicht nur ein bärenstarker Sportler“, sagt Frank Nopper, „er versprüht auch eine ansteckende Lebensfreude und ermuntert uns alle, etwas aus dem Leben zu machen.“
Spaß an der Kommunalpolitik
Nopper verfolgt den Weg von Kappel schon länger, was sicherlich auch ein bisschen damit zu tun hat, dass die beiden das gleiche Parteibuch haben. Der Kugelstoßer sitzt seit 2014 für die CDU im Gemeinderat von Welzheim, bei seiner Wiederwahl fünf Jahre später wäre er beinahe der Stimmenkönig geworden. Zudem ist Kappel Beisitzer im Vorstand des CDU-Kreisverbandes Rems-Murr. Die Kommunalpolitik macht ihm Spaß, er liebt es, Entscheidungen zu treffen, die für die Menschen vor Ort wichtig sind. 2024 will er erneut für den Gemeinderat kandidieren, und er kann sich sogar vorstellen, die Politik zu seinem Beruf zu machen. Nach der sportlichen Berufung.
Niko Kappel ist Vollprofi, in jeglicher Hinsicht. Früher war der gelernte Bankkaufmann in Teilzeit Firmenberater bei der Volksbank Welzheim. Doch seit Anfang 2018 ermöglichen es ihm acht größere Sponsoren, die Sporthilfe und die Bundeswehr, vom Sport gut leben zu können. Für den Rest ist er gemeinsam mit seinem Team um Peter Salzer selbst verantwortlich. „Im Training ist er sehr gewissenhaft und diszipliniert, ein harter Arbeiter“, sagt der Coach, der Kappel seit neun Jahren betreut, „zudem ist er sehr extrovertiert, das ist seine Stärke. Er lebt das Kugelstoßen, ihn muss man eher bremsen.“ Selbstzweifel sind trotzdem möglich.
Auch technisch läuft es wieder
Rückblende. Nach der dritten Serie Kniebeugen mit 265 Kilogramm auf den Schultern ist Niko Kappel zufrieden. Aber nur mit seinen Kraftwerten. Im Techniktraining zuvor war es alles andere als rundgelaufen. „Ich bin so stark wie nie und so schnell wie nie“, sagt er und schüttelt mit dem Kopf, „nur nicht so weit wie nie.“ Erst zwei Stöße jenseits der 14 Meter hat er bis dahin im Jahr 2023 erzielt. Er wirkt ratlos, fast ein bisschen verzweifelt, denn langsam wird die Zeit knapp. Am 8. Juli beginnt in Paris die WM der Para-Leichtathleten, dort will er den Titel gewinnen. Unbedingt. Mit 14,17 Meter, seiner Saisonbestleistung, könnte das knapp werden. Mittlerweile? Ist diese Skepsis angehakt. Weil sich Dinge im Sport schnell ändern können.
Am Wochenende fand in Singen die Deutsche Meisterschaft statt. Niko Kappel holte sich den Sieg, stieß dabei 14,84 Meter und anschließend einen Seufzer der Erleichterung aus: „Ich bin mega erleichtert und total glücklich. Mein Flow ist zurück, das gibt mir viel Selbstvertrauen.“ Für die WM in Paris, aber auch schon für die Paralympics, die 2024 ebenfalls in der französischen Hauptstadt stattfinden werden. Und die Planungen von Niko Kappel gehen sogar noch weiter.
2028 will er bei den Paralympics in Los Angeles dabei sein, worüber sich auch sein Verein freuen würde. Seit zwei Jahren startet Niko Kappel, der auch Botschafter der Fußball-EM 2024 ist, für den VfB Stuttgart. Er ist Fan des Bundesliga-Teams, ihn erfüllt es mit Stolz, das Trikot mit dem Brustring zu tragen. Und natürlich hilft ihm das VfB-Wappen dabei, sich selbst zu vermarkten. Allerdings profitiert auch der Club. „Wie kein Zweiter ist Niko Kappel ein toller Botschafter für den VfB, seine Ausstrahlung ist extrem positiv“, sagt Präsident Claus Vogt, auf dessen Initiative hin der Vereinswechsel zustande kam, „er ist ein Vorbild als Athlet, als Persönlichkeit und als Mensch, ehrgeizig, ansteckend fröhlich und immer verlässlich – einfach ein Riesentyp, auch oder gerade, weil er etwas kleiner ist.“
An Humor mangelt es Niko Kappel nicht
Zu den vielen Facetten von Niko Kappel gehört allerdings auch seine nachdenkliche Seite. Selbstverständlich gibt es auch bei ihm Momente, in denen er davon spricht, dass ein Leben als Leistungssportler kein Selbstläufer sei. Dass er Phasen erlebe, in denen nichts von alleine geht. Dass er sich mehr Zeit wünsche, um im einen oder anderen Ehrenamt das Thema Inklusion voranzutreiben, für das er sich bei jeder Gelegenheit engagiert.
Was in den Zeiten, in denen es etwas schwieriger wird, immer hilft, ist: Humor. Auch daran mangelt es Niko Kappel nicht.
Gerne erzählt er seinen Lieblingswitz („Wie nennt man einen kleinwüchsigen Türsteher? Sicherheitshalber!“), und Leuten, die ihn wegen seiner Körpergröße unterschätzen, antwortet er am liebsten mit einem kessen Spruch. Weil ihm wichtig ist, für die Werte, die ihm am Herzen liegen, auch einzustehen: „Respekt, Fairness, Teamgeist, Zusammenhalt – das sind Dinge, die man nirgendwo so gut und so einfach lernt wie im Sport.“
Es ist beeindruckend, solche Worte von einem Mann zu hören, der sein Päckchen trägt. Egal, wie schwer es auch immer ist.