Immer mehr Fälle von FSME Der große Zecken-Check

Von Regine Warth 

Das 2018 gilt schon jetzt als Zeckenjahr. Wir haben mit Zecken-Fachleuten gesprochen und erklären, was beim Gang ins Freie zu beachten ist.

Der Gemeine Holzbock ist  für die meisten Zeckenstiche   verantwortlich. Foto: Vahldiek/Adobe Stock
Der Gemeine Holzbock ist für die meisten Zeckenstiche verantwortlich. Foto: Vahldiek/Adobe Stock

Stuttgart - Die Zecken stechen dieses Jahr besonders oft: Seit Beginn der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)-Saison sind 109 Menschen in Baden-Württemberg an der Virusinfektion erkrankt – insbesondere in den Kreisen Ravensburg (13 Fälle), Calw (10 Fälle) und im Ortenaukreis (15 Fälle). Ob damit das Jahr 2018 das bislang stärkste FSME-Jahr 2017 mit rund 500 Fällen übertrifft, muss sich noch herausstellen. Fest steht aber: „Wir werden die höchste Zahl an Zecken in den letzten zehn Jahren haben“, sagt der Zecken-Experte Gerhard Dobler vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) in München. Seit 2009 erforscht der DZIF-Wissenschaftler mit seinem Team am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr die Ausbreitung und Aktivität des FSME-Virus in Deutschland.

Was sind die Gründe für die Fallzahlen?
Der Grund für die hohe Zeckenanzahl liegt zum einen an den klimatischen Bedingungen, heißt es seitens des Regierungspräsidiums Stuttgart: Die sommerlichen Temperaturen und Niederschläge in den vergangenen Wochen böten ideale Bedingungen für den Gemeinen Holzbock, der Zeckenart, die der häufigste Überträger der FSME-Viren ist. Gleichzeitig gehen auch mehr Menschen ins Freie, wenn es draußen schön warm ist. Allerdings spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle, gibt Ute Mackenstedt von der Uni Hohenheim zu bedenken, denn Zecken mit FSME-Viren tauchen nicht überall in Baden-Württemberg gleich häufig auf. „Sie konzentrieren sich in sogenannten Naturherde, auch Hotspots genannt“, sagt die Parasitologin Mackenstedt. Dort zirkulieren die Viren zwischen Nagern und Zecken. „Unklar ist noch, ob sich auch in diesen Hotspots die infizierten Zecken ungewöhnlich stark vermehrt haben.“ Das wird sich herausstellen: Die höchste Anzahl der FSME-Erkrankungen wird erfahrungsgemäß im Jahresverlauf in der Regel in den Monaten Juli bis September beobachtet.

Wo sind die Risikogebiete?
Ganz Baden-Württemberg gilt als Risikogebiet für das FSME-Virus, das fast immer durch den Stich infizierter Zecken übertragen wird. In den Risikogebieten tragen Schätzungen zufolge 0,1 bis 5 Prozent der Zecken das FSME-Virus in sich. Auch in Bayern sowie in Teilen Südhessens, Thüringens, von Rheinland-Pfalz, des Saarlands und von Sachsen ist die Gefahr der Übertragung von FSME ebenfalls sehr hoch. Insgesamt 156 Stadt- und Landkreise zählt das Robert-Koch-Institut derzeit als FSME-Risikogebiete – fast jedes Jahr kommen neue hinzu. Die einzigen beiden Bundesländern, in denen es noch keine Erkrankung gab, sind Bremen und Hamburg.

Werden sich die FSME-Risikogebiete weiter ausweiten?
Das Auftreten von FSME breitet sich weiter nach Norden aus. „Die Statistik zeigt uns ganz neue Hotspots in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin“, sagt die Hohenheimer Parasitologin Ute Mackenstedt, die auch den Süddeutschen Zeckenkongress initiiert, der alle zwei Jahre an der Universität Hohenheim stattfindet. Ein großes Ziel der Zecken-Fachleute ist es nun herauszufinden, ob die Hotspots im süddeutschen Raum und weiter im Norden Gemeinsamkeiten haben – etwa im Pflanzenbestand oder bei den Tieren, die dort leben. „ Nagetiere spielen in dem Zyklus eine wichtige Rolle“, sagt Mackenstedt. Nager sind ortstreu, was erklären würde, warum die Gefahrenzonen in den Risikogebieten wenig wandern. Gleichzeitig befallen Zecken im Larvenstadium bevorzugt Nager. Und Nager sind die Quelle, an der sich die Zecken die FSME-Viren holen.
Gibt es neue Zeckenarten?
Der Gemeine Holzbock, wissenschaftlich Ixodes ricinus genannt, hat sich in Europa an die verschiedenen Umweltbedingungen und Wirte angepasst – und ist somit auch hierzulande für die meisten Zeckenstiche beim Menschen verantwortlich. Er gilt als hauptsächlicher Überträger von FSME oder Borreliose. Doch die Zeckenart bekommt Konkurrenz: So stießen die Parasitologen der Uni Hohenheim und Virologen des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr und der Uni Leipzig 2016 erstmals auf das FSME-Virus in der in Ostdeutschland immer häufiger gefundenen Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus). Im selben Jahr wurde von einer Zeckenforscherin vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr auch eine völlig neue Art entdeckt: Ixodes inopinatus, zu Deutsch: die Unerwartete. Sie ist aus dem Mittelmeerraum eingewandert. „Ob diese Art als FSME-Überträgerin infrage kommt, ist aber noch unklar“, sagt die Hohenheimer Parasitologin Ute Mackenstedt.
Wo kommen Zecken hierzulande vor?
Wer im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb unterwegs ist, weiß um die Gefahr, die in Büschen und Gräsern lauert. Doch auch in der Stadt besteht ein nicht zu unterschätzendes Risiko, sich mit Borreliose und FSME anzustecken. Vor allem, wenn Gärten recht naturnah gestaltet sind. Das Landesgesundheitsamt rät daher, sich auch nach der Gartenarbeit gründlich abzusuchen: Kniekehlen, Intimbereich, Leistenbeuge, Achselhöhlen, Haaransatz. Denn dort ist die Haut dünn, warm und feucht.
Welche Krankheiten können Zecken noch übertragen?
Auch wenn die FSME-Zahlen des Gesundheitsamts einen anderen Eindruck erwecken: Die häufigste von Zecken übertragene Infektionskrankheit ist die Borreliose. Etwa jede fünfte Zecke trägt die spiralförmige Bakterien (Borrelien) in sich. Die Symptome sind sehr unspezifisch, deshalb wird Borreliose häufig erst spät erkannt. Oft beginnt die Krankheit mit Fieber und grippeähnlichen Krankheitszeichen. Bei den meisten Erkrankten tritt die Wanderröte auf, eine kreisförmige sich von der Einstichstelle ausbreitende Hautrötung, die wieder verschwindet. Nur in etwa 0,2 bis 0,9 Prozent der Fälle kommt es zu einer Infektion des Nervensystems (Neuroborreliose). Doch auch Jahre danach können die Borrelien aktiv sein und schwere Entzündungen mit Gelenkschmerzen auslösen, die chronisch werden können. Die Borreliose lässt sich mit Antibiotika behandeln.

Wie kann man sich vor den Krankheiten schützen?
Die Symptome einer Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ähneln der einer Sommergrippe – wie etwa Schnupfen, Fieber sowie Hals- und Kopfschmerzen. Sie kann aber auch zu Hirn- und Hirnhautentzündungen führen. Während es für die Borreliose keine medikamentöse Vorsorgemaßnahme gibt, kann man sich gegen die FSME impfen lassen. Für einen mehrjährigen Schutz sind drei Impfungen nötig. Die ersten beiden Impfungen erfolgen im Abstand von ein bis drei Monaten, die dritte – je nach Impfstoff – nach fünf oder neun bis zwölf Monaten. Danach ist eine erste Auffrischung nach drei Jahren, anschließend je nach Alter und Impfstoff alle drei bis fünf Jahre nötig.

Wie entfernt man eine Zecke?
Zecken sollten so rasch wie möglich entfernt werden. Dabei gilt: Hände weg von Klebstoff, Alkohol, Nagellack, Feuerzeugbenzin oder Brennspiritus. Stattdessen das Tier mit einer Pinzette oder Zeckenkarte möglichst nah an der Haut fassen und gleichmäßig senkrecht herausziehen. Es spielt übrigens keine Rolle, ob die Mundwerkzeuge des Tiers in der Haut stecken bleiben. Denn von ihnen geht keine Infektionsgefahr aus. Wichtig ist, dass die Zecke nicht am Hinterleib gequetscht wird, da sonst vermehrt Erreger in die Blutbahn gelangen.