Immobilienmarkt in Stuttgart Mieter berichten: Piëch hat Calwer Passage verkauft
Die komplett bewachsene Fassade ist ein Pionierprojekt der Architektur. Mieter der Calwer Passage berichten nun, Ferdinand Piëch habe die grüne Oase verkauft.
Die komplett bewachsene Fassade ist ein Pionierprojekt der Architektur. Mieter der Calwer Passage berichten nun, Ferdinand Piëch habe die grüne Oase verkauft.
Selbst in diesen heißen Tagen grünt’s so grün an dem mit viel Ehrgeiz entwickelten Vorzeigebau in Stuttgart, der internationale Aufmerksamkeit erregt. Etwa 11 000 Pflanzen, darunter Immergrün, Winterjasmin, Strauch-Efeu und Clematis, wachsen an dem Gebäude, das an der denkmalgeschützten Calwer Passage neu entstanden ist. Ein Mini-Mischwald steht auf dem Dach, und auf dem Platz vor dem Eingang des vor acht Monaten neu eröffneten Schmuckstücks aus Glas und Marmor ragen gesund wirkende Bäume aus einer Stadtoase empor – dort, wo sich geografisch die Mitte der Stadt befindet. Die Bewässerung, so sieht man, funktioniert. Doch funktioniert auch die Kommunikation an diesem Ort?
Eine Nachricht, für die immer noch die offizielle Bestätigung des bisherigen Besitzers fehlt, hat sich rasch herumgesprochen unter den Mieterinnen und Mieter: Demnach hat Projektentwickler Ferdinand Piëch die Calwer Passage verkauft. Mit viel Leidenschaft und Herzblut baute der Investor mit dem klangvollen Namen einer Automobil-Familie den einstigen „Glanzpunkt von Stuttgart“, wie OB Manfred Rommel die mit Glas überdachten 133 Einkaufsmeter bei der Eröffnung 1978 nannte, neu auf. An den alten Ruhm wollte er anknüpfen.
Öffentlich sagt Piëch nichts zum Besitzerwechsel, über den die Geschäftsleute der Calwer Passage reden und darüber hinaus berichten. Die Anwaltssozietät CMS, die Hauptmieterin hinter den grünen Fassaden, streitet die Änderung der Eigentumsverhältnisse gar nicht erst ab. Finn Wehr, Senior Manager Public & Media Relations der CMS, erklärt, er gehe davon aus, dass sich nach dem Verkauf „für uns nichts ändert“. Wie bisher schon werde man auch mit dem neuen Eigentümer „ebenfalls sehr gut auskommen“, so Wehr und fährt vor: „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.“
Die Mieterinnen und Mieter der Passage reden gut über Piëch. Gleich mehrere berichten, dass der Bauherr ihnen persönlich Blumen zum Neustart gebracht und auch danach regelmäßig vorbeigeschaut habe. Dass der oberste Chef nun auf Tauchstation geht, überrascht deshalb einige.
Frank Peter Untereiner, Herausgeber des „Immobilienbriefs“, der bei der „FAZ“ gearbeitet hat und in der Immobilienwelt einen guten Namen genießt, hat unlängst auf seinem Portal die Nachricht veröffentlicht, die nun in Stuttgart hohe Wellen schlägt. Demnach hat Ferdinand Piëch, der die Calwer Passage 2014 von der Württembergischen Lebensversicherung für wohl 25 Millionen Euro erwarb, nach dem Um- sowie Neubau die Immobilie samt Büros, Wohnungen und Geschäften mit einer Bruttogrundfläche von 17 100 Quadratmetern verkauft. Dementiert hat die Piëch Holding GmbH diesen Bericht bisher nicht.
Auf unsere Nachfrage sagt Untereiner, er habe „zwei sichere Quellen“ für den Verkauf der Calwer Passage, die ihn unabhängig voneinander darüber informiert hätten. Erfahren habe er außerdem, dass der Notartermin bereits stattgefunden habe. Wer der neue Besitzer ist, wisse er allerdings nicht.
„Es gibt keine Stellungnahme dazu“, erklärt die Piëch Holding auf Anfrage unserer Redaktion. Keine Stellungnahme, aber auch kein Dementi. In Immobilienkreisen stößt die Nachricht über den möglichen Verkauf auf großes Interesse. In manchen Kaufverträgen, sagt ein Insider, gebe es Verschwiegenheitsklauseln, was das Stillschweigen erklären könne. Dass der Projektentwickler so früh sein Herzensprojekt angeblich veräußere, könne einen einfachen Grund haben, ist zu hören. „International gibt es viele Pensionskassen und Investment-Fonds“, sagt ein Experte, „die hohe Summen anlegen müssen.“ Die Geldgeber würden lieber in moderne und zukunftsweisende Projekte investieren als in ältere Immobilen.
Ein „Leuchtturmprojekt“, das, wie es auf der Homepage der Calwer Passage heißt, „mit seiner Bauwerksbegrünung in unseren nordeuropäischen Breiten bisher seinesgleichen sucht“, verspricht eine optimale Rendite. Wer sich bei Mieterinnen und Mieter der Passage umhört, erfährt rasch, dass sie sich umfassende Informationen über den möglichen Besitzerwechsel erhoffen.
Wie die Geschäfte seit dem Neustart vor acht Monaten laufen? Noch immer sind nicht alle Läden eröffnet. „Coming soon“ heißt es etwa weiterhin am Schaufenster des italienischen Restaurants, das am Ende der Passage geplant ist. Einen Satz hört man bei den Einzelhändlern und Gastronomen immer wieder: „Da ist noch Luft nach oben.“ Der Anfangshype habe nachgelassen. Bei den meisten heißt es, man habe die Ziele noch nicht erreicht. Ein Wirt ärgert sich, dass fast alle Läden um 18 Uhr schließen. Er hat bis 21 Uhr geöffnet – doch wenn „tote Hose“ um ihn herum herrsche, komme keiner mehr zu ihm. Kritik wird auch daran geübt, dass die Rolltreppe zu den Haltestellen von Stadtbahn und S-Bahn nach acht Monaten noch immer nicht funktioniere.
Beim Thema Besitzerwechsel bleiben die Mieter gelassen. „Die Verträge gelten so oder so“, sagt ein Gastronom. Wichtig für den neuen Vermieter sei es, für ein „besseres Marketing zu sorgen“, findet eine Einzelhändlerin. Bei Immobilienhändlern heißt es, die Lage für den Einzelhandel sei nach der Pandemie immer noch schlecht. Aktuell gebe es 18 Leerstände auf der Königstraße. Wenn man schon dort keine guten Umsätze mache, sei es für Passagen am Rande noch viel schwieriger.