Impfzentren in der Region Stuttgart Stille Betriebsamkeit statt Impfmarathon

Viel Platz, wenig Arbeit: Im Ludwigsburger Kreisimpfzentrum sind die Impflinge so rar wie zurzeit überall. Foto: Simon Granville

Sie sollten den Weg aus der Pandemie bahnen: die Kreisimpfzentren. Tatsächlich jedoch konnte noch keines auf volle Touren kommen, weil der Impfstoff knapp ist. Die Kosten jedoch laufen weiter. Was bedeutet das?

Region: Verena Mayer (ena)

Region Stuttgart - Wäre die Halle in der Ludwigsburger Weststadt eine Arztpraxis, sie könnte als Paradies bezeichnet werden: Keine schrillenden Telefone, keine überlasteten Arzthelferinnen, keine verunsicherten Patienten. Stattdessen stille Betriebsamkeit, entspannte Helfer und Besucher, hinter deren Masken ein Lächeln zu erahnen ist. Allerdings ist der Raum in der Ludwigsburger Weststadt keine Arztpraxis, sondern ein Kreisimpfzentrum (Kiz). Und trotz aller Geschmeidigkeit beim Ablauf – zufrieden kann hier keiner sein. Es gibt viel zu wenig Besucher und viel zu viele Fragezeichen.

 

Kritik von vielen Seiten

Das ist nicht nur im Ludwigsburger Impfzentrum so, sondern bei allen. Weshalb die Einrichtungen immer öfter immer lauter infrage gestellt werden. Da war die hiesige Kassenärztliche Vereinigung, die mit einer Petition das Impfen komplett den Hausärzten überlassen wollte. Da war die Apothekergenossenschaft Noweda, deren Chef Impfzentren „überflüssig“ nannte. Und da war der Freistaat Sachsen, der Ende April sogar verkündete, im Juni zehn seiner 13 Impfzentren zu schließen. „Nicht mehr erforderlich“, meinte das Sozialministerium damals.

In Baden-Württemberg jedoch hat die Landesregierung beschlossen, den Betrieb der Impfzentren bis mindestens Mitte August zu verlängern. Was bedeutet das?

Würde alles nach Plan laufen, könnten in Ludwigsburg täglich an die 2500 Impflinge in den Arm gepikst werden. An sieben Tage die Woche, von 7 bis 21 Uhr. Doch inzwischen wurden die Öffnungszeiten von 9 bis 19.30 Uhr eingeschränkt, und die Mitarbeiter sind momentan schon froh, wenn sie so viel Impfstoff bekommen, dass er auch noch für ein paar Erstimpfungen reicht. „Wir versuchen von einer Woche auf die nächste zu kommen“, sagt Roland Kolepke, der medizinische Leiter. In dieser Woche hat er 7450 Zweit- und 1370 Erstimpfungen im Angebot, plus 260 Einmaldosen von Johnson & Johnson. Im Prinzip, sagt Kolepke, sei das Impfzentrum ein Porsche – ein Porsche, dem leider das Benzin fehle.

Keine Auslastung weit und breit

Tragisch ist das, weil das Benzin schon so lange fehlt. Von Anfang an, um genau zu sein. Dabei sollten die Impfzentren den Weg aus der Pandemie bahnen. In der ersten Woche konnten in Ludwigsburg gerade mal 70 Impftermine pro Tag vergeben werden. Im Rest des Landes sah es nicht besser aus. Und wenn dann endlich mal mehr Stoff zur Verfügung stand, gab es neue Probleme: Erst entwickelte sich Astrazeneca zum Ladenhüter, und seit April zählen auch Hausärzte zu den Abnehmern der raren Impfdosen. Bis zu 80 000 Menschen könnten pro Tag in den 50 Kreisimpfzentren im Land geimpft werden – tatsächlich sind es nach Angaben des Sozialministeriums nur rund 50 000. Anders formuliert: Das Land Baden-Württemberg leistet sich seit Januar 50 Porsche, die nicht auf Touren kommen.

Mit Kosten von rund 40 000 Euro ist das Ludwigsburger Kreisimpfzentrum regulär veranschlagt – pro Tag. Und das ist noch günstig. Pro Kiz kalkuliert das Sozialministerium mit monatlichen Kosten von bis zu 1,3 Millionen Euro. Weil der Kreis Ludwigsburg die ihm zustehenden zwei Impfzentren aber an einem Standort gebündelt hat, liegt er eigenen Angaben zufolge deutlich unter diesem Kostenrahmen. Und wenn mangels Impfstoff das Angebot in den Zentren reduziert werde, sei zudem mit geringeren Ausgaben zu rechnen, erklärt das Sozialministerium.

Der Druck steigt

Tatsächlich haben alle Impfzentren in der Region ihren Betrieb stark zurückgefahren. Der Landkreis Esslingen hat Mitarbeiter in seinen beiden Impfzentren in Zwangsurlaub geschickt und den Betrieb von zwei Schichten auf eine Schicht umgestellt. Im Göppinger Zentrum gibt es von kommender Woche an für voraussichtlich 14 Tage ebenfalls nur eine Schicht. Waiblingen behält sich eine solche Schichtreduktion vor, in Sindelfingen wurden die Öffnungszeiten verkürzt. Nichtsdestotrotz sagt der Waiblinger Landrat Richard Sigel: „Aktuell haben wir Doppelstrukturen, die sich gegenseitig Impfstoff wegnehmen und zusätzliche Personalkosten verursachen.“

Und vermutlich wird die Konkurrenz noch größer, wenn sich ab dem 7. Juni flächendeckend Betriebsärzte am Impfen beteiligen können, die Menge an Impfstoff vorerst aber nicht wesentlich größer wird. Der Druck dürfte auf jeden Fall zunehmen, wenn ab diesem Datum auch sämtliche Priorisierungen aufgehoben werden.

Der Wert der Zentren

Dennoch stellt keiner der Landräte in der Region die Impfzentren infrage, im Gegenteil. Ohne sie, meint auch Landrat Sigel, wäre es vermutlich nicht gelungen, so schnell so viele Menschen wie möglich zu impfen. Und es werde auch künftig nicht gelingen, wenn endlich ausreichend Impfstoff vorhanden ist, argumentiert das Sozialministerium. Es schließt noch nicht einmal aus, dass Impfzentren auch im September noch nötig sind. Je nachdem, wann wie viel Vakzin geliefert wird.

„Diesen Preis muss es uns wert sein“, sagt Dietmar Allgaier, als Landrat der Hausherr des Ludwigsburger Impfzentrums. Die Gegenrechnung würde sonst verheerend ausfallen: Noch mehr Menschen würden krank werden oder sterben und die Pandemie noch länger dauern.

Kulturbetrieb schlägt Impfbetrieb

Das riesige Impfzentrum in der Stuttgarter Liederhalle hingegen stellt seinen Betrieb wie geplant Ende Juli ein. Es geht nicht anders. Weil das kulturelle Leben wieder erwachen darf, wird die Liederhalle, wo theoretisch 5000 Impfungen am Tag möglich sind, anderweitig benötigt. Das Stuttgarter Klinikum sucht allerdings nach einer Alternative.

Kosten und Organisation der Impfzentren

In Baden-Württemberg gibt es neun Zentrale Impfzentren (Ziz) und 50 Kreisimpfzentren (Kiz). In Stuttgart gibt es am Robert-Bosch-Krankenhaus und in der Liederhalle je ein Ziz. Außerdem ist die Liederhalle Standort zweier Kiz. Alle Zentren sollten ursprünglich bis 30. Juni in Betrieb sein.

Bei einem Betrieb unter Volllast kalkuliert das Sozialministerium pro Zentralem Impfzentrum mit bis zu 2,7 Millionen Euro pro Monat, für ein Kreisimpfzentrum unter Volllast sind es bis zu 1,3 Millionen Euro.

Die Kosten für den Betrieb der Zentren trägt das Land gemeinsam mit den gesetzlichen sowie den privaten Krankenversicherungen. Für den medizinischen Betrieb ist das Land verantwortlich, die Verantwortung für den organisatorischen Betrieb, inklusive der mobilen Impfteams, liegt bei den Landkreisen. Den Impfstoff bezahlt der Bund.

Weitere Themen