Die Grabkapelle auf dem Württemberg ist das Stuttgarter Himmelreich. Bevor er hinauf steigt, macht StZ-Kolumnist Erik Raidt noch einen Zwischenstopp bei der Mutter der württembergischen Weinkönigin.

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Drei Mal klingeln für den Weinverkauf.“ Das Schild neben der Eingangstür beantwortet die wichtigste Frage – die Frage, wie ich an diesem Morgen zum Wein komme. Wobei mich weniger der Wein interessiert, sondern möglichst fruchtige Geschichten. Als sich die Tür öffnet, habe ich noch keine Ahnung, dass die Dame, die mich hereinbittet, einem Adelsgeschlecht angehört: Rita Schwarz ist die Queen Mum von Untertürkheim. Ihre Tochter Stefanie amtiert noch bis Ende Oktober als württembergische Weinkönigin. Und wer das noch nicht ahnte, der weiß es spätestens, wenn er den Verkaufsraum des Weinguts betritt: Dort begegnet einem die Tochter des Hauses als überlebensgroßes Postergirl. Mit Krönchen im Haar und Rotweinglas in der Hand.

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Rita Schwarz ist stolz auf ihre Tochter. Nicht nur des Titels wegen, sondern weil sie internationale Weinwirtschaft studiert hat. Der Sohn der Familie hat sich auf die Weinbauchtechnik spezialisiert – wenn die Kinder einmal den Betrieb übernehmen, werden sie in der Familie Schwarz die achte Generation sein, die mit Wein ihre Weckle verdient. Das Weingut Schwarz bewirtschaftet knapp neun Hektar Fläche in Untertürkheim, Rotenberg und Wangen. Während sich entlang des Neckars immer größere Genossenschaften bilden und über Marketing und Management hirnen, spielt all das auch für das Weingut Schwarz eine Rolle. Doch der Familienbetrieb will sich bei den Entscheidungen von niemand in die Suppe spucken lassen. Der Weinausbau, die Lagerung und die Vermarktung, „das machen wir alles selbst“, sagt Rita Schwarz.

Unterdessen bedient sie Kundschaft aus der Nachbarschaft, der Verkauf von Trollinger und Riesling wird in breitem Schwäbisch besprochen. Zum Abschied reicht Frau Schwarz eine Autogrammkarte ihrer Tochter mit Widmung: „Herzlichst, Stefanie.“ Beschwingt und annähernd nüchtern geht es weiter, hinauf über die Großglocknerstraße, die in den Himmel führt. Zumindest in den Himmel, der sich weit oben in makellosem Blau über der Grabkapelle auf dem Württemberg aufspannt. Ich schwitze die Weinberge hinauf, die Rebstöcke stehen in symmetrischen Reihen. Kaiserwetter und Postkartenidylle.

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Ein perfekter Tag, um zu heiraten. Vor der Grabkapelle suchen zwei Fotografen für ein Brautpaar nach dem besten Licht. Die Braut rafft ihren Schleier zusammen, der Bräutigam tupft sich die Stirn. Über dem Portal der Grabkapelle steht der Spruch „Die Liebe höret nimmer auf“. Mehr Romantik geht nicht. Oder doch? Vielleicht kennt das Brautpaar nicht die ganze Geschichte über den württembergischen König Wilhelm I., der den Spruch für seine früh verstorbene Katharina prägen ließ. Zu Lebzeiten war Wilhelm auch ein König der Seitensprünge.

Hinab nach Obertürkheim. Eben noch lag mir ganz Stuttgart zu Füßen, das Daimlerwerk in Untertürkheim, das Stadion, das Mercedesmuseum, das Gewirr der Straßen. Ich laufe vorbei an prallen Trauben, die noch bis zur Lese reifen, ein schmaler Weg führt vom Stuttgarter Himmelreich durch die Weinberge Richtung Neckar. Von oben aus wirkt es, als habe ein Riese Spielzeughäuser ins Tal gewürfelt. Dann bin ich in Obertürkheim, einem weiteren Dorf mitten in der Großstadt.