In 80 Zeilen um Stuttgart Wo die Hexen aus dem Häuschen sind

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Auf der 15. Etappe der Stadt-Expedition von Hedelfingen nach Heumaden hat Erik Raidt gelernt, was Knausbira sind – und dass auch im Café Sommer in Heumaden die Gäste mit dem VfB Stuttgart hadern.

Die Straße ist die beste Schule fürs Leben: Der Autor hat in Hedelfingen gelernt, was Knausbira sind. Foto: Raidt 34 Bilder
Die Straße ist die beste Schule fürs Leben: Der Autor hat in Hedelfingen gelernt, was Knausbira sind. Foto: Raidt

Stuttgart - Die Rechnung ist einfach: Wo so viel Wein angebaut, gelesen und gekeltert wird wie im Neckartal, da muss er irgendwo auch getrunken werden. In Hedelfingen etwa, wo in der Heumadener Straße die lokale Wirtschaft rund um Trollinger, Riesling & Co. angekurbelt wird. Wenn ich nur die Zeit dafür hätte, könnte ich hier im Wirtshaus „Zum kühlen Grund“ den Tag verläppern lassen oder in der „Krone“ oder im „Knausbira Stüble“. „Knausbira Stüble“? Mir wird erneut meine Inkompetenz vor Augen geführt, als Stuttgarter über Stuttgart zu schreiben. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ein oder eine Knausbira ist, also frage ich den nächsten Hedelfinger, der mich angesichts meiner Ahnungslosigkeit nur verblüfft anschaut: „Ha, eine Birne isch des!“

Alle bisher erschienenen Serienteile von Erik Raidts Stuttgart-Expedition finden Sie multimedial aufbereitet auch hier!

Tag 15 meiner Stuttgart-Expedition und wieder habe ich erfahren, dass eine alte Ghetto-Gangster-Philosophie stimmt: Die Straße ist die beste Schule fürs Leben. Ich laufe am Gebäude der Weingärtnergenossenschaft vorbei, eine Dame poliert die Fenster, in den schmalen Sträßchen scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Mir kommt es vor, als würde ich durch ein lebendig gewordenes Fotoalbum der fünfziger Jahre wandern.

Doch rasch sehe ich auf meinem Weg nach Lederberg das durchgestrichene Ortsschild von Hedelfingen, ich stapfe hinauf, vom Neckartal hoch zur Filderebene. Zwischen mir und meinem Ziel liegt eine grüne Wand aus Wald und Gartengrundstücken. Es geht steil empor, immer der Nase nach. In den Geruch von nasser Erde und Moos mischen sich süßliche Noten von Äpfeln. Da und dort stehen inmitten der Stückle Hexenhäuschen, doch die meisten Bewohnerinnen scheinen ausgeflogen zu sein. Lederberg liegt auf der Halbhöhe, es schmiegt sich wie so viele Stuttgarter Wohngebiete auf halber Höhe in den Hang. Und wie so oft, flankieren auch hier breite Garageneinfahrten die Wohnhäuser.

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In Lederberg praktiziert ein ungewöhnlicher Medizinmann. Sein Praxisschild weist ihn als „Radologen“ aus, er sei von allen Kassen anerkannt. Leider komme ich außerhalb seiner Sprechstundenzeiten in Lederberg vorbei, und so bin ich auf meine Erinnerungen angewiesen. Als ich Roland Wolbold zuletzt konsultierte, fand in Stuttgart die Rad-Weltmeisterschaft statt. Man hatte mir erzählt, dass niemand in der Stadt so viel Ahnung vom Radsport habe wie der „Radologe“ Roland Wolbold, der in Lederberg sein Radsportgeschäft führe. Und niemand hätte eine solche Schwertgosch wie er. Beides war noch untertrieben. Als ein etwas korpulenterer Herr bei Wolbold nach einem federleichten Rennrad verlangte, bekam er vom Experten folgende Antwort: „Schauen Sie sich mal im Spiegel an – nackt und im Profil. Und dann sagen Sie mir, ob Sie immer noch genau dieses Rad wollen.“

Heute muss ich ohne sein Mundwerk auskommen, dafür liegt der größte Teil meiner Bergwertung hinter mir: Heumaden – der Buckel ist bezwungen. Vor dem Café Sommer frühstücken zwei Männer mit Kaffee und Zigaretten. Die Herren leiden vernehmlich am VfB. Die Spieler, der Trainer, der Manager – alle bekommen ihr Fett weg. Zwei Männer singen im Café den Herbstblues, dabei soll es in den nächsten Tagen noch einmal Sommer werden, so ein Sommer, wie er früher einmal war.

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