In Ebersbach gibt es Essen per Knopfdruck Regiomat ersetzt den Tante-Emma-Laden

Für das Roßwälder Milchhäusle haben sich drei landwirtschaftliche Betriebe zusammengetan. Foto: Stadt Ebersbach
Für das Roßwälder Milchhäusle haben sich drei landwirtschaftliche Betriebe zusammengetan. Foto: Stadt Ebersbach

In immer mehr Dörfern werden Automaten aufgestellt, die den Tante Emma Laden ersetzen sollen.

Göppingen: Corinna Meinke (com)

Kreis Göppingen - Auf den Dörfern tut sich was beim Thema Nahversorgung. Blumen, Getränke und Rauchwaren aus der Blechkiste mit Geldeinwurf: Das war gestern. Heute zaubern die glänzenden Hightech-Butler Hausmacher Rindsrouladen, Ziegenkäse und Marmeladenspezialitäten hervor und sichern damit die Grundversorgung der Menschen, die nicht im direkten Einzugsgebiet eines Lebensmittelladens wohnen. Einen regelrechten Automatenboom erleben derzeit die Teilorte von Ebersbach im Kreis Göppingen. Hier ermöglichen mehrere Landwirte und ein Metzger als Direktvermarkter die Nahversorgung aus der Kiste – und das praktischerweise rund um die Uhr. Und wer es noch ausgefallener mag, kann sich im Nachbarort Hochdorf (Kreis Esslingen) mit Bio-Büffelmozzarella, Ziegenkäse-Spezialitäten und Prosecco ebenfalls aus dem Automaten eindecken.

Der letzte Metzger hat längst dicht gemacht

Seit Jahren veröffentlichen der Baden-Württembergische Einzelhandelsverband und das Wirtschaftsministerium Handreichungen, welche Ladenkonzepte die Versorgung in ländlichen Regionen sichern sollen. Trotzdem geht das Ladensterben weiter. So wie in Ebersbach-Bünzwangen, wo der letzte Metzger sein Geschäft vor gut einem Jahr geschlossen hat. Neuerdings können sich die knapp 2000 Bewohner wieder mit Fleischsalat und Saitenwürstchen versorgen – und das rund um die Uhr.

Der Automat kommt billiger als jede Filiale

Dazu hat der Ebersbacher Metzger Stephan Rapp einen Automaten in dem Teilort aufgestellt. Wer frische Weckle dazu möchte, muss sich allerdings an Ladenöffnungszeiten halten, denn das Backwerk gibt es noch ganz regulär am Ort in einer Filialbäckerei gleich neben dem Automaten. „Die Nachfrage nach den Geräten boomt gerade richtig“, hat Rapp erfahren. Acht Wochen lang musste er warten, bis sein „Regiomat“ aus Österreich endlich eintraf. Vom Hauptgeschäft in der Innenstadt aus kann Rapp über seinen Rechner genau verfolgen, welche der 27 Artikel wie schnell abverkauft werden und gleichzeitig auch die Kühltemperatur im Auge behalten. 15 000 Euro habe ihn die Hightech-Kiste gekostet, viel Geld, aber kein Vergleich zu den Investitionen, die er in eine Filiale hätte stecken müssen, erklärt der junge Mann, der den Familienbetrieb bereits in der dritten Generation führt.

Rohmilch per Knopfdruck

Im benachbarten Ebersbach-Roßwälden haben sich gleich drei landwirtschaft­liche Betriebe zusammengetan, um die Menschen mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen – ebenfalls aus dem Automaten versteht sich. „Roßwälder Milchhäusle“ prangt über der türlosen Holzhütte, die lediglich einen kleinen Tisch mit Werbeunterlagen und einen nagelneuen Milchautomaten beherbergt. Der Standort scheint geschickt gewählt, denn die Lage an der Kreisstraße zwischen Ebersbach und Schlierbach verspricht manchen Spontaneinkauf, wenn feiertags und an Wochenenden der Gang zum Automaten über einen leeren Kühlschrank hinweghelfen kann. Rohmilch frisch ab Hof lässt sich hier selbstständig zapfen, wenn der Kunde dazu ein eigenes Gefäß mitbringt. Aber auch Spontankäufe sind im Milchhäusle der neuen Generation möglich, denn nur einen Automaten weiter lassen sich sogar die entsprechenden Glasflaschen zum Vorzugspreis ziehen.

Ware nur gegen Bares

Hier serviert der Automatenlift per Knopfdruck außerdem Obst, Salat und Gemüse, alles frisch und aus eigenem Anbau, versichert die Gemüsebäuerin Christine Zwecker, die auf dem nahe gelegenen Birkenhof seit Jahren außerdem einen Hofladen betreibt. Den Einkauf am bisherigen offenen Straßenstand, an dem die Kunden bisher in Eigenverantwortung in eine Kasse bezahlen konnten, haben die Landwirte inzwischen abgeschafft, weil offenbar immer wieder Ware ohne Gegenleistung mitgenommen worden war. Schon seit vielen Jahren bietet auch der Struthof in Uhingen-Holzhausen seine Waren im Automaten an der Straße nach Wangen an. „Vergleichbare Produkte kriege ich so in keinem Laden“, erklärt ein Kunde, der kurz mit dem Auto angehalten hat, um sich ein frisch gebackenes Steinofenbrot fürs abendliche Vesper zu besorgen. Eine weitere Kundin schwört auf den regional erzeugten Apfelsaft aus Uhingen in der großen Familienpackung, während das Töchterchen strahlend einen Dauerlutscher aus demselben Fach angelt.Kundenbindung im Automatenzeitalter funktioniert hier offenbar ebenfalls automatisch, denn die unterste Reihe der Waren ist in Griffhöhe als Kinderfach deklariert und zusätzlich mit einer verlockenden Süßigkeit bestückt.




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