An Ostern sind sie überall: Hühner. Als kleine Porzellan-Figur auf dem Esstisch der Großeltern, als WhatsApp-Status-Motiv von Tante Martina oder im italienischen Eiscafé in der Königsbaupassage – ja, wirklich. „Das ist unser Lieblingscafé“, erzählt Patrick Brandl aus Remseck. Er zieht einen Stuhl vom Nachbartisch ran und stellt seinen Rucksack darauf ab - im selben Moment streckt Huhn Dotty selbstbewusst ihren Hals heraus und dreht mit ruckartigen Bewegungen den Kopf, als würde sie ihre Umgebung scannen. Getuschel, ungläubige Blicke und unzählige Handykameras. Doch Dotty interessiert das nicht. Für sie sind Paparazzi nichts Neues: In den sozialen Medien ist sie längst ein Hit, Videos von ihr und Patrick haben teilweise über 50.000 Klicks.
„Sie kann nicht allein sein“
„Tock-Tock-Tock“: Dreimal tippt Dotty mit ihrer Schnabelspitze auf den Deckel der Sprudelflasche. Patrick Brandl weiß sofort, was es bedeutet, füllt den Deckel mit Wasser auf und reicht ihn seiner gefiederten Begleitung. Was für Passanten und Café-Gäste ein Grund ist, das Handy zu zücken, ist für den 36-jährigen Alltag. Aus einer „Notwendigkeit“ heraus, nimmt er sein ungewöhnliches Haustier im Katzen-Rucksack mit – egal wohin. „Sie kann nicht allein sein“, erklärt der Remsecker.
Wie das Huhn in den Rucksack kam
„Das war spontan“, erzählt Patrick. Er arbeitet als Fotograf und erhielt vor zwei Jahren einen Auftrag für einem Legehennen-Betrieb. In der Pause kam eines der Hühner auf ihn zu und forderte ein Stück seines Vesperbrots ein. Überrascht vom tierischen Selbstbewusstsein teilte der Fotograf sein Brot mit dem Huhn, das danach neben ihm einschlief.
Kurz vor Patricks Abreise erwähnte der Betreiber, dass einige der Hühner bald das Rentenalter erreichen und danach nicht auf dem Kreuzfahrtschiff, sondern im Suppentopf landen würden. Für Patrick eine unmögliche Vorstellung. „Für zwei Euro konnte ich sie mitnehmen, aber am Ende wurde Dotty mit der Gage verrechnet“, erinnert er sich. Bis heute hat er seine Entscheidung nicht bereut.
Vom Schicksals- zum Flügelschlag
„Dotty hat mein Leben bereichert“, erzählt der 36-Jährige. Ein Schicksalsschlag erschütterte Patricks Alltag. „Ich war am Ende.“ Doch Dottys Anwesenheit beflügelte ihn, schenkte ihm Aufwind, Motivation und „einen Grund vor die Tür zu gehen.“ Seitdem gehen sie gemeinsam spazieren, wandern oder in Restaurants: Am liebsten kehrt das Duo bei einem Italiener in der Innenstadt ein – dort bekommt Dotty sogar eine hühnerfreundliche Portion Nudeln serviert.
Ähnlich positiv wie im Restaurant reagieren die meisten Passanten, die Patrick und Dotty auf der Straße erkennen. „Von 100 Begegnungen sind vielleicht zwei blöd“, meint Brandl. So haben um den Jahreswechsel zwei Jugendliche versucht, Feuerwerkskörper in Dottys Rucksack zu werfen. Am Weihnachtsmarkt versuchten andere, an ihren Flügeln zu ziehen. Doch das sei, zum Glück, der Ausnahmefall. Bisher durfte seine tierische Begleitung auch fast überall mit. Nur der Fernsehturm erlaubte keinen Besuch des Huhns.
Jugendliche zücken oft das Handy
Gegen Fotos hat Patrick nichts, nur eine Sache wundere ihn: „Jugendliche filmen mich oft heimlich, tun so als würden sie auf dem Handy spielen und laden es dann auf Tik-Tok hoch. Ich bekomme das natürlich mit.“ Andererseits freue es ihn auch, wenn „die Leute mich erkennen und sagen: Du bist doch der mit dem Huhn!“
„Der mit dem Huhn“, da müsse der Remsecker immer lachen. „Ich habe doch nicht den Mount Everest bestiegen, ich habe nur ein Huhn.“ Doch es ist nicht nur das Huhn, das Patrick so beliebt macht. Es ist seine Fürsorge, seine Geduld und sein Engagement für ein Tier, dessen Leben mal zwei Euro wert war. „Ich weiß, Hühner werden nicht so alt, deshalb genießen wir jeden Tag zusammen“. Patrick aus Remseck hat Dotty ein neues Leben geschenkt und Dotty ihm einen Grund, nicht aufzugeben.