Indisches Filmfestival Frauen im Goldenen Käfig

Von Bernd Haasis 

Das indische Kino hat seinen eigenen Kopf, seine eigenen Farben. Die Filmemacher blicken auf Armut und Diskriminierung und transportieren doch vor allem eines: Hoffnung.

Der kleine Titelheld in „Chippa“ geht in Kalkutta auf eine Odyssee durch die Nacht Foto: Festival
Der kleine Titelheld in „Chippa“ geht in Kalkutta auf eine Odyssee durch die Nacht Foto: Festival

Stuttgart - Vor dem Portal des Metropol-Kinos wacht ein prächtiger Elefant über den roten Teppich, auf dem die Gäste reden, tanzen und singen. Auch im 16. Jahr des Indischen Filmfestivals bleibt der Subkontinent faszinierend und rätselhaft, während Traditionen und Moderne immer heftiger kollidieren.

Die Filmemacher sind mittendrin, beobachten­, halten fest, kommentieren. Er habe immer größere Empathie entwickelt, sagt Shanti Bhushan Roy bei einer Veranstaltung mit Kameraleuten. Er hat in ganz Indien Bilder gemacht für eine TV-Show des Bollywood-Stars Amir Khan, der den Finger in viele Wunden legt – etwa­ die nach wie vor gängige Abtreibung weiblicher Föten, weil Töchter vielen als minderwertig gelten. Eindringlich befragt Khan im Studio betroffene Frauen, ein wunderbares Bewegtbild-Album an Porträts von Mädchen und Frauen hat Roy zusammengetragen­.

Geschichte eines Skandals

Wie weit der Weg zur Gleichberechtigung noch ist, bestätigt die Schauspielerin Sonal Seghal. Sie ist im Spielfilm „Hilaaf“ als die Ehefrau in den 20er Jahren zu sehen, deren reicher Mann keinerlei Interesse an ihr hat und sie im Goldenen Käfig einsperrt. Die einsame Liebeshungrige beginnt eine Affäre mit ihrer Masseurin und versucht bald auch, ihre 14-jährige Nichte zu verführen. Diese war die spätere Autorin Ismat Chughtai, die daraus in den 40ern eine Kurz­geschichte machte, für einen Skandal sorgte und angeklagt wurde.

Der Film springt zwischen den Zeiten, und Sonal Seghal leidet, verführt und zickt als Frau, die vom Opfer zur Täterin wird. Im richtigen Leben sprüht sie vor guter Laune am Freitag vor dem Metropol-Kino, sie posiert für den Fotografen in ihrem roten­ Sari und tanzt zum indischen Sound aus der Musik-Rikscha. „Die Rolle war eine große emotionale Herausforderung“, sagt sie im Interview. „Wir mit unseren permanenten sozialen Kontakten, ich weiß gar nicht wie das ist, einsam zu sein. Ich habe allen gesagt: Lasst mich in Ruhe! Ich brauchte Zeit für mich, um mich in die Stimmung eines Menschen versetzen, mit dem niemand spricht.“

Unerwartet tröstlich

Als Co-Autorin des Drehbuchs hätte sie auch die andere Hauptrolle der Ismat Chughtai spielen können, doch sie wählte den schwierigen Weg: „Begum geht durch viele Gefühlszuständen, ihr Charakter verändert sich stark – das hat mich dann doch mehr gereizt.“ Und der Übergriff auf die Nichte? „Heute wäre das eindeutig Pädophilie­, in den 20er Jahren wurden 14-jährige­ Mädchen verheiratet – so wie meine eigene Großmutter“, sagt Seghal. „Seither hat es sich gebessert, aber von Gleichberechtigung sind wir weit entfernt und weibliche Sexualität bleibt ein Tabu. „Es wäre schwer, diesen Film in Indien in die Kinos zu bekommen.“

Gleich zwei Streifen handeln von Jungs, die verschwundene Väter suchen. „Chippa“, der Gewinner des Festival-Preises German Star of India, kommt als federleichtes Roadmovie daher und begleitet den naseweisen Titelhelden auf einer nächtlichen Odyssee durch Kalkutta.

Der Junge, der auf der Straße neben dem Essensstand der Großtante haust, geht durch ein Kaleidoskop der indischen Normalbürgerschaft, trifft einen schlitzohrigen Taxifahrer, einen großherzigen Polizisten, streitende Musiker – und ein kinderloses Ehepaar. Der Film beschönigt nichts und wirkt doch unerwartet tröstlich. „Hamid“ wiederum geht als tragisches Drama mitten hinein in den Konflikt um die Bergregion Kashmir, die Indien, Pakistan und China für sich beanspruchen. Der Vater des Jungen kehrt in einem muslimischen, von der indischen Armee besetzten Landesteil eines Abends nicht zurück. Der Zehnjährige versucht, Allah anzurufen und landet zufällig bei einem indischen Soldaten – mit dem er bald täglich telefoniert, während dieser Nachforschungen anstellt.

Selbst im Bürgerkrieg stimmen die Farben

Der Regisseur Safdar Rahman fokussiert auf den Besatzungszustand und das Leiden der Bevölkerung wie der Soldaten. „Das Publikum sollte nicht hypnotisiert werden von der wunderschönen Landschaft wie beim indischen Heimatfilm der 50er und 60er Jahre, der oft in Kashmir spielt“, sagt Rahman nach der Vorstellung. „Ich wollte keine Partei ergreifen.“ Selbst in diesem Film sind die Farben magisch, sagenhaft blau die Wohnzimmerwände, perfekt abgestimmte die Kleidung der Mutter selbst im Schlamperlook.

Auch in Indien gewinnen Serien an Bedeutung. Der Sender Zee One zeigt am Samstag drei davon, Telenovelas, die sich alle um dasselbe Thema drehen: Wann wird die eigenwillige Tochter endlich heiraten? Für europäische Augen mutet das Theater um arrangierte Hochzeiten archaisch und absurd an. Da macht es keinen Unterschied, ob die zu Verheiratende im historischen Märchenprinzensetting sitzt, leidenschaftlich kocht oder einfach nur machen möchte, was sie will. Dem Kampf um Gleichberechtigung dürften solche Programme wenig helfen.

Eine wunderbare Freundschaft

Eine deutsch-indische Verbindung offenbart ein Dokumentarfilm über das indische Universalgenie G. D. Naidu, das 1939 auf der Leipziger Messe Gottlieb Stoll traf, den Gründer des Esslinger Maschinenbauerunternehmens Festo. Die Familien sind bis heute eng verbunden, zur Stuttgart-Premiere des Films kommen am Freitag drei Generationen der Familie Stoll und zwei der Familie Naidu. „Mein Vater hat ihm geholfen, alte Maschinen zu kaufen, damit er in Indien Werkstätten aufbauen konnte“, sagt Gerda Maier-Stoll, die als junge Frau ein Jahr in Indien verbracht hat. „Die Industrie dort war noch nicht so entwickelt, Naidu hat sie entscheidend vorangebracht.“ Autos, Radios, Agrarprodukte, Kameras, Rasierklingen und Taschenrechner produzierte der Autodidakt. Wie Naidu im Nazireich bestehen konnte, eine Bombardierung Stuttgarts überlebte? Details dazu enthüllt auch der Film nicht. Es könnte sich lohnen, dem aus Stuttgarter Sicht noch einmal nachzugehen.

Auch wenn manches im Dunkeln bleibt, eines gelingt dem Indischen Filmfestival immer: Es lässt den faszinierenden Subkontinent mit seinen Gegensätzen ein kleines bisschen weniger rätselhaft erscheinen­.