Ab November wird sich die S-21-Bohrmaschine Suse in das Gestein unter Möhringen und Degerloch fressen. Vorab informiert die Bahn über das, was auf die Anwohner zukommt.

Filder-Zeitung: Rüdiger Ott (ott)

Möhringen/Degerloch - Ungewohnt ruhig geht es inzwischen zu, wenn Bahnmitarbeiter vor Menschen treten, um mit ihnen über Stuttgart 21 und die in der Nähe anstehenden Baumaßnahmen zu sprechen. Das war am vergangenen Montag, 22. September, so, als in der Landesmesse die öffentliche Erörterung für den Planfeststellungsabschnitt 1.3 begann, samt Filderbahnhof und Rohrer Kurve. Fahnenschwenker, Trillerpfeifen, Sprechchöre – Fehlanzeige. Und so war das auch am Dienstag, als die Bahn den Bürgern den Fildertunnel erklärte. Im Abschnitt 1.2 ist man weiter, die vorbereitenden Bauarbeiten sind im Gang. Und Anfang November wird mit dem Tunnelvortrieb begonnen.

In der Degerlocher Turn- und Versammlungshalle an der Albstraße hätten dreimal so viele Zuhörer Platz gefunden. Letztlich kamen rund 200 Menschen. Viele sind direkt Betroffene, der Fildertunnel, der sich auf einer Länge von 9,5 Kilometern in Richtung Innenstadt windet, verläuft unter ihrem Haus. Und weil so ein Bauwerk nicht an Markungsgrenzen haltmacht, hatte die Degerlocher Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold mit ihrem Kollegen Jürgen Lohmann aus Möhringen zu der Veranstaltung geladen.

Anfang November beginnt der Vortrieb

„Das wird der drittlängste Tunnel der Deutschen Bahn“, sagte der technische Projektleiter Matthias Breidenstein. Er beginnt am Filderportal neben der Autobahn, verschwindet in einem Rechtsbogen unter dem Industriegebiet Fasanenhof, unterquert das Körschtal in einer Tiefe von 19 Metern und die ehemalige Daimlerzentraler in 68 Meter Tiefe, und streift anschließend Hoffeld. An der Großen Falterstraße trennen die Mineure bereits 117 Meter von der Oberfläche. Weiter geht es in Richtung Waldau, und 223 Meter unter dem Fernsehturm beginnen die beiden Röhren mit dem Linksschwung in den Talkessel.

Die östliche Röhre ist schon 160 Meter in den Untergrund getrieben, als vorbereitende Maßnahme. In ihr steckt die 120 Meter lange und 2000 Tonnen schwere Bohrmaschine mit Namen Suse, die in den vergangenen Monaten Stück für Stück angeliefert wurde. „Anfang November geht der Vortrieb los“, sagte Breidenstein. Dann wird sich der Bohrkopf mit einem Durchmesser von fast zwölf Metern in das Gestein fressen, an manchen Tagen 15 Meter weit, an anderen sogar 30.

Ist die Maschine unter der Reutlinger Straße angekommen, im Herbst 2015, wird sie zurückgeschoben. Denn irgendwo weiter vorn liegt der Gipskeuper, der aufzuquellen beginnt, wenn er mit Wasser in Berührung kommt. In dieser Schicht zu bohren, ist eigentlich kein Problem, bekräftigt die Bahn. Aber der Übergang hat es in sich. Dort geht es nur noch mit Baggern vorwärts, vielleicht wird auch gesprengt. „2016 wird ein spannendes Jahr“, sagte deshalb Breidenstein.

Grundstücksbesitzer sollen Entschädigung bekommen

Davon dürfte oben niemand etwas mitbekommen. „Wir erwarten keine Schäden an den Gebäuden“, sagte der kaufmännische Projektleiter Bernd Sievers. Die Baustelle liegt schlicht zu tief, und wenn sich die anhydritführende Schicht ausdehnt, dann bekommt die Bahn ein Problem in der Röhre, aber niemand 200 Meter darüber. Dennoch wird die Bahn vorab eine Beweissicherung machen, und sollten Wände Risse bekommen, will sie zudem ihre Messwerte offenlegen.

Nicht auszuschließen sei, dass es im Untergrund brummt. „Das liegt aber weit unter den Grenzwerten und ist kaum wahrnehmbar“, sagte der Immissionsschutzbeauftragte Peter Fritz. Wessen Grundstück von der Tunnelröhre unterfahren wird, hat deshalb einen Anspruch auf Entschädigung. Dabei gilt, je tiefer der Tunnel, desto kleiner der Betrag. Üblicherweise dürfte dieser drei- oder vierstellig sein.

Mit entsprechenden Verträgen wird die Bahn an die Anwohner herantreten. Verhandeln wird der Schienenkonzern aber nicht, frei nach dem Motto: Friss oder stirb! „Wir zahlen den Mindestbetrag auf jeden Fall, und wenn Sie mehr wollen, müssen Sie sich das vor Gericht erstreiten“, sagte Sievers.

Schon das ist eine Kampfansage. Und auch auf die immer wieder gestellten kritischen Rückfragen aus dem Publikum nach dem Zwischenangriff an der Sigmaringer Straße reagierten die Verantwortlichen bockig. Dieser ist zwar genehmigt, und die Bahn dürfte dort auch graben. Sie will es aber nicht, weil sie mit der Bohrmaschine eine Alternative gefunden hat.

Das erspart den Bezirken viel Baustellenverkehr, Lärm und Dreck. „Wir brauchen den Zwischenangriff nicht“, sagte Peter Sturm, der Geschäftsführer der Projektgesellschaft. „Sie können sich darauf verlassen, er wird nicht kommen.“ Ein Hintertürchen will sich die Bahn aber trotzdem offenhalten, wer weiß schon, was passieren könnte. Auf ihr Baurecht will sie nicht verzichten.