Initiative gegen Herzinfarkt im Rems-Murr-Kreis Auch Laien können Hilfe leisten

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Was sind die Symptome eines Herzinfarkts, wie handelt man im Ernstfall? Vor zwei Jahren haben Kardiologen im Rems-Murr-Kreis einen Verein gegründet, der darüber aufklären will. Die Zwischenbilanz des Projekts überrascht selbst die Macher.

Rems-Murr-Kreis - Der Unbekannte auf dem Boden gibt keinen Mucks von sich. „Hallo, hören Sie mich!?“ Sina Löhle kniet sich zu ihm herunter, fühlt seinen Puls, kontrolliert die Atmung und ruft mit lauter, bestimmter Stimme einen Passanten herbei. „Hallo, Sie im blauen Pullover setzen einen Notruf ab!“ Dann öffnet sie das Hemd des Unbekannten, klappt ein Köfferchen auf, drückt einen Schalter und folgt den Anweisungen der Maschine.

Erste Hilfe: Man kann nichts falsch machen

Die 33-jährige Weinstädterin weiß eigentlich im Schlaf, was zu tun ist, um einen Patienten nach einem Kreislaufstillstand zu reanimieren – und wie wichtig erste Hilfe sein kann. Sina Löhle ist schon seit vielen Jahren ehrenamtlich im Deutschen Roten Kreuz (DRK) tätig, mittlerweile als Ausbilderin sowie in der Kreisbereitschaftsleitung.

Aber auch Ungeübte und Laien können Leben retten. „Man kann nichts falsch machen“, sagt Thomas Eul, „viel schlimmer wäre, nichts zu tun.“ In Fachkreisen zitiert man in diesem Zusammenhang gern die Formel Time is brain – Zeit ist Gehirn. Je früher mit einer Herzdruckmassage begonnen und bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes fortgeführt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei dem Betroffenen keine irreparablen Schäden zurückbleiben.

Mehr als 70 Aufklärungsveranstaltungen

Auch Thomas Eul weiß aus Erfahrung, wovon er spricht. Er ist nicht nur Facharzt für innere Medizin, Kardiologie und Notfallmedizin am Rems-Murr-Klinikum in Winnenden, sondern auch der Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“. Der von 17 Kardiologen, niedergelassenen und Krankenhausärzten, ins Leben gerufene Verein, hat sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung über die Symptome einer der häufigsten Todesursachen sowie das richtige Handeln in einem Ernstfall aufzuklären. Seit seiner Gründung vor fast zwei Jahren haben die engagierten Ärzte zusammen mit dem DRK mehr als 70 Veranstaltungen auf die Beine gestellt, bei denen Firmen, Vereine, Ämter oder andere Gruppierungen und Organisationen von Spezialisten geschult und dabei mehr als 5000 Teilnehmer erreicht wurden.

Sensationelle Verbesserung der Laienhelferquote

Und das scheint sich bereits deutlich in der Statistik niederzuschlagen. Während die Quote der Reanimationen, die durch Laien vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes begonnen wurden, im Landkreis im Jahr 2016 noch bei gerade einmal 28 Prozent und damit in etwa auf Landesdurchschnitt lag, ist sie binnen zwei Jahren auf 53 Prozent angestiegen. „Eine sensationelle Verbesserung in so kurzer Zeit, die wir Mitglieder des Kardiovereins uns zwar insgeheim gewünscht, letztlich aber kaum erwartet haben“, sagt Thomas Eul.

Zwar steht eine wissenschaftliche Auswertung des Projekts, das zunächst auf drei Jahre befristet worden ist, noch aus, aber der Sozialminister Manne Lucha hat bereits angekündigt, eine landesweite Umsetzung des, wie er sagt, „Leuchtturmprojekts“ prüfen zu wollen.

Rund 290 Defibrillatoren in Datenbank erfasst

Möglicherweise gilt das auch für ein zweites Projekt im Kampf gegen den Herzinfarkt, das in der Rettungsleitstelle des DRK in Waiblingen bereits zum Einsatz kommt. Dort sind die Standorte von rund 290 Defibrillatoren – Geräte zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen durch Abgabe von Stromstößen – in einer Datenbank erfasst und mit jeweiligen Besonderheiten in einer Karte hinterlegt worden. So kann ein Ersthelfer nicht nur von der Leitstelle zu dem nächstgelegenen Defi-Gerät geschickt, sondern auch gezielt und individuell über das Telefon angeleitet werden.

Die meisten Geräte sind indes leicht zu bedienen: Über eine eingebaute Sprachfunktion geben sie an, welche Handgriffe in welcher Reihenfolge zu tun sind. In Sina Löhles Fall wären die Anweisungen, aus bereits erwähnten Gründen gar nicht nötig gewesen. Und zum Glück war die Person, die hilflos am Boden lag, auch nur eine Puppe für Übungszwecke.

Weitere Infos über die Initiative findet man hier.