Initiative „Heißer Kessel“ für Bedürftige Suppenküche in Design-Büros

Von Alessa Becker 

Marcus Klein lädt mit seiner privaten Initiative regelmäßig bis zu 300 Bedürftige zu einem warmen Essen ein. „Speisesaal“ sind die Design Offices an der Lautenschlagerstraße. Dort gibt es dann auch Kleidungsstücke und mehr.

Marcus Klein versucht mitten im Gewusel seines „Heißen Kessels“ den Überblick zu bewahren, damit auch wirklich jeder etwas zu essen bekommt. Foto: Alessa Becker
Marcus Klein versucht mitten im Gewusel seines „Heißen Kessels“ den Überblick zu bewahren, damit auch wirklich jeder etwas zu essen bekommt. Foto: Alessa Becker

S-Mitte - Der Boden der schicken Design Offices in der Lautenschlagerstraße ist längst nicht mehr sauber. Zu viele Menschen laufen heute darüber, 300 Männer, Frauen und Kinder. Wie in einem Bienenstock geht es zu, wenn Marcus Klein zu Tisch bittet. Heute gibt es Putengeschnetzeltes mit hausgemachten Spätzle. Marcus Klein steht mittendrin im Gewusel und koordiniert die Menschenmassen. Jetzt muss alles laufen wie am Schnürchen. „Meine Aufgaben sind eigentlich wie im klassischen Management organisieren, strukturieren und Leute aktivieren“, sagt er.

Ein Netzwerk von Helfern

Seit 2016 organisiert Marcus Klein alle zwei Monate den „Heißen Kessel“, ein Wortspiel für die Stuttgarter. Hier bekommen diejenigen etwas zu Essen, die sonst nie ein Design Office betreten und die, die von Putengeschnetzeltem mit hausgemachten Spätzle nur träumen können. Eine Suppenküche für Stuttgarts Bedürftige, und mehr noch: An langen Tischreihen stehen ehrenamtliche Helfer, die Schuhe und Kleider ausgeben. Alles Spenden, teilweise neuwertig von Geschäften oder Privatpersonen. „Es geht darum, ein Netzwerk von Helfern in der Stadt zu aktivieren“, erklärt Marcus Klein. Jeder könne auf seine Weise etwas beitragen. Als gebürtiger Stuttgarter kennt der 41-Jährige viele Menschen in der Stadt. „Ein Freund von mir hat die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und ein anderer hat die Werbeflyer gedruckt“, sagt er. Die Stadt habe ihm so viel gegeben, „Glück, Freunde, Wohlstand, nun möchte ich der Stadt etwas zurückgeben.“ Der ehemalige Banker macht sich gerade mit einem Start-up-Unternehmen selbstständig. Nebenbei hilft er den Armen in seiner Umgebung. „Ganz konkret möchte ich für die Menschen vor Ort etwas tun, die es nicht so gut erwischt haben wie ich“, sagt er. Und er möchte mit eigenen Augen sehen können, wo seine Hilfe ankommt. Bei dem Ansturm in der Lautenschlagerstraße kann er große Augen machen.

Da ist Bernd, er war schon öfter beim Heißen Kessel. „Mir sind die Gasthäuser zu teuer“, sagt der 68-jährige Rentner. Er arbeitete einst im öffentlichen Dienst, bis er mit 51 Jahren in Frührente ging. „Seitdem reicht die Rente nicht.“ Eine schwere Krankheit, der Tod eines Angehörigen oder Verlust des Partners. „Viele, die zu uns kommen, hatten eine schwere Zeit, über die sie nie richtig hinweggekommen sind“, sagt Marcus Klein. „Sie haben ihren Job verloren und sind in finanzielle Schwierigkeiten geraten.“ Altersarmut sei das Stichwort, wenn er sich seine Gäste so anschaue, die meisten über 50 Jahre alt. So wie Eva und Lea. Die beiden Freundinnen sind zum ersten Mal beim Heißen Kessel. „Ich bin überwältigt von den Eindrücken hier“, sagt Eva. Mit einem weißen Strohhut und einem bunten Sommerkleid hat sie sich für ihren Ausflug am Samstag besonders hübsch gemacht. „Es gibt hier so viele Kleidungsstücke, die zum Teil ganz neu sind.“ Ihre Freundin Lea hat sich schon einen Pullover vom Kleidertisch genommen. „Fühl mal, wie weich der ist.“ Durch Bekannte sind die beiden Frauen auf die Initiative aufmerksam geworden. Wie Bernd treffen sie viele Freunde in den Design Offices. „Oft sieht man dieselben Gesichter, ob in der Vesperkirche oder bei anderen sozialen Veranstaltungen“, sagt Lea. Oft seien die Leute ungeduldig. „Deshalb ist es hier so chaotisch, aber Randale gibt es nicht, denn alle sind sehr dankbar, dass ihnen geholfen wird.“ Stuttgart sei eine soziale Stadt und tue viel für die Armen.

Der Bedarf ist da

Viel, aber nicht genug, findet Marcus Klein. Er ärgert sich, dass er von der Stadt keine Unterstützung erhält und dass er alles aus eigener Kraft stemmen muss. „Die Zuständigen meinen, dass es schon genug soziale Angebote in Stuttgart gibt.“ Doch er merke deutlich, wie sehr sein Angebot gebraucht wird. „Der Bedarf ist da.“ Rund 30 Helfer sind an diesem Tag für seine Aktion auf den Beinen. Sie schenken Kaffee aus, hören sich Sorgen und Wünsche an, verteilen die Kleidung. „Armut erkennt man oft nicht auf den ersten Blick“, sagt Klein. Er urteile nicht über die Menschen, die zu ihm kommen. „Hier ist jeder willkommen, der friedlich ist.“ Marcus Klein wünscht sich, dass sich noch mehr große Unternehmen an seiner Initiative beteiligen. „Wir können größere Sachspenden gut gebrauchen, zum Beispiel Alltagsartikel wie Zahnpasta und Shampoo.“ An den alltäglichen Dingen des Lebens fehlt es den Bedürftigen oft. Es sei viel schwieriger, eine gemeinnützige Aktion zu organisieren, als eine große Party oder ein Rockkonzert, sagt Klein. „Die Stuttgarter möchten schon helfen, aber oft wissen sie nicht wie.“ Dabei habe jeder Mensch Fähigkeiten, die er bei seiner Initiative einbringen könne. „In unserer Stadt müssen wir alle zusammenhalten und nur gemeinsam sind wir stark“, sagt er.

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