Inklusion Das richtige Umfeld schaffen

Von Jens Gieseler 

Wenn Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt integriert sind, profitieren viele Seiten, wie zwei Beispiele aus mittelständischen Betrieben zeigen.

Menschen mit Behinderung benötigen persönliche Fürsorge. Tobias Maunz arbeitet auf dem Radlader. Gregor Oleksiak (links) hat ihn Schritt für Schritt eingewiesen. Foto: DU:
Menschen mit Behinderung benötigen persönliche Fürsorge. Tobias Maunz arbeitet auf dem Radlader. Gregor Oleksiak (links) hat ihn Schritt für Schritt eingewiesen. Foto: DU:

Stolz sitzt Tobias Maunz auf dem Radlader und tuckert durch die Halle. Einen klassischen Männertraum hat sich der 27-Jährige mit seinem Job erfüllt, wenn er mit Hilfe des gelben Kraftpakets mannsgroße Pakete aus gepressten Plastikflaschen in die Sortier- und Schredderanlage schiebt und schüttet. Doch für Tobias Maunz ist Radlader fahren mehr als eine Fantasie. Es ist ein Meilenstein in seinem Berufsleben. Der gebürtige Holzheimer hat eine Lernbehinderung. Wo andere mit ähnlichem Handicap einfache Tätigkeiten in einer Behindertenwerkstatt verrichten, übernimmt der ehemalige Sonderschüler der Pestalozzischule in Göppingen Verantwortung. Sein Kollege Gregor Olek­siak ist froh, mit Maunz einen fleißigen Mitarbeiter zu haben, der gut in das junge, 13-köpfige Team der Eislinger Recycling­firma passt.

Eingestellt hat ihn Beate Schwarz. Die Geschäftsführerin der Entsorgergruppe 'DU: willkommen in der Umwelt' mit Sitz im unweiten Holzheim kann sich noch gut an die Bewerbung des damals 22-jährigen, freiwilligen Feuerwehrmanns erinnern. 'Tobias Maunz hatte weder Schul- noch Ausbildungsabschluss', erklärt die Chefin von 190 Mitarbeitern. Aber er hatte sich eigenständig auf eine Zeitungsanzeige beworben. Zeigte also Eigeninitiative. Das gefiel der Familienunternehmerin, und sie lud den jungen Mann ein, ein vierwöchiges Prak­tikum zu absolvieren. Da überzeugte er. Inzwischen ist Maunz seit fünf Jahren fest angestellt. Szenenwechsel. Im Hessischen beschäftigt die Erdt-Gruppe, ein Spezialist für Kommissionierung und Verpackung von medizinischen Geräten, eine Handvoll Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Betriebsleiter und Prokurist Uwe Eichhorn erklärt worauf es ankommt, wenn Kollegen Behinderungen oder einfach Herz- oder Hörfehler haben - und dadurch nicht alle Tätigkeiten ausüben können.

In jeder Abteilung ein fester Ansprechpartner

'Wir passen die Arbeitsplätze den Bedürfnissen der Kollegen an', sagt der Inklusionsbeauftragte des Viernheimer Unternehmens, in dem mehr als 400 Leute arbeiten. Konkret bedeutet das für einen Mitarbeiter mit Hörproblemen, dass er nicht in dem Areal der Lagerhalle arbeitet, in dem Gabelstapler die Flure entlangbrausen, denn Sirene und Stapler hört der Betroffene einfach nicht. Für einen anderen Kollegen mit Lernbehinderung haben Eichhorn und sein Team ein Patenmodell entwickelt. Der 20-jährige Bastian hat in jeder Abteilung einen festen Ansprechpartner. Somit weiß er, an wen er sich in Produktion, Logistik oder bei den Hausmeistern wenden soll, wenn er seinen Job erledigt hat. Denn Bastian muss eines nach dem anderen tun, komplexe, mehrschichtige Arbeitsabläufe überfordern ihn.

Auch Beate Schwarz weiß um die Fürsorge, derer es für die Kollegen bedarf. 'Mein Anspruch ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen mit Behinderung ohne Hindernisse arbeiten können', sagt die Chefin und Mutter zweier Kinder. Was wiederum bedeutet, dass Tobias Maunz gefördert wurde. Sein Vorgesetzter Gregor Oleksiak hatte die Aufgabe, seinen acht Jahre jüngeren Kollegen mit Bedacht in einzelne Arbeitsschritte einzuweisen. 'Nach einem halben Jahr hatte Tobias es drauf', sagt der gelernte Elektrotechniker nicht ohne Stolz. Gemeint ist, dass Maunz eigenständig Wareneingangs- und -ausgangslisten liest und ankommende Lkws mit dem Gabelstapler ent- und belädt. Nachdem dieser Prozess klappte, fing Oleksiak an, Maunz als Maschinenhelfer zu trainieren. Inzwischen übernimmt er die wöchentlichen Reinigungsintervalle der benachbarten Pyreg-Anlage, die aus Papierfasern und Gerstenspelz Biokohle produziert.

Ähnliche Entwicklungsschübe hat auch Uwe Eichhorn von der Erdt-Gruppe beobachtet. Voraussetzung dafür ist eine informative Kommunikation: 'Wenn Kollegen über Inklusion Bescheid wissen, unterstützen sie die Menschen mit Behinderungen ohne Wenn und Aber', sagt der Betriebsleiter Copacking. Wobei ihm noch etwas anderes aufgefallen ist: 'Bastian ist ein Sonnenschein', sagt Eichhorn. Die unbeschwerte und fröhliche Art des jungen Mannes strahle auf andere ab.

Letztlich verbessere sich so das Betriebsklima, weil neben der täglichen Arbeit bei Erdt das Menschliche zähle. Obendrein fördern etwa Bund und Aktion Mensch Inklusionsmodelle. Bezahlt wird meist ein Zuschuss zum Arbeitslohn im ersten halben Jahr. Inklusion bedeutet übersetzt 'Zugehörigkeit', also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn Menschen - mit oder ohne Behinderung - überall dabei sein können, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion.