Inklusion in Stuttgart Lotsen helfen nach dem ersten Schock

Von Wenke Böhm 

Das ZSL Stuttgart hat 15 Menschen mit Handicaps zu Inklusionslotsen ausgebildet. „Jemand, der frisch aus der Reha kommt, tut sich vielleicht leichter, wenn sein Gegenüber schon länger im Rollstuhl sitzt“, sagt Inklusionslotse Sebastian Fuchs.

Im Gespräch (von links nach rechts): Britta Schade mit den Lotsen Sebastian Fuchs und Friedrich Müller. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Im Gespräch (von links nach rechts): Britta Schade mit den Lotsen Sebastian Fuchs und Friedrich Müller. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Grundidee leuchtet ein. „Jemand, der frisch aus der Reha kommt, tut sich vielleicht leichter, wenn sein Gegenüber schon länger im Rollstuhl sitzt“, sagt Inklusionslotse Sebastian Fuchs, der mit einer Tetraspastik und einer Seheinschränkung zu kämpfen hat. In einer so schwierigen Lebenssituation zählen Erfahrung, Kompetenz und Glaubwürdigkeit besonders.

Britta Schade vom Zentrum selbstbestimmt Leben (ZSL) kennt das gut: „Wenn ich etwas sage, ist es einfach etwas ganz anderes, als wenn jemand ohne Behinderung das gleiche sagt.“ Als Betroffene könne sie viel besser einschätzen, was jemand im Rollstuhl leisten könne und was nicht.

Das ZSL Stuttgart hat 15 Menschen mit Handicaps zu Inklusionslotsen ausgebildet. Die Teilnehmer mit sehr unterschiedlichen Lebens- und Krankheitsgeschichten haben innerhalb des vergangenen Jahres sechs Wochenenden zusammengesessen, Kontakte geknüpft, Vorschriften gelernt und Gesprächssituationen trainiert. „Es hat mir eine Menge für die ehrenamtliche Arbeit gebracht. Ich habe auch von den anderen Lotsen sehr viel gelernt“, sagt Friedrich Müller. Der 58-jährige studierte Politologe und Historiker hat nach 17 Jahren seine Arbeit als Internetrechercheur verloren, „weil die Firma meinte, Insolvenz anmelden zu müssen“. Der Verlust des Arbeitsplatzes wäre in seinem Alter schon unter normalen Umständen schwierig gewesen. Aber für einen gebürtigen Spastiker im Rollstuhl sind die Aussichten doppelt schlecht. Deshalb stürzt er sich jetzt mit dem Lotsenprojekt verstärkt in die ehrenamtliche Arbeit.

Projekt wird bis Ende 2016 gefördert

„Jeder von uns bringt ganz besondere Fähigkeiten und Schwerpunkte ein. Der Austausch ist wertvoll“, sagt Müller. Während er sich auf die Barrierefreiheit in Stuttgart spezialisiert hat, ist Fuchs der Fachmann für Barrierefreiheit im Netz und bei Dokumenten. Der 30-Jährige betont: „Mich rufen ganz viele Menschen an, wenn sie Probleme haben.“ Die Rolle als Ratgeber habe er durch seine Erkrankung schon früh übernommen. „Es war schon immer so: Als Behinderter, der nicht Fußball spielen kann, sitzt man neben dem Feld und hört den Menschen zu.“

Das Projekt wird bis Ende 2016 von der Baden-Württemberg-Stiftung gefördert, im Rahmen des Programmes Inklusionsbegleiter. „Die Inklusionsbegleiter sollen gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen Wege in die gesellschaftliche Normalität erkunden und bei Bedarf auch Alternativen aufzeigen“, heißt es.

Nicht von Pontius nach Pilatus

In Kooperation mit der Lechler-Stiftung fließen 1,25 Millionen Euro in landesweit 17 verschiedene Modellprojekte. Nach Ende dieser Förderung muss das ZSL neue Mittel akquirieren. Sinnvoll sei die Ausbildung und die Gesprächsschulung in jedem Fall, sagt Fuchs: „Ich rede heute anders mit den Menschen als vor fünf Jahren.“

Nachdem die Lotsen ausgebildet sind, soll es jetzt verstärkt an die Öffentlichkeitsarbeit gehen. Menschen mit frischen Behinderungen müssen von dem Projekt erfahren, um die Hilfe abrufen zu können. „Bisher führt ihr Weg oft von Pontius nach Pilatus. Deshalb müssen wir die Lotsen schon im Krankenhaus bekannt machen“, sagt Schade. Weitere Anlaufpunkte könnten die Arbeitsämter, Reha-Beratungen und Sozialdienste sein.

Politischer Einsatz für die Barrierefreiheit

Fuchs und Müller verstehen sich nicht nur als Lotsen, sie sind auch sonst als Inklusionshelfer unterwegs. Müller macht sich zum Beispiel politisch für die Barrierefreiheit stark. „In Arztpraxen und Gaststätten ist sie eine ganz zwingende Notwendigkeit“, sagt er. Mit seinen Erfahrungen hat er sich beispielsweise beim Umbau des Hospitalhofes eingebracht.

Fuchs geht an Schulen, um Vorurteile abzubauen und für einen fairen Umgang mit behinderten Menschen zu werben. „Wenn am Ende auch nur ein Jugendlicher nie wieder ‚Du Spast!‘ sagt, hat sich die Arbeit schon gelohnt.“




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