Inklusion in Stuttgart Spätes Geschenk für 17-jährigen

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Ein 17-Jähriger leidet an Muskelschwund und liegt isoliert zu Hause. Der Schultransport ist dem Amt zu teuer – bis unsere Zeitung recherchiert und die Stadt sich auf ihre Zuständigkeit besinnt.

Um H. nach oben zu bringen, braucht es zwei Männer und die Mutter. Foto: Lg/Achim Zweygarth
Um H. nach oben zu bringen, braucht es zwei Männer und die Mutter. Foto: Lg/Achim Zweygarth

Stuttgart - Der 17-jährige H. leidet an genetisch bedingtem Muskelschwund und kann nur liegend zur Schule transportiert werden. Momentan sorgt der Förderverein der Margarete-Steiff-Schule für den Transport, weil weder Kostenträger noch die Schulverwaltung dafür bezahlen wollten. Nach unseren Recherchen in der Sache hat die Stadt nun doch eingelenkt.

Als Grundschüler war H. einer der quirligen Jungs in der Klasse und hatte viele Freunde in seinem Wohnviertel. Das alles ist Vergangenheit: Nur noch ein Cousin besucht ihn regelmäßig, und zum Bolzen kann sich H. wegen seiner Muskeldystrophie schon lange nicht mehr verabreden. Im Alter von acht Jahren ist H.’s Krankheit ausgebrochen. „Er konnte erst den rechten Fuß nicht mehr bewegen, dann ließ die Kraft in den Armen nach“, erinnert sich seine Mutter, Frau D.

Transport endet an der Bordsteinkante

Ihr Sohn wurde in einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum eingeschult, gewöhnte sich an seinen Rollstuhl und war froh, wieder unter Gleichaltrigen zu sein. Die Krankheit ist allerdings nicht zu kurieren und schreitet fort. Als er mit 16 Jahren seinen Oberkörper nicht mehr selbstständig aufrichten konnte, wurde seine Wirbelsäule operativ stabilisiert. „Die Operation hat mehr als 17 Stunden gedauert, er schwankte zwischen Leben und Tod“, erzählt seine Mutter. Seitdem ist H. auf einen E-Rolli angewiesen, für den in der kleinen Wohnung aber nicht genug Platz ist. Einen Aufzug hat das Wohnhaus auch nicht. Um die Mittagszeit geht es im Treppenhaus des Wohnhauses der Familie eng zu, wenn H. vom Transportfahrzeug in einem Tragetuch ins Haus gebracht und in den ersten Stock getragen wird. Das erledigen in der Regel zwei starke Männer und H.s Mutter.

„Das Beste für die Familie wäre eine behindertengerechte Sozialwohnung im Erdgeschoss“, sagt Peter Otto, der Rektor der Margarete-Steiff-Schule. Doch die Familie findet schon seit einem Jahr nichts entsprechendes. „Deshalb habe ich mich bei der Krankenkasse und beim Schulverwaltungsamt um die Kostenübernahme bemüht, aber leider nur Absagen bekommen“, sagt Otto. Wesentlich bei der Absage der Stadt war: Schülertransporte beginnen und enden an der Bordsteinkante, das Ins-Haus-Tragen ist nicht inbegriffen.

Die Stadt übernimmt Verantwortung

Unsere Redaktion nahm Kontakt mit der Stadt auf, um die Zuständigkeiten zu klären. Insbesondere die Frage stand im Raum, ob Stiftungsmittel zur Verfügung stehen. Und wir wollten Antworten darauf erhalten, wie barrierefrei der Zugang zu Bildung und Teilhabe tatsächlich ist in der Landeshauptstadt.

Mehrere Ämter waren in dem Fall involviert, das Bezirksamt bestätigte telefonisch, dass man sich ebenfalls der Sache annehme. Schließlich kam die erlösende Nachricht von Sozialbürgermeister Werner Wölfle (Grüne): „Das Schulverwaltungsamt schreibt den Gesamttransport (liegend) von der Wohnung bis zur Schule aus und organisiert ihn. Im Rahmen der Eingliederungshilfe (Hilfe zur angemessenen Schulbildung) können dem Schulverwaltungsamt jene Kostenanteile erstattet werden, die auf das Tragen von der Wohnung bis zur Bordsteinkante entfallen“, berichtete Wölfle.

Bis die Ausschreibung abgeschlossen ist und die Organisation steht, regelt der Schulförderverein den Transport des jungen Mannes. Die Freude bei H.’s Klassenlehrer Jörg Friedrich ist groß: „Zu Hause könnte er nur liegen, bei uns an der Schule hat er Bewegung und Kontakt zu anderen Schülern, das tut ihm sichtlich gut.“

Wenig Hoffnung auf barrierefreie Wohnung

Auch Frau D. ist froh, dass ihr Sohn unter Leute kommt. Sollte die Familie eine barrierefreie Wohnung finden, wäre für H. auch ein regulärer Schülertransport ausreichend. Aber daran wagt momentan keiner der Beteiligten zu glauben.




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